Der zähe Kampf ums Billigfleisch

Fleischprodukte wie die Currywurst werden zu dumping-Preise verkauft, klagen die deutsche Regierung sowie die Landwirtschaft. [CARSTEN KOALL/EPA]

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Fleisch wird in Deutschland immer günstiger. Davon profitiert der preisbewusste Kunde, aber Bauern und Umweltschützer laufen gegen die Billig-Angebote Sturm. Die Regierung ruft nun zu einem Krisengipfel.

„Es ist wie David gegen Goliath, wenn Bauern mit dem Handel verhandeln“, klagt Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner von der CDU. Die Ministerin wurde schon in den vergangenen Monaten durch mehrere Bauern-Demonstrationen aufgeschreckt, die sich gegen neue Umweltauflagen, aber auch Billigangebote für Fleisch und andere Lebensmittel richteten.

Nun will sich Klöckner für die Landwirte einsetzen, die sich von den vier großen Lebensmittel-Supermärkten Aldi, Rewe, Lidl und Edeka mit ständigem Preisdumping unter Druck gesetzt fühlen. Das Problem ist nicht neu und hatte auch schon bei der Preispolitik für Milcherzeugnisse für Schlagzeilen gesorgt. Landwirte hatten geklagt, dass die Produktionskosten für die Milch kaum durch die Erlöse gedeckt werden. Klöckner will deshalb eine EU-Richtlinie in deutsches Recht übernehmen, die „unlautere Handelspraktiken“ und Preisdumping künftig erschweren soll – wogegen sich der Handel wiederum wehrt.

Landwirte lehnen Eine-Milliarde-Euro Finanzspritze ab

Die große Koalition möchte die Landwirtschaft mit einer Milliarde Euro unterstützen, wenn bald strengere Düngeregelungen in Kraft treten. Doch ausgerechnet die Bauern selber sind empört – sie fordern politisches Handeln statt Geld. Dabei tickt die Uhr in Brüssel.

Bei einer Art Krisengipfel am Montag im Kanzleramt sollen nun beide Seiten zu Wort kommen – der Einzelhandel und die Ernährungsindustrie. Bundeskanzlerin Angela Merkel will mit beiden Parteien über „faire Preise“ sprechen, auch Klöckner und Wirtschaftsminister Peter Altmaier wollen teilnehmen. Das Gespräch soll sich mit der Frage beschäftigen, wie sich „am Markt für Lebensmittel, die in guter Qualität und von hohem Standard sind, auch angemessene Preise erzielen“ lassen, erklärte Merkels Sprecher Steffen Seibert.

Doch genau das ist die Frage. Denn die Marktmacht der vier großen Supermarkt-Ketten ist groß, sie decken 85 Prozent des Marktes ab. 70 Prozent ihrer Fleisch-Angebote werden als Rabatte ausgewiesen, was den Druck zusätzlich erhöht. Und die Deutschen essen gern billiges Fleisch. 2018 etwa setzten die größten deutschen Fleisch-Konzerne knapp 27 Milliarden Euro um. Die Folge: Arbeiter in Zucht- und Schlachtbetrieben werden schlecht bezahlt, die Tiere in riesigen Stallanlagen auf engstem Raum industriell gehalten und in kurzer Zeit zur Schlachtreife gemästet.

27.000 Menschen demonstrieren für "enkeltaugliche Landwirtschaft"

In Berlin sind heute zehntausende Menschen für ein Ende der Massentierhaltung, des Einsatzes von Pestiziden und eine Förderung der ökologischen Landwirtschaft auf die Straße gegangen. Erst am Vortag hatten Landwirte für eine Lockerung der zunehmend strengen Vorlagen demonstriert.

Deutsche zahlen immer weniger für Lebensmittel

Dass Deutsche so gerne Fleisch essen, hat auch historische Gründe: Vor allem nach den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren galt es als Symbol für wachsenden Wohlstand, am Sonntag einen kräftigen Braten zu vertilgen. Die große Lust auf Fleisch scheint sich – allen Veggie-Trends zum Trotz – auch über 70 Jahre später gehalten zu haben: Nach statistischen Angaben wurden etwa in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres fast 30 Millionen Schweine, Rinder, Schafe und Ziegen in Deutschland geschlachtet – ein Spitzenwert im internationalen Vergleich.

An die billigen Preise in den Discounter-Läden haben sich die Verbraucher längst gewöhnt. Im Schnitt geben die Deutschen für Lebensmittel weniger Geld aus als Menschen in anderen Ländern. Und der ohnehin schon niedrige Anteil hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter verringert.

Bio-Metzger: 15 Euro für ein Suppenhuhn

Natürlich gibt es auch Produzenten und Betriebe, die das anders sehen und machen. „Es gibt sie wirklich, die guten Fleischer“, wirbt etwa Jörg Erchinger auf seiner Webseite für seine kleine Metzgerei im Berliner Szeneviertel Prenzlauer Berg. Erchingers Produkte kommen ohne künstliche Zusätze oder Geschmacksverstärker aus, er arbeitet mit Bauern aus der Region zusammen. Die Tiere werden dort artgerecht gehalten, Erchinger selbst schaut oft auf den Höfen vorbei. Das hat natürlich alles seinen Preis, wie zum Beispiel das Suppenhuhn, das Erchinger gerade im Angebot hat: „Das Suppenhuhn kostet bei uns zwischen 15 und 16 Euro das Kilo, im Discounter bekommst du das für 2,99 Euro.“

Jetzt gilt's: Timmermans startet wichtige Debatte über EU-Klimagesetze

Die EU-Kommission hat eine öffentliche Debatte über das bevorstehende Klimagesetz der EU gestartet. Vorsatz ist, das Ziel des Blocks „Klimaneutralität bis 2050“ noch vor der UN-Klimakonferenz im November verbindlich zu verankern.

Mit anderen Worten: Zu Erchinger kommt ein ganz bestimmter Kundenkreis, der – anders als die große Mehrheit der Deutschen – Wert auf hochwertige Lebensmittel legt, aber auch über das dafür notwendige Geld verfügt. „Wir spüren, dass die Kunden sich im Vorfeld überlegen, was und wieviel sie bei uns kaufen“, sagt Erchinger. „Unsere Kunden gehen bewusster mit Fleisch und Lebensmitteln um. Wir haben viele Kunden, die nur einmal die Woche Fleisch essen. Es muss nicht jeden Tag ein Steak, Schnitzel oder sonst etwas sein.“

rchinger sieht sich als klassischer Handwerker und als solcher fühlt er sich von der Regierung nicht richtig vertreten: „Wir müssten der Politik eigentlich sagen, wo es hingehen sollte, damit die Politiker auch auf nationaler und EU-Ebene unsere Interessen durchsetzen. Die Lobby der Fleischindustrie ist so groß, dass leider eher ihre Interessen durchgesetzt werden, als die der Handwerker.“

Nur noch Weihnachten kommt hochwertiges Fleisch auf den Tisch

Ähnlich sieht das Klaus Gerlach, geschäftsführender Obermeister der Fleischerinnung in Berlin. Er nennt im Gespräch mit der DW weitere Gründe, warum kleine Fleischereien, die mit regionalen Erzeugern zusammen arbeiten, nur ein kleines Segment abdecken. Nur noch an Festtagen wie etwa zu Weihnachten seien die Menschen bereit, mehr Geld für gutes Fleisch auszugeben, sagt er. In vielen Haushalten, in denen etwa beide Partner arbeiten, würde sowieso immer weniger gekocht.

Bayer: "Regulierung muss sich mit der Pflanzenzucht-Technologie weiterentwickeln"

Da Pflanzenzuchttechniken wie Geneditierung nach wie vor neuartig sind und sich weiterentwicklen, müssen auch die Risikoabschätzungen und entsprechenden Regulierungen immer weiter angepasst werden, so ein Molekularbiologe von Bayer.

Und auch er beklagt die immer aggressivere Preispolitik der großen Discounter, die Druck auf die Bauern ausübten – so groß, dass diesem Druck vor allem kleinere Landwirtschaftsbetriebe oft nicht mehr standhalten könnten. Kleine Fleischereien könnten zudem, im Gegensatz zu den großen Lebensmittelläden, in den großen Städten keine Parkplätze anbieten – das macht es schwierig für die Logistik und die Kundschaft. Auch deshalb gehören seinem Verband in Berlin nur noch 20 Betriebe an, vor wenigen Jahren waren es noch 100.

Höhere Mehrwertsteuer auf Fleisch?

Immerhin steht jetzt die Forderung im Raum, den Mehrwertsteuersatz auf Fleischprodukte in Deutschland von sieben auf 19 Prozent zu erhöhen. Die Mehreinnahmen – Experten schätzen sie auf 3,5 Milliarden Euro – könnten dann genutzt werden, um die Haltungsbedingungen für die Tiere  zu verbessern. Die Umweltgruppe Greenpeace schlägt zudem die Einführung einer sogenannten Tierwohl-Abgabe vor, von der Betriebe mit Öko-Landbau und besonders tiergerechter Haltung ausgenommen wären.

Es gibt also viele Themen für das Treffen im Kanzleramt. Um die Erwartungen zu dämpfen, hieß es von dort, der Termin am Montag sei lediglich ein erstes Gespräch. Und die Discounter teilten mit, die Preisgestaltung sei ihre Sache.

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