EU-Debatte: Antibiotika im Tierfutter verantwortlich für EHEC-Seuche?

Auch in Europas Hühnerställen hat der Einsatz von Antibiotika zugenommen. Ohne Medikamente würden viele Tiere schon vor Ende der Mastzeit sterben. Foto: dpa

Ungefähr 50 Prozent der in Europa eingesetzten Antibiotika werden Tieren verabreicht – oftmals nur vorbeugend, teils um ihr Wachstum zu beschleunigen. Folge ist die zunehmende Antibiotika-Resistenz von Krankheitserregern, warnen Experten. Das EU-Parlament fordert nun Gegenmaßnahmen. Angesichts der EHEC-Seuche scheint das Thema aktueller denn je.

Das EU-Parlament hat am Dienstag verstärkte Anstrengungen zur Bekämpfung der zunehmenden Antibiotika-Resistenz bei Tieren gefordert. Der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung müsse "auf das unbedingt notwendige Maß" beschränkt werden. Um das Problem langfristig einzudämmen, forderte das Parlament zudem eine verstärkte Erforschung von Alternativen. Dazu zählen auch Impfungen. Nötig seien zudem Leitlinien über den richtigen Umgang mit Antibiotika, die EU-weit gelten und kontrolliert werden sollen. Die EU-Kommission müsse in die nächste EU-Tiergesundheitsstrategie einen mehrjährigen Aktionsplan gegen resistente Krankheitserreger aufnehmen. Das Parlament nahm einen entsprechenden Entschließungsantrag an. 

Der derzeit um sich greifende EHEC-Erreger vom Stamm Husec 41 gilt als sehr aggressiv. Sicher sei, dass die Bakterien dieses Typs resistenter gegen Antibiotika geworden seien, so der Leiter des Instituts für Hygiene an der Universitätsklinik Münster, Helge Karch. Ob in diesem Fall ein Zusammenhang zum massiven Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung besteht, ist noch nicht klar. 

Der WHO-Experte Donato Greco sagte am Wochenende der italienischen Zeitung "La Repubblica": "Der Erreger ist üblicherweise im Darm von Rindern zu finden und damit auch in rohem Fleisch wie Tartar oder schlecht gekochten Hamburgern." Er habe noch nie derart gefährliche Darmkeime auf Obst und Gemüse festgestellt.

Reaktionen

Grüne: EU-Regeln für Antibiotika-Einsatz

Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen/EFA:

"Der hohe Einsatz von Antibiotika zur Prophylaxe fördert die Resistenz gegen antimikrobielle Wirkstoffe massiv. Das Parlament  hat daher heute Aktivitäten auf mehreren Ebenen gefordert. Die EU-Kommission muss dafür sorgen, dass die Datenerfassung zum Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung endlich flächendeckend und harmonisiert erfolgt. Die Forschung für neue antimikrobielle Mittel muss intensiviert werden, aber auch die Erforschung von Alternativen und Strategien für Vorsorgemaßnahmen. Im Bereich der Züchtung ist eine Rückbesinnung auf alte robustere und weniger stressanfällige Tiersorten notwendig. Es muss gezielt gegen diejenigen vorgegangen werden, die Antibiotika unerlaubt als Wachstumssteigerer in der Tierhaltung einsetzen.

Wir Grünen fordern über die Entschließung hinaus eine klare Weichenstellung bei der Reform der Gemeinseimen Agrarpolitik (GAP) hin zu einer nachhaltigen und tiergerechteren Agrarpolitik in der EU. Am Beispiel der Antibiotika-Resistenz zeigt sich deutlich, dass nicht nur die Landwirtschaft, sondern die Allgemeinheit von den Auswirkungen einer industrialisierten Landwirtschaft betroffen ist. Dass Beschäftigte in Massentieranlagen im Krankheitsfalle in Krankenhäusern in Quarantäne behandelt werden, zeigt wie dringend wir eine Veränderung in der Landwirtschaft brauchen."

CDU: Kein Problem der intensiven Tierhaltung

Elisabeth Jeggle (EVP/CDU), zuständige Berichterstatterin der EVP-Fraktion:

"Zu viel Antibiotika bergen (…) die Gefahr, dass sich resistente Krankheitserreger bilden. Deswegen müssen Antibiotika in der Tierhaltung maßvoll eingesetzt werden."

Dabei sei das Problem nicht in einer intensiven Tierhaltung zu suchen, betont Jeggle. "Noch immer werden zu viele Antibiotika vorbeugend eingesetzt. Das ist kein Problem der intensiven Tierhaltung, denn dabei ist es egal, wie viele Tiere im Stall stehen. Vielmehr dürfen Antibiotika erst dann eingesetzt werden, wenn es wirklich zur Bekämpfung konkreter Krankheiten nötig ist."

SPD: Exzessiven Antibiotika-Einsatz reduzieren

Der Einsatz von Antibiotika bei Tieren müsse ernsthaft reduziert werden, so Dagmar Roth-Behrendt, SPD-Europaabgeordnete und Expertin für Gesundheits- und Verbraucherschutz. "Nur durch die exzessive Nutzung von Antibiotika in der Tierhaltung konnte es überhaupt zu dieser hohen Anzahl von Antibiotika resistenten Keimen kommen."

Leser-Kommentar

Antonietta Tumminello, Duisburg: "Größer – schneller – billiger: Unter diesem Motto der Agrarindustrie leiden heute rund 150 Millionen Nutztiere in deutschen Ställen. Ob Schwein, Rind, oder Legehenne, ob Pute, Kaninchen oder Ente – sie werden verstümmelt, in enge Ställe oder Käfige gepfercht und mit Medikamenten vollgepumpt. Auf der Strecke bleiben nicht nur das Wohl der Tiere und ihre artgemäße Haltung, sondern auch Qualität, Geschmack und die gesundheitliche Unbedenklichkeit der Produkte.

Mediziner warnen seit Jahren die Verbraucher vor Medikamentenanreicherungen in Fleisch, Milchprodukten und Eiern. Es gilt als gesichert, daß Antibiotikaanreicherungen im Fleisch, speziell im Schweinefleisch, die Hauptursache für die hochbrisante Antibiotikaresistenz beim Menschen sind. Immer mehr Menschen sprechen selbst auf hohe Antibiotikadosen nicht mehr an."

awr

Links


Presse

Stern.de: Hühnerzucht auf Niedersachsens Masthöfen: Antibiotika, der große "Gesundmacher" (25. Oktober 2010)

Dokumente

EU-Parlament: Entschließungsantrag (B7-000/2011) zu Antibiotikaresistenz (1. März 2011)

EU-Parlament: Diskussion über E.coli-Ausbruch in Deutschland und anderen Mitgliedsstaaten (7. Juni 2011)

EU-Kommission: Übersicht zum EHEC-Ausbruch in Deutschland

Mehr zum Thema auf EURACTIV.de:

EHEC: EU-Sondertreffen zu Entschädigungen für Bauern (6. Juni 2011)

EHEC: Merkel verteidigt deutsche Behörden (3. Juni)

EHEC: EU-Kommission ermahnt Deutschland (1. Juni 2011)

EHEC: Vorschnelle Verurteilung Spaniens? (27. Mai 2011)

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