Mehr Kontrollen, weniger Toleranz, neue Drogen-Schnelltests – so wollen Behörden für mehr Sicherheit auf Europas Straßen sorgen.
Auf Europas Straßen sterben jedes Jahr 30.000 Menschen. Das verursachte menschliche Leid ist gewaltig – die Kosten sind es auch. Die EU-Kommission will die Zahl der Verkehrstoten bis 2020 um 40 Prozent reduzieren. 2050 soll es gar keine Toten mehr geben – das ist das Ziel der Initiative "Vision Zero".
Doch warum sterben so viele Menschen bei Verkehrsunfällen? Nur wenn die Unfallursachen bekannt sind, können wirkungsvolle Präventionsmaßnahmen entworfen werden. Auf dem 7. Internationalen Fit to Drive-Kongress von 25. bis 26. April in Berlin haben Verkehrsexperten ihre Erkenntnisse und Rezepte zum Thema Verkehrsicherheit ausgetauscht.
Alkohol für jeden vierten Unfalltoten verantwortlich
Ein großer Teil der Verkehrsopfer geht auf das Konto der "Three Killers": Alkohol, Drogen und überhöhte Geschwindigkeit. Die EU-Kommission schätzt, dass 25 Prozent der Unfälle mit Todesfolge auf Alkoholkonsum zurückzuführen sind. Bereits eine "leichte" Trunkenheit von 0,5 Promille – in den meisten europäischen Staaten der erlaubte Grenzwert am Steuer – verdoppelt das Unfallrisiko. Bei einem Blutalkoholwert von 1,1 Promille besteht bereits ein zehnfaches Unfallrisiko. Wer sich mit 1,6 Promille hinters Steuer setzt, wird sogar mit 25-mal höherer Wahrscheinlichkeit in einen Unfall verwickelt.
Der belgische TISPOL-Präsident (Traffic Information System Police) Koen Ricour wünscht sich deshalb europaweit eine Promillegrenze von 0,2: "Zwischen 0,0 und 0,2 sollte das Limit für jeden sein." Als Polizist wäre ihm eine absolute Nulltoleranz eigentlich noch lieber, doch diese sei aus politischen und praktischen Erwägungen nicht realistisch. Eine Einschätzung, die auch Jan Winum Povlsen von Smart Start teilt. Denn der menschliche Körper produziere bei der normalen Verdauung stets geringe Mengen Alkohol. Bei einer Promillegrenze von 0,0 dürfte man sich deshalb nach dem Essen gar nicht erst ans Steuer setzen, was völlig unverhältnismäßig wäre.
Sogenannte Alkolock-System können Angetrunkene am Autofahren hindern: Das Fahrzeug lässt sich nur starten, wenn der Fahrer vorher in ein Atemalkohol-Messgerät pustet. Ist der gemessene Wert zu hoch, springt das Auto nicht an. Eine ausgeklügelte Technik soll verhindern, dass jemand anderer als der Fahrer in das Gerät bläst.
In Nordamerika sind diese Systeme laut Povlsen bereits sehr verbreitet. Auf dem europäischen Markt stehe der große Durchbruch noch bevor, gibt sich der Däne optimistisch. Möglicherweise habe man diesseits des Atlantiks noch Vorbehalte wegen der Datensicherheit, da die Informationen zentral gespeichert werden.
Drogenkontrollen sind kompliziert und teuer
Ein zahlenmäßig kleineres – jedoch wesentlich komplexeres – Problem sind Drogen am Steuer. Laut der DRUID-Studie stehen 2 Prozent aller Fahrzeuglenker unter Drogen wie Haschisch oder Kokain. Jede Droge wirkt sich unterschiedlich auf die Fahrtüchtigkeit aus. Gesetzliche Grenzwerte wie beim Alkohol gibt es nicht. Für die Beamten ist es äußerst schwierig, den Bewusstseinszustand eines Verdächtigen zuverlässig zu bestimmten.
Denn ob ein Fahrer unter Drogeneinfluss steht, lässt sich nicht ohne weiteres herausfinden. Urinproben sind hierfür ungeeignet, da sie auch tage- oder wochenlang nach dem Drogenkonsum noch Spuren der Substanzen enthalten können. Mit Bluttests lässt sich weitaus zuverlässiger herausfinden, ob ein Lenker "high" ist. Die Polizisten dürfen dem Verdächtigen jedoch nicht vor Ort Blut abnehmen – sie müssen ihn dafür zum nächsten Krankenhaus bringen. Das kostet Zeit und Geld, erklärt Thomas Schmidt von Securetec, einem Hersteller von Drogen-Schnelltests.
Speichel- oder Schweißproben können direkt am Einsatzort feststellen, ob ein Fahrer beispielsweise "high" ist oder nicht. Rechtskräftig ist so ein Test zwar nicht, vor Gericht zählt immer noch das Ergebnis der Blutprobe. Die Beamten können sich aber die Blutabnahme "auf gut Glück" ersparen, wenn sie vorher einen Drogen-Schnelltest durchführen. Ein Schnelltest kostet zwischen 15 und 18 Euro – im Vergleich zum Atemalkoholtest ein stolzer Preis. Unter dem Strich rentiere sich die Methode trotzdem, ist Schmidt überzeugt.
Jeder zweite Lenker fährt zu schnell
Alkohol und Drogen am Steuer fehlt weitgehend die gesellschaftliche Akzeptanz – anders sieht es bei Geschwindigkeitsüberschreitungen aus. Zu schnelles Fahren gilt immer noch als Kavaliersdelikt. Die Zahlen untermauern dies: Laut Verband der TÜV e.V. überschreiten etwa 40 bis 50 Prozent aller Autofahrer in Europa regelmäßig das Tempolimit, bis zu 20 Prozent überschreiten die Höchstgeschwindigkeit um mehr als 10 km/h.
TISPOL-Präsident Ricour kennt noch eindrücklichere Zahlen: In Belgien überschreiten 90 Prozent aller Autofahrer die zulässige Höchstgeschwindigkeit in der Tempo-30-Zone. In der Tempo-50-Zone seien es immer noch 60 Prozent. Auf Autobahnen fahren 40 Prozent aller Lenker zu schnell. Ricour geht davon aus, dass die Situation in Belgien repräsentativ für die gesamte EU ist.
Mehr Repression, mehr Prävention
Ein Drittel aller tödlichen Verkehrsunfälle geht unter anderem auf zu schnelles Fahren zurück. Klaus Brüggemann vom VdTÜV fordert deswegen ein verstärktes Durchgreifen der Polizei: "Hier muss eindeutig die Kontrolldichte erhöht werden." "Letztendlich hat nicht die Höhe einer Strafe die entscheidende abschreckende Wirkung, sondern die hohe Chance, erwischt und danach konsequent sanktioniert zu werden." Klaus Machate vom österreichischen Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) pflichtet ihm bei: "Es dreht sich alles um die Angst, den Führerschein zu verlieren."
Verkehrskontrollen schrecken zweifellos ab. Eine weitere Möglichkeit ist jedoch, den Fahrern die Lust am Rasen zu nehmen. Fiona Fylan von Brainbox Research ist Gesundheitspsychologin. Sie hat untersucht, wie sich spezielle Kurse für verurteilte Raser auf deren Fahrverhalten auswirken. Den Kursteilnehmern wird auf eindrückliche Weise vermittelt, wie gefährlich schnelles Fahren ist und welche Vorteile eine normale, "entspannte" Fahrweise mit sich bringen. Die Resultate sprechen für die Wirksamkeit der Kurse, so die britische Forscherin.
Jungfahrer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren – vor allem junge Männer – verursachen besonders häufig Verkehrsunfälle, sagt Ulrich Chiellino vom Allgemeinen Deutschen Automobilclub (ADAC). Sie neigen dazu, ihr Können zu überschätzen. Das Fahrsicherheitstraining des ADAC biete ihnen die Gelegenheit, ihre Fahrfähigkeiten besser einschätzen zu lernen und zu verbessern.
Brüggemann ist davon überzeugt, dass die Öffentlichkeitsarbeit einen wichtigen Beitrag zur Unfallprävention leistet: "Durch die ‚Fit to Drive‘-Kongresse konnte ein europäisches Problembewusstsein für den Menschen und sein Verhalten im Straßenverkehr geschaffen werden."
Patrick Timmann

