Frankreich führt farbkodierte Lebensmittelkennzeichnung ein

Frankreichs Minister für Gesundheit, Landwirtschaft und Wirtschaft hat ein Dekret zur Einführung eines freiwilligen Kennzeichnungssystems für Lebensmittel unterzeichnet, das die Fettleibigkeit reduzieren soll. [Brian Jackson/Shutterstock]

Die französische Lebensmittelindustrie ist in Aufruhr. Frankreichs Minister für Gesundheit, Landwirtschaft und Wirtschaft hat am Dienstag (31. Oktober) ein Dekret zur Einführung eines freiwilligen Kennzeichnungssystems für Lebensmittel unterzeichnet, das die Fettleibigkeit reduzieren soll.

In Frankreich wird es ein Food-Score-System nach dem britischen Ampel-System geben. Der ‚Nutri-Wert‘ bewertet Lebensmittel (außer einkomponentige Lebensmittel und Wasser),  das von einem dunkelgrünen A (am besten) zu einem roten E (am schlechtesten) geht, indem die Prävalenz von schlechten und guten Nährstoffen gewichtet wird.

Die Initiative will den Verbrauchern verständliche Informationen vermitteln, so dass die Nährwerte ebenso berücksichtigt werden wie der Preis oder der Geschmack beim Einkauf von Lebensmitteln, sagten die Minister.

Die Fettleibigkeitsrate in Frankreich (17% bei Erwachsenen) ist ebenfalls ein Zeichen sozialer Ungleichheit (24% der Kinder, deren Eltern die Oberschule nicht abgeschlossen haben, sind übergewichtig oder fettleibig, verglichen mit 9% der Kinder von Eltern mit Hochschulabschluss).

Nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) können farbkodierte Kennzeichnungssysteme die Kalorienaufnahmen um vier Prozent senken und 18 Prozent der Menschen dazu veranlassen, eine gesündere Alternative zu wählen.

Frankreich hat in einem Experiment verschiedene Kennzeichnungssysteme in einem Supermarkt getestet. Unter anderem das britische „Ampel-System“, das jeder Lebensmittelkategorie eine Farbe zuweist und den Verbraucher dadurch anregen soll, Lebensmittel mit vorwiegend grünen und gelben Kennzeichnungen zu kaufen. Es stellte sich heraus, dass der „Nutri-Wert“ sich stark auf das Verbraucherverhalten auswirkt, insbesondere bei Menschen in den unteren Einkommensschichten.

 

"Lebensmittelampel" wird in Europa immer beliebter

Ein Ampelsystem über die Nährwerte und -eigenschaften von Lebensmitteln wurde vor einigen Jahren auf EU-Ebene blockiert. Nun wächst die Unterstützung in Europa.

Die Kennzeichnung der Lebensmittel ist freiwillig. Bislang haben sich sechs Unternehmen  bereit erklärt, „Nutri-Werte“ auf die Vorderseite all ihrer Markenprodukte anzubringen (Auchan, Intermarché, Leclerc, Fleury Michon, Mc Cain, Danone). Das Ministerium rief jedoch auch weitere Unternehmen dazu auf, sich der freiwilligen Kennzeichnung anzuschließen, um eine „großtmögliche Ausbreitung“ sicherzustellen.

EU-Binnenmarkt

Die Lebensmittel-Informationsverordnung der EU verlangt bislang, dass die Nährwerte von Lebensmitteln auf der Packungsrückseite aufgeführt werden. Für Großbritannien, und nun auch für Frankreich, war diese Verordnung unzureichend.

Frankreich hat der Europäischen Kommission am 24. April 2017 seinen Entwurf präsentiert. Die EU-Exekutive hat Frankreich daraufhin grünes Licht erteilt und die französische Regierung  hofft nun, das Kennzeichnungssystem auf europäischer Ebene voranzutreiben.

Kritik an der Lebensmittelkennzeichnung kam von der slowenischen Handelskammer. In einer Stellungnahme argumentierte sie, dass Produkte, die ohne das vorgeschlagene Etikett auf dem französischen Markt gelangen, nun benachteiligt werden würden.

Auch Spanien zweifelte an der Rechtmäßigkeit der neuen Verordnung, da sie alle Exporteure nötigen würde, neue Verpackungen für Frankreich einzuführen. Dadurch würde sich der Wettbewerb verzerren.

Eine Frage der Rezeptur? Lebensmittelindustrie erklärt Qualitätsunterschiede in Ost und West

In der Debatte um unterschiedliche Lebensmittel-Qualitätsstandards werden Qualität und Rezeptur verwechselt, so der Chef des Verbands FoodDrinkEurope.

Ein Sprecher von FoodDrink Europe – dem Gremium für die Lebensmittelindustrie auf europäischer Ebene – erklärte gegenüber EURACTIV.com: „Wir sind enttäuscht, dass die französischen Behörden es vorgezogen haben, die nationale Empfehlung weiterzuverfolgen, anstatt einen europäischen Ansatz zur Nährwertkennzeichnung zu diskutieren. Es bestehen weiterhin Bedenken hinsichtlich der Handelshemmnisse innerhalb des EU-Binnenmarktes, die die französische nationale Inititative verursachen könnte. Wir sind gespannt, mehr über die diesbezüglichen Überlegungen der Europäischen Kommission zu erfahren“.

Die “Evolved Nutritional Labelling Initiative”, ein Zusammenschluss der sechs größten Nahrungs- und Getränkehersteller (Coca-Cola, Mars, Mondelez International, Nestlé, PepsiCo und Unilever), bedauerten ebenfalls die unilaterale Entscheidung Frankreichs. Sie würden ein Kennzeichnungssystem bevorzugen, dass sich näher am britischen Ampelsystem orientiert und auf bestehenden EU-Verordnungen aufbaut.

„Die ENL-Initiative hat zusammen mit unabhängigen Experten ein Nährwertkennzeichnungssystem entwickelt, das leicht in ganz Europa eingeführt werden könnte. Das Sytem entspricht den EU-Vorschriften und ist für die Verbraucher völlig transparent“, erzählte Francesco Tramontin von Mondelez International EURACTIV.

Verbaucherverbände begrüßten jedoch den Schritt Frankreichs, da er einen Impuls für ein vereinfachtes EU-weites System sein kann: „Der französische Schritt ist eine weitere Anerkennung dafür, dass Farben den Verbrauchern dabei helfen, gesündere Lebensmittel zu wählen, wie schon das britische Ampelsystem gezeigt hat. Die Lebensmittelkennzeichnungsgesetzgebung der EU erlaubt solche nationale Initiativen, die Informationen für zukünftigen Diskussionen über ein EU-weites vereinfachtes Kennzeichnungssystem liefern“, sagte Camille Perrin, zuständig für die Lebensmittelpolitik beim europäischen Verbaucherverbund BEUC.

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