Gesundheitsrisiko Bewegungsmangel: Europas Politiker verkennen den Ernst der Lage

Eine Eurobarometer-Studie zeigt, dass sich die Europäer immer weniger bewegen.

Der wirtschaftliche Nutzen körperlicher Betätigung ist hinlänglich bekannt. Dennoch kritisieren Gesundheitsexperten: Die politischen Entscheider haben immer noch große Mühe, wissenschaftliche Erkenntnisse in eine entsprechende Politik umzusetzen. EURACTIV Brüssel berichtet. 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Bewegungsmangel – zusammen mit ungesunder Ernährung – zu den größten Risikofaktoren für nicht übertragbare Krankheiten. Dazu zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Diabetes.

Derzeit sind 30-70 Prozent der EU-Bürger übergewichtig. Zehn bis 30 Prozent gelten nach WHO-Angaben als fettleibig. Die Organisation warnt vor einer Fettleibigkeitskrise in den kommenden Jahrzehnten in Europa.

Um dieser „Epidemie“ entgegenzuwirken, empfiehlt die WHO 150 Minuten moderate physische Aktivität pro Woche. Dadurch verringere sich das Risiko auf eine ischämische Herzkrankheit um ungefähr 30 Prozent, das Diabetesrisiko um 27 Prozent und das Risiko auf Brust – und Darmkrebs um 21-25 Prozent.

Doch die Europäer bewegen sich weitaus weniger.

Eine Eurobarometer-Studie vom vergangenen Jahr untersuchte die körperlichen Aktivitäten und die Sportgewohnheiten der EU-Bürger. Diese Studie folgte auf vergleichbare Untersuchungen aus den Jahren 2002 und 2009.

Demnach ist der Anteil derer, die nie Sport treiben oder trainieren, zwischen 2009 und 2014 um drei Prozent gestiegen. Er liegt jetzt bei 42 Prozent.

48 Prozent gaben an, sich mindestens einmal pro Woche körperlich zu betätigen, aus Freizeitgründen oder aus Gründen, die nichts mit Sport zu tun haben. Dazu gehören Radfahren, im Garten arbeiten oder Tanzen. Doch 30 Prozent gaben an, dieser Art von Aktivität nie nachzugehen.

Zwei Drittel der Befragten sitzen durchschnittlich zwischen 2,5 und 8,5 Stunden pro Tag. Das ist ein Anstieg von fünf Prozent im Vergleich zu 2002. Elf Prozent gaben an, mehr als 8,5 Stunden pro Tag zu sitzen.

Größtes Gesundheitsproblem im 21. Jahrhundert

„Ich denke, Bewegungsmangel ist das größte öffentliche Gesundheitsproblem des 21. Jahrhunderts“, sagt Steven Blair, Professor in den Bereichen Sportwissenschaft, Epidemiologie und Biostatistik der Universität South Carolina.

„Wir sehen weiterhin, dass Bewegungsmangel und geringe Fitness wichtige Faktoren für Gesundheitsfolgen“, so Blair. „Eine geringe Fitness ist ein mindestens so starker Sterblichkeitsprädiktor wie einige der anderen Risikofaktoren, darunter Rauchen und Fettleibigkeit“, warnt er.

Und die Konsequenzen könnten drastisch sein, so Blair. Die öffentlichen Finanzen werden stark belastet, denn immer mehr Menschen benötigen eine medizinische Behandlung. Das European Centre for International Political Economy (ECIPE) veröffentlichte 2013 ein Grundsatzpapier zum Thema Gesundheit. Darin erklärt das ECIPE, die Regierungen würden sich mit ganzem Herzen Maßnahmen einleiten, um die Fettleibigkeit einzudämmen.

„Bei den derzeitigen Trends und wenn keine Veränderungen bei der Gesundheitsversorgung gemacht werden, werden die Regierungen in Europa bald mit schnell steigenden Kosten für die Behandlung von Krankheiten und Gesundheitsproblemen im Zusammenhang mit Fettleibigkeit konfrontiert werden“, so die Einschätzung des ECIPE.

Doch der Nutzen körperlicher Aktivität geht über die vermiedenen Gesundheitskosten hinaus.

Die Kommission sieht einen Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und einem verbesserten Arbeitsmarkt. Durch den Sport könnten junge Menschen ihre professionellen und persönlichen Fertigkeiten verbessern. Der Kommission zufolge umfasst Sport Werte wie Teamwork, Disziplin, Kreativität und Menschenführung. Diese Qualitäten würden dabei helfen, die Beschäftigungsfähigkeit der jungen Menschen zu verbessern.

Bereits 2007 veröffentlichte die Kommission ein Weißbuch zu den Vorteilen körperlicher Aktivität. Dies war die erste „umfassende Initiative“ zu Sport auf EU-Ebene, im Einklang mit den neuen Anforderungen des Vertrags von Lissabon.

Der Rat verabschiedete 2013 Empfehlungen zu gesundheitsverbessernder körperlicher Aktivität (HEPA). Damit sollte die Kooperation der verschiedenen Sektoren, die in diesem Bereich eine Rolle spielen, gefördert werden. Dazu gehören die Bereiche Bildung, städtische Planung und Arbeitsumfeld.

Die Kommission plant eine Sportwoche im September 2015, um die Menschen dazu zu bewegen, mehr Sport zu treiben und sich körperlich zu betätigen.

Der Fokus liegt zu sehr auf Sport

Doch trotz dieser Initiativen glauben Gesundheitsaktivisten, dass die europäischen Bürger nicht ausreichend ermutigt werden, zu trainieren.

„Die Vorgehensweise der Kommission konzentriert sich zu sehr auf die Sportförderung, wohingegen der Schutz und die Verbesserung der Gesundheit in allen Politikbereichen berücksichtigt werden sollte“, sagt Nina Renshaw, Generalsekretärin der NGO Europäische Allianz für öffentliche Gesundheit (EPHA). “Das bedeutet, darauf zu schauen, wie andere relevante Politiken Aktivität in unseren Alltagsleben anregen könnten.“

Renshaw zählt die Verkehrspolitik und die regionale Förderung zu den Bereichen, in denen die EU Maßnahmen ergreifen sollte. Die EU sollte aktives Reisen mit Walking oder Radfahren gezielt fördern.

„Die EU-Politiken haben die entgegengesetzte Wirkung und regen immer noch eine autobezogene Planung an, besonders bei der Regionalpolitik. Die EU ermöglicht aber auch Subventionen und Steuervergünstigungen für Geschäftswagen und fossile Brennstoffe – vor allem Diesel – was unserer Gesundheit noch mehr schadet“, so Renshaw.

Mit dem Radfahren zu beginnen hat ähnlich viele Vorteile für die Gesundheit wie mit dem Rauchen aufzuhören. Dadurch sparen die Gesundheitsdienste 1.300 Euro pro Jahr und Person. Würden alle Londoner 20 Minuten pro Tag trainieren, würde die Zahl der Herzerkrankungen um 12 Prozent und bestimmte Krebsarten um 20 Prozent zurückgehen, so EPHA.

Renshaw sagt: “Das Verfahren der EU-Folgenabschätzung ist sehr schwach bei der Wertung von Gesundheitsnutzen in anderen Politikbereichen. Gesundheit spielt kaum eine Rolle bei der Verkehrspolitik oder den Ausgabeentscheidungen.“ Von der neuen Folgenabschätzung als Teil der Kommissionsagenda der ‘besseren Regulierung‘ erwarte sie keine Verbesserung.

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