Der Bahnverkehr hat wieder Zukunft

Foto: Lars Steffens (CC BY-SA 2.0)

Die Bahn erhält in Europa Zulauf. Weniger im Güter- als vielmehr im Passagierverkehr. Das zeigen aktuelle statistische Erhebungen. Und sie sind zugleich ein Auftrag an die Politik, daraus die entsprechenden Schlussfolgerungen zu ziehen – beziehungsweise Maßnahmen zu setzen.

Die neue EU-Kommission kann der Förderung des öffentlichen Verkehrs jedenfalls aus gutem Grund verstärktes Augenmerk schenken. Die Finanzmittel dafür stehen mit dem EU-Finanzrahmen 2014-2020 und rund 26 Milliarden Euro für das Großvorhaben „Connecting Europe“ zur Verfügung. Insgesamt ist nach einer gerade veröffentlichten Erhebung des Verkehrs-Clubs Österreich (VCÖ) in vielen EU-Staaten ein deutlicher Trend zum Bahnfahren erkennbar.

Im Vergleich zum Jahr 2005 sind die mit der Bahn gefahrenen Kilometer in Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Luxemburg, Österreich, der Slowakei und Schweden stark gestiegen. Einen Rückgang verzeichnen hingegen Italien und einige osteuropäische Staaten, wie Ungarn, Bulgarien und Rumänien. Schlusslicht beim Bahnfahren ist in der EU Griechenland. Wie so oft in der Wirtschaft ist das Verhältnis von Angebot und Nachfrage ausschlaggebend. In Südosteuropa ist es vor allem das marode Bahnsystem und Wagenmaterial, das Bahnfahren ziemlich unattraktiv macht. Malta und Zypern haben überhaupt kein Bahnnetz und finden daher in der Statistik erst gar nicht statt.

Die Schweiz – Eisenbahnland Nummer 1

Spitzenreiter innerhalb der EU ist übrigens seit diesem Jahr Österreich mit 12,1 Milliarden gefahrenen Personenkilometern. Die Alpenrepublik hat damit Frankreich überholt und auf den zweiten Platz verwiesen. Ausschlaggebend für die Frequenzsteigerung war nicht nur der Ausbau der sogenannten Weststrecke (von Wien in Richtung Frankfurt, München, Zürich)  sondern vor allem, dass sich die Qualitätsoffensive beim Wagenmaterial sehr positiv in der Beurteilung der Fahrgäste niederschlug.

„Die Benchmark beim Bahnfahren ist aber nach wie vor die Schweiz. Hier wird pro Kopf um rund 1.000 Kilometer mehr Bahn gefahren als in Österreich, wo man derzeit auf 1.450 Kilometer kommt“, heißt es dazu in der Studie. Tatsächlich verfügen die Eidgenossen nicht nur über ein sehr dichtes Bahnverkehrsnetz sondern vor allem auch über einen ebenso dichten Fahrplan mit optimalen Umsteigemöglichkeiten.

Die Ursachen für die wachsende Passagierfrequenz bei der Bahn in Europa sind vielfältig. Zum einen sind es der Taktfahrplan und die Städte-Schnellverbindungen, die insbesondere dem Kurzstrecken-Flugverkehr zusetzen, die aber auch angesichts der hohen Treibstoff- und Erhaltungskosten, zu denen sich immer öfter Mautgebühren gesellen, die PKW-Nutzung oft nicht mehr rentabel machen. Die Parkraumbewirtschaftung in den Städten, der dichte Straßenverkehr im Nahbereich der städtischen Ballungszentren, der insbesondere in den Morgen- und Abendstunden massive Zeitverzögerungen zur Folge haben kann, sorgen schließlich für den Zulauf zu U- und S-Bahnen.

Ausbau des „grenzüberschreitenden“ Verkehrs

Die Verkehrsexperten lesen aus den statistischen Erhebungen aber auch einen Aufholbedarf heraus. So braucht es in den Ballungsräumen verbesserte Verbindungen vom Umland in die Zentren. Auf bereits heute stark frequentierten Strecken ist ein rascherer Ausbau nötig, um rechtzeitig zukünftige Engpässe zu verhindern. Zudem sind die regionalen Verbindungen generell zu verbessern, ja sogar an die Wieder-Inbetriebnahme bereits aufgelassener Strecken zu denken. Denn: „Die Arbeitszeiten werden zunehmend flexibler. Deshalb braucht es auf den Regionalverbindungen auch am Abend und am Wochenende ein ausreichendes Angebot an Bahnverbindungen“.

Ein besonderes Kapitel sind schließlich die grenzüberschreitenden Verbindungen. Hier hat man noch oftmals das Gefühl, dass an Landesgrenzen ein Vorhang niedergeht. Die Schuld daran tragen die verschiedenen Verkehrsverbünde, die zwar innerhalb ihrer Region ein optimales, weil auch finanziell gefördertes Verkehrsangebot offerieren, wo es aber oftmals an der Verknüpfung mit dem Verkehrsverbund in der angrenzenden Region mangelt. Eine Sonderrolle spielt schließlich Italien. Seit Jahren ist der Personenverkehr mit Slowenien, das betrifft etwa die Strecke von Venedig über Triest nach Laibach, still gelegt, gibt es nach Deutschland und Österreich nur internationale Nachtzüge. Untertags müssen von der deutschen und österreichischen Bahn gewissermaßen (von der italienischen Staatsbahn mehr oder weniger boykottierte) „Privatzüge“ von München nach Verona und von Wien nach Venedig geführt werden, um überhaupt einen Fahrgästetransport auf Schienen gewährleisten zu können. Hier wird es an der Zeit, dass die EU-Kommission ein verkehrspolitisches Machtwort spricht.

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