Facebooks Algorithmus: Eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit

Luca Nicotra: "Es ist nicht nachvollziehbar, warum Facebook keine systemische Lösung implementiert." [Shutterstock/rafapress]

Medizinische Fachkräfte schlagen Alarm wegen der Gefahren ungenauer oder falscher Informationen in sozialen Netzwerken. In einem neuen Bericht wird geschätzt, dass über Facebook verbreitete Falschinformationen im Gesundheitsbereich im vergangenen Jahr insgesamt 3,8 Milliarden Zugriffe generiert haben. Die Top-Täter erreichen dabei fast viermal so viele Klicks wie führende Gesundheitsinstitutionen wie die Weltgesundheitsorganisation.

Im April hatte Facebook einen Vorstoß gewagt und ein neues System zur Warnung vor Usern, die Falschinformationen verbreiten, eingerichtet. Dennoch setzen diese Nutzerinnen und Nutzer ihre Tätigkeiten praktisch unverändert fort, wie ein Bericht der Organisation Avaaz aufzeigt.

Die Berichtsverfasser hatten sich 82 Seiten und 42 „Superspreader“-Facebook-Profile angesehen, die weit verbreitete Fehlinformationen generieren (die von unabhängigen Faktenprüfern als solche identifiziert wurden). Sie fanden dabei heraus, dass die ungenauen oder geradeheraus falschen Gesundheitsinformationen von einem veritablen „Ökosystem von Akteuren“ verbreitet werden. Die Ergebnisse zeigen darüber hinaus, dass nur 16 Prozent der analysierten und auf Fakten überprüften Fehlinformationen ein entsprechendes Warn-Label von Seiten Facebooks enthielten. Der große Rest verblieb ohne derartige Kennzeichnung auf der Website.

Ebenso deckt der Bericht die Probleme Facebooks dabei auf, Klone und Variationen von Inhalten, die ursprünglich als falsch gekennzeichnet wurden, zu erkennen. Somit konnten variierte Inhalte ohne Warnhinweis auf der Website bleiben, insbesondere wenn sie in anderen Sprachen erschienen.

Flut an Fake News zu Coronavirus: Alarmsystem der EU im Einsatz

Ein EU-Warnsystem zur Überwachung von Desinformation wurde nach einer Reihe von Fake News rund um den Coronavirus-Ausbruch erstmals genutzt.

Während die Bemühungen von Facebook grundsätzlich lobenswert seien, müsse der Social-Media-Riese mehr tun, erklärte der für die Studie verantwortlich zeichnende Luca Nicotra gegenüber EURACTIV.com: „Sie machen eine Menge politische Ankündigungen, aber dann zeigen die Zahlen nicht unbedingt [die entsprechenden Ergebnisse],“ kritisiert er. Es sei „schon ganz allgemein nicht nachvollziehbar, warum Facebook keine systemische Lösung implementiert. Aber während einer Pandemie ist das einfach inakzeptabel.“

Er fordert daher, Facebook müsse seine „Bemühungen verstärken und eine systemische Lösung einführen, die das Problem mit dem Algorithmus umgehend angeht.“

Dem Bericht zufolge könnte die rückwirkende Verbreitung von Korrekturen von unabhängigen Faktenprüfern an alle Nutzerinnen und Nutzer, die falsche oder irreführende Informationen erhalten hatten, den Glauben an die Fehlinformationen halbieren. Darüber hinaus könne die Herabstufung von Posts und einzelnen Akteuren im Falschmeldungs-Ökosystem deren Reichweite um bis zu 80 Prozent verringern.

Prävention und Beratungsresistenz

Gleichzeitig mehren sich die Hinweise auf schwerwiegende Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Eine Studie, die im Mai in der renommierten Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde, prognostiziert, dass Anti-Impf-Meinungen in einem Jahrzehnt vorherrschen, Virenausbrüche dadurch potenziell verstärkt und auch das Wiederauftreten von Krankheiten begünstigt werden könnten.

Nicotra bestätigt, dass Fehlinformationen „in großem Ausmaß das Misstrauen“ gegenüber der Medizin und ihren Fachkräften hervorrufen – eine Sorge, die offenbar viele Ärztinnen und Ärzte teilen.

„Vertrauen ist eine der Grundlagen für die Beziehung zwischen Patient und Arzt,“ so beispielsweise der Generalsekretär des Europäischen Facharztverbands, Dr. João Miguel Grenho. „Wir stellen fest, dass die Fehlinformationen und die Geschwindigkeit der Verbreitung falscher Informationen dieses Vertrauen untergraben und sogar seine Existenz bedrohen.“

EU will "Infodemie" eindämmen

Bislang ist das Löschen von falschen Posts für Online-Konzerne nur eine freiwillige Verpflichtung. Doch wegen der Flut von Falschmeldungen in der Corona-Krise erwägt die EU-Kommission nun eine gesetzliche Regelung.

Laut Grenho würden sich immer mehr Medizinerinnen und Mediziner mit Situationen konfrontiert sehen, in denen ihre Patienten ihnen schlichtweg nicht vertrauen und „sich selbst diese Fehlinformationen und falschen Behandlungsmöglichkeiten [im Internet] besorgen. Sie kommen erst zu uns, wenn es zu spät ist.“

Die Verbreitung derartiger Falschinformationen sei daher „wie ein Lauffeuer im trockenen Grasland: sie breitet sich immer weiter aus und macht unsere gesamte Arbeit sehr schwierig und anstrengend.“

Angst vor COVID-Impfstoff

Grenho geht davon aus, dass es somit bald auch einen Trend gegen den COVID-19-Impfstoff geben könnte, sobald dieser verfügbar ist. Damit würde das Ziel einer weitreichenden Immunität innerhalb der Gesellschaft untergraben.

Kommissionsstudie: "Sanktionen" für Fake News

In einer Studie der EU-Kommission wird der „selbstregulierende Charakter“ des Verhaltenskodex gegen Desinformation kritisiert. Vielmehr sollten „Sanktionen und Abhilfemechanismen“ eingeführt werden, um die Einhaltung der Regeln zu gewährleisten.

Diese Sorge wird geteilt von Dr. Frank Ulrich Montgomery, Ratsvorsitzender des Weltärztebundes, der über zehn Millionen Ärzte vertritt.

Er fügt hinzu, neben der möglicherweise auftretenden Impfverweigerung sei ein weiterer schädlicher Effekt der Falschinformationen die bereits zu beobachtende Leugnung der Existenz oder des Ausmaßes der Krankheit. „Es ist schwierig, diese Informationen aus Facebook herauszubekommen. Aber noch schwieriger ist es, sie aus den Köpfen der Menschen herauszubekommen,“ kommentierte er gegenüber EURACTIV.com.

EU-Justizkommissarin Věra Jourová reagierte derweil via Twitter auf die Avaaz-Studie: „Desinformation in Bezug auf Gesundheit ist eine große Bedrohung für unsere Gesellschaft.“ Es brauche daher „stärkere Maßnahmen, um die Transparenz, den Zugang zu Daten [und] das Bewusstsein der User zu verbessern.“

Die EU-Kommission will noch in diesem Jahr ihre Pläne zur Regulierung der Online-Umgebung und zum Kampf gegen Desinformation vorlegen.

[Bearbeitet von Benjamin Fox und Tim Steins]

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