Gibraltar – Das Landzünglein an der Waage

Gibraltare ist ein Dorado für Wettspiele und Casinos. [Tisha Razumovsky/shutterstock]

Die britische Enklave Gibraltar ist ein Dorado für Wettspiele und Casinos — und will trotz des Brexit die führende Hoheit über das Onlineglücksspiel behalten. Denn das ist eine der wichtigsten Einnahmequellen.

Gibraltar — das ist eine schmale Landzunge in Form eine ausgestreckten Fingers, der in Richtung Ceuta zeigt, der spanischen Enklave auf dem afrikanischen Kontinent. Gibraltar, das sind gerade einmal 6.5 Quadratkilometer Fläche, 30.000 Einwohner, 15.000 registrierte Firmen und eine Kolonie handzahmer Affen, die sich dort wohnlich eingerichtet haben. Seit 1704 gehört Gibraltar zum Vereinigten Königreich von England, seine Bewohner sind stolze Briten und wollen es bleiben.

Aber bitte innerhalb der EU, denn anders als andere britische Überseegebiete gehört Gibraltar zur EU. Mit 96 Prozent stimmten die Gibraltarer beim Brexit-Votum im vergangenen Jahr so deutlich wie nirgends für den Verbleib in der EU. Der Grund: Die Enklave ist ein Dorado für Wettspiele und Casinos — eine Tatsache, die die Regierung von Gibraltar mit einigem Stolz zu erfüllen scheint.

Paddy Power Betfair schließt Büro in Gibraltar

Man werde alles tun, um „trotz des drohenden Austritts Großbritanniens die führende Hoheit über das Onlineglücksspiel zu behalten”, teilte die Regierung in einem Statement mit. Egal, wie es politisch weitergehe – die Lizenzierungen und Regulierungen würden so arrangiert, dass sie die Glücksspielbranche nicht beeinträchtigten, versichert die Regierung.

Der Brexit und das Damoklesschwert über Gibraltar

Der Brexit berührt auch Fragen von Krieg und Frieden. Daran erinnerte Anfang April ein spanisches Kriegsschiff vor der britischen Halbinsel Gibraltar.

Die eilige Regierungserklärung kommt just zu dem Zeitpunkt, als der große irische Wettanbieter Paddy Power Betfair bekannt gibt, sich aus Gibraltar zurückziehen zu wollen.

Neben dem Tourismus gelten Versicherungen, Onshore-Finanzwesen und Glücksspiel als wichtigste Einnahmequellen Gibraltars. Rund 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts machen die letzten beiden Wirtschaftszweige zusammen genommen aus. Jedes Jahr erzielt Gibraltar Haushaltsüberschüsse zwischen 1.1 und 4.1 Prozent.

Gibraltar: Alter Streit – neue Dimension

Großbritannien hält im Zuge der Brexit-Verhandlungen an den Ansprüchen auf seine an der Südspitze Spaniens gelegene Exklave Gibraltar fest.

Angst vor wirtschaftlichen Einbrüchen im Brexit-Fall

Am vergangenen Wochenende hatte die Regierung in Gibraltar mitgeteilt, es habe in den vergangenen zwölf Monaten unabhängig vom Brexit-Votum einen Zuwachs an Jobs in der Wettbranche gegeben: „Bwin wurde von GVC gekauft und brachte damit mehr Jobs nach Gibraltar, genau so Gala und Landbrokes und Stan James und Unibet”, zitiert der „Gibraltar Chronicle“ die Regierung (Link:  http://chronicle.gi/2017/05/paddy-power-betfair-to-close-gibraltar-office/). Vier weitere Wettanbieter wollten sich in Gibraltar niederlassen und Hunderte Jobs schaffen, teilte die Regierung demnach weiter mit.

Ein Bericht des Britischen Oberhauses, der im März veröffentlicht worden war, sagte schwierige Bedingungen für die zahlreichen Wettanbieter auf der Landzunge voraus, sollte sich Großbritannien wirklich ganz von der EU verabschieden. Deren Lizenzen stünden dann zur Debatte, und würden diese nicht mehr verliehen, verlöre einer von zehn Bewohnern in Gibraltar seinen Job.

Spanier ärgert die Steueroase in ihrer Nachbarschaft

Man fürchtet also nichts so sehr als einen harten Brexit, über dessen Ausformung bei den Britischen Unterhauswahlen am 8. Juni vor allem abgestimmt werden soll. Die vorgezogenen Wahlen sollen der konservativen Premierministerin Theresa May eine gute Ausgangssituation für die Austrittsverhandlungen mit der EU sichern.

Auch die Spanier haben kein Interesse daran, dass Gibraltar aus der EU aussteigt. Einerseits arbeiten 10.000 Spanier auf der Landzunge, deren Arbeitserlaubnis dann ausliefe. Andererseits müsste Spanien dann im Grunde wieder eine Landgrenze einführen, was den Tourismus massiv behindern würde.

Doch die Spanier ärgert, dass es sich bei Gibraltar eigenen Angaben zufolge um eine Steueroase handelt, die für „unfairen Wettbewerb” sorgt. Und so ganz scheint man in Madrid noch immer nicht darüber hinweg zu sein, dass Gibraltar nicht mehr zu Spanien gehört. Der kleine Landstrich im Mittelmeer könnte also die sowieso schon schwierigen Austrittsverhandlungen Großbritanniens aus der EU weiter verkomplizieren.

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