Für mehr Fischstäbchen-Gerechtigkeit

Fischstäbchen ist nicht gleich Fischstäbchen: In Wien enthalten sie mehr Fisch als in Bratislava. [koss13/Shutterstock]

In seiner Rede zur Lage der Union sprach EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker leidenschaftlich über verschiedene Themen. Eins davon: Fischstäbchen.

„Slowaken haben nicht weniger Fisch in Fischstäbchen verdient, Ungarn nicht weniger Fleisch in Fleischgerichten oder Tschechen weniger Kakao in der Schokolade. Das EU-Recht verbietet solche Praktiken schon jetzt,“ hatte Juncker deutlich gemacht.

In einer Union gleichberechtigter Bürger dürfe es keine „Verbraucher zweiter Klasse“ geben. „Ich kann nicht akzeptieren, dass den Menschen in manchen Teilen Europas, vornehmlich in Mittel- und Osteuropa, qualitativ schlechtere Lebensmittel verkauft werden als in anderen, obwohl Verpackung und Markenkennzeichnung identisch sind,“ so Juncker weiter. Man müsse die nationalen Behörden mit „umfassenderen Befugnissen ausstatten, so dass sie flächendeckend gegen diese illegalen Praktiken vorgehen können.“

Die Nachrichtenagentur Reuters hatte Anfang des Jahres herausgefunden, dass Fischstäbchen einer großen Marke in einem Geschäft in Bratislava 58 Prozent Fisch enthielten, während in der gleichen Verpackung einige Kilometer weiter in Österreich Fischstäbchen mit 65 Prozent Fischgehalt verkauft wurden.

Osteuropäische Regierungen und Verbraucherschutzgruppen hatten daraufhin bei der Kommission Protest eingelegt.

Zuckerhaltige Getränke

Es gibt weitere Beispiele. So enthält ein Softdrink in Kroatien bis zu doppelt so viel Zucker wie in Großbritannien. Dies kann teilweise mit verschiedenen Geschmäckern der Verbraucher erklärt werden. Verbraucherschutzgruppen vermuten jedoch, dass in diesem Fall zusätzliche Faktoren wirken. Der Unterschied sei so groß, dass sich Fragen nach dem „Warum?“ aufdrängen.

Die Kommission hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Gesundheit der EU-Bürger über die Ernährung zu verbessern. Daher sind die offensichtlichen Unterschiede in der Zusammensetzung von Produkten nun eine Top-Priorität – und haben es in Form der Fischstäbchen sogar in Junckers SOTEU-Rede geschafft.

So hat die EU-Exekutive zur Bekämpfung des Problems eine Million Euro für die Mitgliedstaaten bereitgestellt. Es existieren zwei relevante EU-Richtlinien: Ein Gesetz verpflichtet die Hersteller, genaue und komplette Inhaltsangaben zu machen; das zweite verbietet „unlautere Geschäftspraktiken wie etwa die Vermarktung von Produkten unter derselben Marke in einer Weise, die den Verbraucher irreführen könnte.“

Darüber hinaus startet die Kommission ein Projekt, mit dem ein Überblick über die Ernährungsqualität herkömmlicher Lebensmittel in europäischen Supermärkten gegeben werden soll. Die Ergebnisse des Projekts sollen dann zu Umformulierungen der Richtlinien führen, die sowohl der öffentlichen Gesundheit zugutekommen als auch fairere Wettbewerbsbedingungen in der Lebensmittelindustrie schaffen sollen.

Doppelstandards bei Lebensmitteln: EU hilft Osteuropa

Schlechtere Qualität, Süßstoff statt Zucker, weniger Inhalt: Ungarn und die Slowakei fühlen sich von Konzernen mit Lebensmitteln schlechter Qualität abgespeist. Der EU-Gipfel will Osteuropa nunhelfen.

Gesündere Inhaltstoffe

Da eine Verbindung zwischen Ernährung und Gesundheit besteht, hofft die Kommission, dass durch die Abschaffung solcher Ungleichheiten auch Gesundheitsunterschiede innerhalb der EU abgeschwächt werden können. In der Tat gibt es beim Thema Gesundheit einen deutlichen Ost-West Graben in Europa.

Eine mögliche Taktik ist es, sicherzustellen, dass die Nährstoffqualität der Lebensmittelinhalte per Richtlinie erhöht und in der gesamten EU harmonisiert wird.

Als Grundlage dafür fungiert weiterhin die Strategie zu Ernährung, Übergewicht und Adipositas aus dem Jahr 2007. Demnach hat sich die EU zum Ziel gesetzt, zwischen 2016 und 2020 den durchschnittlichen Salzgehalt in Lebensmitteln um 16 Prozent und den Anteil gesättigter Fette um fünf Prozent zu senken.

Um sicherzustellen, dass diese Ziele in der gesamten Union und nicht nur in Westeuropa erreicht werden, müsste die Kommission allerdings regelmäßige Kontrollen durchführen – wogegen sich ironischeweise gerade die osteuropäische Regierungen wehren könnten.

Trotzdem: Die prominente Stellung von Fischstäbchen in Junckers SOTEU-Rede könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Kommission Ernst machen will.

Subscribe to our newsletters

Subscribe