Energieeffizienz: EU-Verbot alter Heizkessel bringt „gigantische“ Einsparungen

Am 26. September tritt die neue Ökodesign-Richtlinie in Kraft. [Jordi Boixareu/Flickr]

Neue Energiestandards für Heizkessel treten in diesem Monat in Kraft. Nach Angaben des Europäischen Umweltbüros (EEB) spart die EU damit bis 2020 das Energie-Äquivalent von 47 Atomkraftwerken des Typs Fukushima ein. EURACTIV Brüssel berichtet.

Die strengeren Ökodesign-Standards für Heizkessel und die entsprechende Kennzeichnung werden am 26. September in Kraft treten, nach jahrelangen zermürbenden Verhandlungen zwischen der Kommission und Industrievertretern.

Ab dann dürfen in der EU nur Heizkessel und Boiler verkauft werden, die eine energieeffiziente Kondensationstechnologie nutzen, sagt Paul Hodson, Abteilungsleiter Energieeffizienz und Intelligente Energie bei der Kommission.

Die Heizungsausstattung Europas zeichnet sich nach Angaben des Europäischen Umweltbüros (EEB) für 25 Prozent der CO2-Emissionen des Kontinents verantwortlich. Damit liegen ihre Emissionen ungefähr so hoch wie die des Verkehrs- oder Industriebereichs.

Dies sei das wichtigste Paket an Ökodesign- und Labelregulierungen, das je von der EU verabschiedet wurde, sagte Hodson heute im Europaparlament.

„Diese Minimalstandards werden bedeuten, dass beinahe alle, die ihren Heizkessel ersetzen, ihn mit einem Brennwertkessel ersetzen werden“, sagte er. Diese seien üblicherweise 50 Prozent effizienter als die, die sich heute in den europäischen Häusern befinden.

Sie seien aber natürlich auch „rund 1.000 Euro“ teurer als die derzeitigen Heizkessel, erklärte der EU-Beamte auf EURACTIV-Nachfrage zu den zusätzlichen Kosten für die Verbraucher. Doch in nur „wenigen Jahren“ würde sich die Investition auszahlen.

Langfristig würden die neuen Standards „dem Durchschnittshaushalt mehr als 400 Euro pro Jahr bei ihren Energierechnungen bis 2020 sparen“, so Hodson.

„Gigantische“ Einsparungen

Jedes Jahr werden durchschnittlich 6,6 Millionen Heizkessel in der EU verkauft.

Einem EEB-Informationsblatt zufolge werden die Standards für Heizkessel den Energiebedarf verringern und die Energierechnung bis 2020 um durchschnittlich 480 Euro senken. Das EEB wiederum bezieht sich auf offizielle Daten aus der Folgenabschätzung der Kommission.

Jack Hunter ist Energieeffizienz-Aktivist bei der EEB. Er spricht von „gigantischen“ Energieeinsparungen durch die neuen Standards für Heizkessel. Sie könnten „so viel“ beitragen wie der Europäische Emissionshandel (ETS) – das Emissionshandelssystem für Treibhausgase der EU.

EU-Verbraucher „werden Energie sparen, die der von 47 Atomkraftwerken des Typs Fukushima entspricht“, sagt Peter Liese, deutscher Europaabgeordneter für die konservative Europäische Volkspartei (EVP).

Die jährlichen Energieeinsparungen durch die Standards und neue Energielabel für Heizgeräte sollen 2020 45 Millionen Tonnen Rohöläquivalent entsprechen. Das entspricht dem jährlichen Bruttoinlandsenergieverbrauch Tschechiens.

Nach EEB-Angaben soll diese Zahl bis 2031, wenn alle derzeit vorhandenen Heizkessel ersetzt sind, auf 100 Millionen Tonnen Rohöläquivalent steigen. Dieser Wert ist vergleichbar mit dem jährlichen Bruttoinlandsenergieverbrauch Polens oder der gesamten EU- Eisen- und Stahlindustrie (5,5 Prozent des jährlichen EU-Bruttoenergieverbrauchs). Auch hier bezieht sich das EEB auf eine Folgenabschätzung der Kommission.

Hodson bestätigte diese Zahlen: „Beinahe die Hälfte des Energieeffizienzziels von 20 Prozent bis 2020 wird durch diese Sammlung von Ökodesign- und Labelmaßnahmen erfüllt.“

Kampf gegen Klimawandel und Terrorismus

Peter Liese kämpfte persönlich für die Verabschiedung der neuen Regeln. Sie würden zeigen, dass Europa vor der UN-Klimakonferenz im Dezember in Paris bereit sei, „eine führende Rolle“ beim Klimawandel einzunehmen. Dort wird ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll diskutiert werden.

Liese zufolge könnten die Standards für Energieeinsparungen genauso wirksam für die Eindämmung der Treibhausgase sein wie das marode ETS. „Ich habe das ETS immer unterstützt, doch weniger als 50 Prozent unserer Emissionen werden von dem Plan abgedeckt“, sagte Liese im Europaparlament.

Für ihn haben die neuen Standards außer der Senkung von Europas Energierechnung noch weitere Vorteile. Dadurch würden den Terroristen in Orten wie Syrien die Finanzierungsquellen gestrichen, was auch dabei helfe, die Flüchtlingskrise zu bewältigen.

Diese Maßnahmen „werden nicht sofort wirksam sein“ bei der Bekämpfung des Terrorismus oder der Bewältigung der Flüchtlingskrise, meinte er. „Doch in Zukunft werden sie entscheidend sein“.

Energiearmut

Nicht alle Haushalte werden sich aber die zusätzlichen 1.000 Euro für den Kauf eines neuen Heizkessels leisten können. Und die Kosten für Technologien der erneuerbaren Energien wie Wärmepumpen könnten die Kosten noch höher liegen. Je nach Gebäudetyp liegen sie zwischen 12.000 und 20.000 Euro.

Das EEB setzte sich aktiv für neue Standards ein und sieht die nationalen Behörden in der Pflicht. Sie sollen finanzielle Anreize für die Ersetzung alter Modelle schaffen.

„Vielleicht können sich die schwächsten Haushalte 1.000 Euro nicht leisten. Aber für die Menschen, die es sich leisten können, liegt die Amortisierungszeit zwischen drei und fünf Jahren“, sagt Stéphane Arditi, ein EEB-Lobbyist, der die Kampagne Coolproducts leitet.

Bei den finanziell schwächsten Haushalten bräuchte es Anreize der Regierung, damit die Lücke bei der Energiearmut verringert wird.

„Es gibt also eine klare Verantwortung der nationalen und lokalen Behörden, darauf zu achten und die Kluft bei der Energiearmut zu verringern. Und mit dieser Art von Maßnahme werden sie in der Lage sein, das anzugehen.“

„Wir müssen uns um Anreize kümmern“, sagte Liese. In Deutschland würden Wohlfahrtsverbände wie die Caritas arme Menschen dabei unterstützen, eine effizientere Ausstattung zu kaufen.

Liese meinte aber auch: „Ich denke nicht, dass der Energieverbrauch etwas vollständig Privates ist. Was mit dem IS passiert, ist nicht privat, die Politik muss handeln. Und wenn wir sehen, dass Terrororganisationen Geld aus Öl und Gas bekommen, müssen wir darauf reagieren. Es ist ein hochpolitisches Thema. Wenn Russland das Gas streicht, sagen alle, wir müssen etwas tun. Es besteht also ein politischer Auftrag zu handeln.“