„Die EU muss ihre Lebensmittelkonzerne bändigen“

Über 2000 Marken gehören zum Konzern Nestlé, rund 400 zum niederländischen Unilever. [Shutterstock]

Ungesunde Lebensmittel tragen nicht nur in Industriestaaten zu Fettleibigkeit und Krankheiten bei, sondern längst auch in Schwellen- und Entwicklungsländern. Die EU muss ihre Lebensmittelkonzerne deshalb strenger regulieren, fordert Foodwatch.

„Ein halber Liter Erfrischungsgetränk, der über fünfzehn Zuckerwürfel beinhaltet, das bezeichne ich bei Kindern als Körperverletzung durch Irreführung“. Thilo Bode spricht beim Thema Fettleibigkeit durch ungesunde Lebensmittel klare Worte. Der Gründer der Verbraucherrechtsorganisation Foodwatch hat globalen Lebensmittelkonzernen den Kampf angesagt und wirft ihnen vor, am weltweiten Boom ernährungsbedingter Krankheiten wie Adipositas und Diabetes Schuld zu tragen.

Dazu ein paar Zahlen: Laut Weltgesundheitsorganisation hat sich in 73 Ländern der Erde der Anteil der Fettleibigen seit 1980 mindestens verdoppelt, dreizehn Prozent aller Erwachsenen weltweit sind adipös. Damit gehen zahlreiche Gesundheitsfolgen einher. Allein die Zahl der Menschen mit Typ-2-Diabetes hat sich seit 1980 mehr als vervierfacht, sie liegt bei 422 Millionen Erkrankten. Die Kosten für die Gesundheitssysteme gehen ins Milliardenfache. Doch nicht nur die Industriestaaten sind betroffen, längst gehören auch in Entwicklungs- und Schwellenländern Schokoriegel, stark gesüßte Getränke oder salzige Fertigprodukte zur täglichen Ernährung. Mitverantwortlich daran sind laut Foodwatch internationale Lebensmittelkonzerne, die ihre Produkte unter dem Argument der Mangelernährung mit künstlichen Vitaminen und Mineralstoffen anreichern und auf die heimischen Märkte drücken. Traditionelle Ernährungsweisen würden dadurch verdrängt. Zur Reihe der Angeklagten gehören auch europäische Firmen: der niederländische Konzern Unilever, das schweizerische Nestlé und das französische Danone zählen zu den zehn größten Lebensmittelkonzernen der Welt.

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Besser fett als hungrig?

„Natürlich hat auch das Kaufverhalten der Verbraucher Einfluss auf das Lebensmittelangebot und die Verbraucher tragen die Verantwortung dafür, was sie für ihre Familien Familie einkaufen. Aber das aggressive Marketing der Lebensmittelkonzerne ist extrem irreführend, die Menschen werden einfach falsch informiert“, so Bode.

In einem Buch, das er zu dem Thema veröffentlicht hat, nennt er Beispiele, wie aggressiv Konzerne ihre Produkte in Schwellenländern vermarkten. So ließ Nestlé jahrelang ein Schiff den Amazonas entlangfahren, um seine Produkte in extrem abgelegene Ortschaften zu bringen. in Brasilien ziehen rund 7.000 Verkäuferinnen mit Nestlé-Handkarren in ärmeren Stadtvierteln von Tür zu Tür und verkaufen Frühstücksprodukte. „Besser fett als hungrig sagen viele. Aber das stimmt einfach nicht, wir haben nämlich beides gleichzeitig“, meint Bode. In vielen Entwicklungsländern würden die ärmsten weiterhin hungern, während die Mittelschicht adipös und zugleich mangelernährt sei.

Ernährungsbildung bringt wenig

Diese Kritik ist auch bei den globalen Lebensmittelkonzernen nicht ungehört geblieben. Sie alle verschreiben sich offiziell der Reduktion von Zucker, Salz und Fett in ihren Produkten sowie der Erfüllung von – selbstgesetzten – Nahrungsmittelstandards. Gleichzeitig engagieren sich die großen Marken in der Ernährungsbildung, arbeiten an Schulen oder beteiligen sich an Hungerprogrammen. Nicht nur das, Weltführer Nestlé plant bereits den Einstieg in den vielversprechenden Gesundheitssektor. Nahrungsmittel könnten mit Mikronährstoffen versetzt werden, um Volkskrankheiten zu heilen, so die Idee.

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Für Foodwatch sind die existierenden Bildungskampagnen der Konzerne reines Marketing. „Die wissen sehr gut, dass Ernährungsbildung wenig bringt“, meint der Gründer Bode. Tatsächlich kommt eine Studie des Kompetenznetzes Adipositas zu dem Schluss, dass mithilfe von Verhaltensprävention die Adipositasrate lediglich um ein Prozent gesenkt werden kann. Und das vorrangig bei Kindern schlanker Eltern und aus bildungsstärkeren Familien. Bodes Forderung lautet daher, Gesundheit als öffentliches Gut zu behandeln und politisch stärker zu schützen: „Statt es den Regierungen der betroffenen Schwellenländer zu überlassen müsste die EU ihre eigenen Konzerne bändigen.“

Regeln sollten für EU-Konzerne auch im Ausland gelten

Vorgeben kann die EU ihren Konzernen in Bezug auf ausländische Märkte allerdings nichts. Und ein Blick nach Europa zeigt: selbst hierzulande fehlen verbindliche Vorgaben gegen ungesunde Lebensmittel. Zwar gilt in der EU seit 2016 die Pflicht, einheitliche Nährwerttabellen auf Produkten anzubringen. Aber die Lobby der Lebensmittelkonzerne ist stark. 2010 verhinderte sie in einer beispiellosen Lobbykampagne, die geschätzt eine Milliarde Euro kostete, erfolgreich die geplante Einführung der Lebensmittelampel, die letztendlich im Gesundheitsausschuss des Europaparlaments abgelehnt wurde. Seitdem haben nur Großbritannien, Frankreich und Belgien freiwillig ein solches Ampelsystem eingeführt. Dafür plant die Lebensmittelindustrie nun ihre eigene Ampel, die allerdings auf der selbst-definierten Einheit einer Portion beruht. Verbraucherschützer warnen vor unrealistischen Angaben und beschönigten Ampelwerten.

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 „Die EU kommt ihrer Verantwortung nicht ausreichend nach, ihre Bürger vor den Gefahren durch Großkonzerne zu schützen. Denn man muss sich schon fragen, inwiefern die Konzerne für die Folgen ihrer ungesunden Lebensmittel haften sollten. Hier und anderswo“, meint Bode. Ein erster Schritt wäre für ihn ein Appell von Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis. Die EU sollte klar konstatieren, dass die eigenen Konzerne weltweit maßgeblich Fehlernährung und Krankheiten wie Adipositas beitragen und entsprechend Maßnahmen im eigenen Rechtsraum erlassen, an die sich die eigenen Konzerne auch im Ausland halten sollten. Bis dahin bleiben Fetten und Zucker keinerlei Grenzen gesetzt.

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