EU-Chemieagentur: Glyphosat nicht krebserregend

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Glyphosat-Gegner fordern ein vollständiges Verbot von Glyphosat und verweisen dabei auf die Forschungsergebnisse der Weltgesundheitsorganisation (WHO). [Global Justice Now/Flickr]

Glyphosat sei nicht krebserregend, so das vorläufige Gutachten der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) – ein Befund, der bei Umwelt-NGOs Empörung auslöst. EURACTIV Brüssel berichtet.

Der Ausschuss für Risikobeurteilung der ECHA (RAC) kam am gestrigen Mittwoch zu dem Schluss, dass die vorliegenden Nachweise nicht ausreichten, um den umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat als krebserregend, mutagen oder fortpflanzungsgefährdend einzuordnen. Damit ist der Weg frei für eine endgültige Entscheidung aus Brüssel, obwohl die 28 Mitgliedsstaaten bei der Glyphosat-Nutzung noch immer geteilter Meinung sein werden.

Glyphosat ist Bestandteil des beliebten Pflanzenschutzmittels RoundUp – Kassenschlager des US-amerikanischen Agrochemieriesen Monsanto. Gegner des Stoffes, allen voran Greenpeace, fordern ein vollständiges Verbot und verweisen dabei auf die Forschungsergebnisse der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Diesen zufolge könnte die Chemikalie durchaus krebserregend sein.

„Glyphosat sollte nicht als krebserregend eingestuft werden“, betonte Jack de Bruijn, Direktor der RAC, gestern auf einer Pressekonferenz. Man habe nicht feststellen können, dass der Unkrautvernichter genetische oder reproduktive Defekte auslöse – ein Ergebnis, das auf einer „umfassenden Bewertung aller zur Verfügung stehenden Informationen über diese Substanz“ beruhe.

Im Juli 2016 gewährten die EU-Mitgliedsstaaten dem umstrittenen Stoff eine vorläufige, 18-monatige Zulassungsgenehmigung und begrenzten dessen Nutzung, bis das ECHA-Gutachten vorliegen würde. Frankreich und Malta waren gegen eine Neuzulassung, Deutschland zählte zu den sieben Ländern, die sich enthielten. Die EU-Kommission wartete mit ihrer Zulassungsentscheidung für die allgemeine Anwendung also ab, was die ECHA-Untersuchungen ergeben würden.

EU verbietet Beistoff von Glyphosat

Die EU-Mitgliedsstaaten genehmigen Einschränkungen für das Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat, und verbieten damit den Beistoff POE-Tallowamin. EURACTIV Brüssel berichtet.

Was nun?

Die Kommission habe die wissenschaftlich fundierte Empfehlung der ECHA „zur Kenntnis genommen“, bestätigt Kommissionssprecher Enrico Brivio. Damit sei der Prozess jedoch noch nicht abgeschlossen. Man werde sich mit der ECHA über ihren derzeitigen Entwurf eines Gutachtens austauschen, bevor dieses offiziell an die Kommission übermittelt würde. „Das endgültige Gutachten wird wahrscheinlich noch vor der Sommerpause bei der Kommission eingereicht werden“, so Brivio. „Danach werden die Kommissionsdienste erneut mit den Mitgliedsstaaten über die Zulassung von Glyphosat als aktiven Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln diskutieren. […] Eine Entscheidung muss innerhalb von sechs Monaten nach Eingang des RAC-Gutachtens der ECHA oder bis spätestens Ende 2017 gefällt werden.“

Sieg der Wissenschaft?

Wie zu erwarten war, machten Industrievertreter Luftsprünge angesichts der aktuellen Ergebnisse und verkündeten, die Wissenschaft habe gesiegt. „Diese Klassifizierung reiht sich ein in die 90.000 Seiten von Nachweisen, 3.300 überprüften Studien sowie die Gutachten der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA), des deutschen Bundesamtes für Risikobewertung (BfR) und anderer Regulierungsbehörden weltweit“, betont Graeme Taylor vom europäischen Verband der Pflanzenschutzmittelhersteller ECPA (European Crop Protection Association). „Wir erwarten, dass die Kommission nun rasch mit dem EU-Zulassungsprozess der Substanz fortfährt und eine 15-jährige Genehmigung ausspricht. Denn das war der Zeitraum, der ursprünglich von der Kommission vorgeschlagen wurde, bevor der Stoff Thema einer eher politisch-emotionalen, statt wissenschaftlichen Debatte wurde.“

Monsanto versus Greenpeace: Zoff um Zugang zu Gyphosat-Studien

Die Glyphosat-Lobby will der Öffentlichkeit über Lesesäle Zugang zu eigenen Studien verschaffen. Genug Transparenz gewährleiste das nicht, kritisieren NGOs. EURACTIV Brüssel berichtet.

„Versuchskaninchen der Chemieindustrie“

Greenpeace hingegen zeigte sich empört angesichts der ECHA-Empfehlung. Die Behörde habe „Nachweise über das Krebsrisiko von Glyphosat einfach unter den Teppich gekehrt“. Die vorliegenden Daten gingen weit über die für ein EU-Verbot notwendigen Informationen hinaus, meint Franziska Achterberg, Direktorin für Ernährungspolitik bei Greenpeace EU. Die ECHA habe einfach die Augen davor verschlossen. „Für die EU, die Entscheidungen auf wissenschaftlicher Grundlage fällt, ändert das jedoch nichts an den Fakten. Wenn die EU das nicht richtigstellt, werden Mensch und Umwelt weiterhin Versuchskaninchen der Chemieindustrie sein.“

Auch die Health and Environment Alliance (HEAL) hält die Entscheidung für einen herben Rückschlag in Sachen Krebsvorsorge. Sie widerspreche den Aussagen der weltweit glaubhaftesten Einrichtung für Krebsforschung – dem Internationalen Krebsforschungszentrum (IARC) der WHO. Dort hatte man Glyphosat 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ bezeichnet. „Wir hoffen, man wird in Zukunft anerkennen, dass IARC Recht hatte“, so Génon K. Jensen, Exekutivdirektorin von HEAL. „In der Zwischenzeit wird Europa Glyphosat grünes Licht erteilen und die öffentliche Gesundheit wird eine wichtige Gelegenheit in der Krebsprävention verpassen. Wir können die Krebsraten senken, wenn wir gegen gefährliche Chemikalien auf dem Markt vorgehen“

Hintergrund

Im Fachausschuss zur weiteren Zulassung des Herbizids Glyphosat hatten zuletzt 20 Länder für den Vorschlag von EU-Kommissar für Gesundheit, Vytenis Andriukaitis plädiert, demzufolge Glyphosat zunächst für einen Zeitraum von bis zu 18 Monaten - bis zur Vorlage eines Gutachtens der EU-Chemieagentur - zugelassen werden soll. Die Kommission, so Andriukaitis, tue alles Mögliche, um eine auf verlässicher wissenschaftlicher Grundlage stehende Lösung in der Diskussion zu finden.

Zeitstrahl

Bis Ende 2017: Europäische Chemikalienagentur (ECHA) soll offizielle Stellungnahme zum Thema Glyphosat einreichen.

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