EU-Drogenbericht: Kokain auf Rekordhoch

Die Menge an beschlagnahmten Kokain hat sich 2017 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. [photopixel/ Shutterstock]

Noch nie wurde in der EU so viel Kokain aus dem Verkehr gezogen wie 2017. Auch synthetische Drogen sind auf dem Vormarsch, zeigt der europäische Drogenreport. Ein Blick in die Berliner Drogenhilfe zeigt, was für Geschichten hinter den Zahlen stecken.

Ungefähr 96 Millionen Europäer im Alter von 15-64 Jahren haben bereits einmal illegale Drogen konsumiert. Das geht aus dem heute, am 06. Juni veröffentlichten Europäischen Drogenbericht hervor. Insgesamt scheint der Import von Drogen zuzunehmen: Noch nie wurde in der EU so viel Kokain abgefangen wie im Jahr 2017, warnt die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) in der Studie.

Droge Nummer eins in der EU bleibt weiterhin Cannabis. Über 17 Millionen Europäer haben die Pflanze im vergangenen Jahr verwendet. Und zwar in immer vielfältigeren Formen: Denn die Legalisierung der Droge in einigen Regionen der Welt treibe den Markt voran, sodass immer neue Cannabis-Produkte auf den Markt kommen, schreibt die Beobachtungsstelle. Die Verarbeitung von Cannabis in Konzentraten, Flüssigkeiten für e-Zigaretten oder essbaren Produkten mache es immer schwieriger, den Stoff zu entdecken. Gleichzeitig habe die Konzentration des pflanzeneigenen Wirkstoffes THC sich im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt. Die Produkte entfalten also eine immer stärkere Wirkung.

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Auch der Konsum von Heroin scheint zuzunehmen. 5,4 Tonnen des gefährlichen Stoffes wurde im Jahr 2017 von EU-Staaten aus dem Verkehr gezogen. Noch viel mehr wird aber an der türkischen Grenze abgefangen. Dort sammelten Sicherheitsbeamte im selben Jahr über 17 Tonnen ein, von denen einige vermutlich für den europäischen Markt bestimmt waren. Auch das Geschäft mit synthetischen Stoffen wie MDMA blüht, sie tauchen in immer größerer Menge und Vielfalt auf und werden auch innerhalb der EU produziert. 2017 fing man in der Türkei 8,6 Millionen Tabletten ab, das ist mehr als in sämtlichen EU-Staaten zusammen gefunden wurde.

Doch es ist das Kokain, das alle Rekorde bricht. Über 140 Tonnen wurden 2017 aus dem Verkehr gezogen, eine Verdoppelung im Vergleich zum Vorjahr. Das liegt zum einen an der gesteigerten Produktion in den südamerikanischen Herkunftsländern, gibt das EMCDDA auf Nachfrage an. Zum anderen würden die Lieferungen auch zunehmend effektiver aufgespürt werden, da sich die internationale Polizeiarbeit auf neue Methoden des Drogentransportes einstellt und vernetzt arbeitet, um zum Beispiel Schiffscontainer zu durchsuchen.

Interessanterweise scheint allerdings die Reinheit des Stoffes zuzunehmen. Womöglich ein Grund dafür, dass sich immer mehr Menschen aufgrund einer Kokain-Sucht in Behandlung begeben. Europäische Klinken vermeldeten zwischen 2014 und 2017 einen Zuwachs neuer Patienten von 37 Prozent.

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Amphetamine für die Party, Cannabis zum runterkommen

Was der europäische Drogenbericht in Zahlen festhält, erlebt die Leiterin des Drogennotdienstes in Berlin in ihrer täglichen Arbeit. Sie stellt fest, dass der Gebrauch von Kokain nicht nur zunimmt, sondern immer häufiger im Mischkonsum, oft in Kombination mit Glücksspiel und Alkohol, auftritt. Dazu komme, besonders in Berlin, eine wachsende Vielfalt an künstlichen Partydrogen. „Wir beobachten, dass der funktionale, gesellschaftsbezogene Konsum zunimmt. Viele nehmen Amphetamine für die Party, Cannabis zum runterkommen und anschließend Schmerzmittel, um die Woche durchzustehen. Dabei geht es um Leistungsoptimierung, die Stimmung wird der Situation angepasst. Diese Art des Konsums ist nicht neu, aber sie hat über die Jahre stark zugenommen.“

Welche Arten von Drogen konsumiert werden, hänge generell von regionalen Faktoren wie Verfügbarkeit und Preis ab. So gebe es in Berlin kaum Crystal Meth, an der Grenze zu Tschechien sei der Stoff dagegen günstig und sehr weit verbreitet. Auch soziokulturelle Faktoren spielen eine Rolle. „Überall dort, wo viel Leistungsdruck herrscht und die eigene Profilierung wichtig ist – in der Start-up Szene zum Beispiel, unter Freelancern oder innerhalb der Medienbranche – nehmen viele Menschen ego-steigernde und und leistungssteigernde Drogen, um länger durchzuhalten“, so Piest.

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Nicht nur die Drogen selber, auch deren Beschaffung ändert sich. Laut der EU- Drogenbeobachtungsstelle spielen soziale Medien und das Darknet dabei eine immer größere Rolle. Sie erlauben es einzelnen Personen, selber mit Drogen zu handeln oder einen „Drogenkurier“ nach Hause zu bestellen. Inzwischen gebe es sogar Apps, die Beschaffung und Konsum unterstützen. So kann Ortsbestimmungs-Software zum Beispiel helfen, den nächsten Spritzenausgabepunkt zu finden. Manche Apps bieten Anleitungen zur Ausnüchterung oder fungieren als Drogentagebuch.

Hinter dem regelmäßigen Drogenkonsum steht nicht selten ein psychisches Problem wie eine Angststörung, eine Depression oder eine Borderline-Erkrankung, erklärt Piest. Manche der Menschen, die sie betreut, stehen fest im Beruf und würden zum Beispiel zum Einschlafen Cannabis rauchen. Andere haben längst jede autonome Selbstkontrolle verloren und kommen verzweifelt zum Drogennotdienst. Die Einrichtung hilft ihnen, eine passende Hilfe zu organisieren und sie beispielsweise an ein Krankenhaus oder eine Suchttherapie zu vermitteln.

Aber Piest beobachtet noch einen weiteren Trend: „Wir sehen in unserer Einrichtung immer mehr Fälle von sozialer Verelendung. Menschen, die gesellschaftlich schnell und tief absteigen.“ Das liege aber nicht an den Konsumenten selber, sondern daran, dass Berlin stetig an Einwohnern gewinne, die Drogenhilfestellen aber finanziell nicht aufgestockt werden. „Für uns bedeutet leider, dass unser Hilfsangebot eingeschränkt wird“.

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