EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

11/12/2016

Demenz in der EU: Ein hartes Los für Patient und Pfleger

Gesundheit und Verbraucherschutz

Demenz in der EU: Ein hartes Los für Patient und Pfleger

2050 werden in der EU wahrscheinlich 18,7 Millionen Menschen an Demenz leiden.

[schnaars/Flickr]

Kommission und Mitgliedsstaaten müssen verstärkt gegen die Zunahme von Demenz in Europa vorgehen. Bis 2050 könnten 18,7 Millionen EU-Bürger unter der Krankheit leiden. EurActiv Brüssel berichtet.

Demenz entwickelt sich laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) über einen langen Zeitraum hinweg. Hervorgerufen wird sie von einer Vielzahl von Krankheiten oder Verletzungen, die primär oder sekundär das Gehirn beeinträchtigen wie Alzheimer oder einem Schlaganfall.

Alzheimer ist eine Demenz-Erkrankung, die Gedächtnis-, Denk- und Verhaltensstörungen hervorruft. Die Symptome entwickeln sich meist langsam und werden im Laufe der Zeit immer schlimmer, bis sie schließlich das alltägliche Leben beeinträchtigen. Das Bewusstsein jedoch ist nicht betroffen.

Demenz-Patienten sind im praktischen Leben zunehmend von anderen Menschen – meist ihren Pflegern oder Familienangehörigen – abhängig. „Eine Demenz-Erkrankung kann physische, psychologische, soziale und wirtschaftliche Folgen für Pfleger, die Familie und die Gesellschaft mit sich bringen“, so die WHO. Oftmals mangle es der Öffentlichkeit jedoch an Bewusstsein und Verständnis für die Krankheit, kritisieren verschiedene Akteure, darunter auch zahlreiche Politiker. Dies führe zur Stigmatisierung und erschwere die Diagnose und Pflege. Daher fordern sie globales Handeln.

Demenz ist mit sehr hohen Kosten verbunden. 2015 beliefen sich diese auf 750 Milliarden Euro, wie der Welt-Alzheimer-Bericht von Alzheimer’s Disease International (ADI) desselben Jahres zeigte. Hochrechnungen zufolge könnten sie bis 2018 auf 1,83 Billionen Euro steigen.

Demenz in der EU

2015 litten etwa 10,5 Millionen Menschen an Demenz. Zu diesem Zeitpunkt gab es EU-weit etwa 176,6 Millionen Über-60-jährige. Die Zukunftsprognosen sind alarmierend: Schon 2050 soll die Zahl der Demenz-Patienten bei 18,7 Millionen liegen.

Die häufigsten Ursachen für Demenz in der EU sind laut Kommission eine Alzheimer-Erkrankung (50 bis 70 Prozent) und aufeinanderfolgende Schlaganfälle, die zu einer sogenannten Multi-Infarkt-Demenz führen können (etwa 30 Prozent). Darüber hinaus gibt es noch die Pick-Krankheit, die Binswanger-Krankheit, die Lewy-Body-Demenz und andere Formen.

Innerhalb der EU sind die Mitgliedsstaaten dafür verantwortlich, ein Gesundheitswesen bereitzustellen und unter anderem Pflege für Demenz-Patienten anzubieten. Im Dezember 2015 verabschiedete der Ministerrat ein politisches Rahmenwerk, dass Demenz-Erkrankte mithilfe verbesserter Pflegemaßnahmen und -praktiken unterstützen soll. Darüber hinaus erarbeiteten bereits mehrere EU-Staaten eine nationale Strategie, um auf die kritische Situation zu antworten.

Immer mehr Länder seien an solchen Demenz-Plänen interessiert, erklärt Jean Georges, Direktor von Alzheimer Europe, in einem Interview mit EurActiv. „Mittlerweile gibt es Strategien zur Bekämpfung neurodegenerativer Krankheiten in Österreich, Belgien, Zypern, Tschechien, Dänemark, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg, Malta, den Niederlanden, Norwegen, Slowenien, Spanien, der Schweiz und Großbritannien (mit einzelnen Plänen für England, Nordirland und Schottland).“ Dennoch, so der Analyst, sei es noch ein weiter Weg, bis man diese Pläne vollständig umgesetzt und auch andere Länder von ihnen überzeugt habe.

Aktionsplan der EU-Kommission

In den letzten Jahren sei das Thema Demenz immer weiter nach oben auf die politische Agenda der Mitgliedsstaaten gerückt, betont Kommissionssprecher Enrico Brivio EurActiv gegenüber. Dies erkenne man daran, dass immer mehr von ihnen nationale Strategien, Aktionspläne oder Programme zur Demenz entwickeln, annehmen und umsetzen. Außerdem werden ihm zufolge im Rahmen von EU-Programmen hohe Summen in die Erforschung von Demenz und anderen neurodegenerativen Krankheiten investiert.

„Dass den Mitgliedsstaaten das Thema sehr wichtig ist, hat sich auch während der EU-Ratspräsidentschaft gezeigt“, so der EU-Vertreter. Die Kommission arbeite über die Regierungsexpertengruppe zur Demenz sehr eng mit den Mitgliedsstaaten  zusammen. „Wir werden gemeinsam mit den EU-Ländern darüber diskutieren, wie wir die Umsetzung der Schlussfolgerungen aus dem Rat unterstützen können“, erklärt Brivio.

Außerdem hilft die Kommission den Mitgliedsstaaten auch im Rahmen des EU-Gesundheitsprogramms dabei, gegen Demenz vorzugehen. So wurde ALCOVE, die erste gemeinsame Demenz-Initiative (Joint Action on Dementia), im März 2016 durch die zweite Joint-Action-Initiative fortgesetzt. Sie widmet sich der post-diagnostischen Unterstützung, Krisen- und Pflegekoordination sowie der Qualität stationärer Betreuung und Demenz-gerechter Gemeinschaften.

„Die Kommission unterstützt außerdem die Europäische Innovationspartnerschaft für Aktivität und Gesundheit im Alter. Sie erleichtert den Austausch bewährter Verfahren, wenn es darum geht, Gebrechlichkeit zu verhindern oder altersfreundliche Umgebungen zu integrieren“, so Brivio, „Bereiche, die zeigen, wie wichtig es ist, frühzeitig zu diagnostizieren, Screenings zum Abbau physischer oder kognitiver Fähigkeiten durchzuführen, Gesundheit mit sozialer Pflege zu koordinieren und Patienten sowie Pfleger zu unterstützen.“

Kommission realitätsfremd?

Kritik hagelt es jedoch vonseiten der Europäischen Föderation der Krankenpflegeverbände: Die gemeinsamen Demenz-Strategien der Kommission und der Mitgliedsstaaten schließen viele andere Akteure wie die ENF aus, meint man dort. „Sie vernachlässigen drei Millionen Krankenpfleger. […] Es ist höchste Zeit, dass die EU-Kommission erkennt, wer hier an vorderster Front steht und sich Tag für Tag mit dem Thema Demenz auseinandersetzt“, mahnt EFN-Generalsekretär Paul De Raeve.

EU-Politiker erarbeiten ihm zufolge politische Maßnahmen, ohne je zuvor im wahren Leben mit dem Thema Demenz konfrontiert worden zu sein. Die Empfehlungen des Rates  beinhalten, so De Raeve, viele leere Phrasen. Es gebe keine konkreten Handlungsvorschläge, die Demenz-Pflegekräfte miteinbeziehen würden. „Sehen Sie sich nur H2020 an: Millionen werden im Bereich Demenz ausgegeben und dennoch ändert sich nichts an der alltäglichen Praxis […]. Warum hält man sich nicht an die Forschungsergebnisse?“

„iSupport“

Die WHO beschäftigt sich unter anderem auch mit den Folgen für die Pflegenden. Viele von ihnen können ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen, weil sich ihr physischer und psychischer Gesundheitszustand verschlechtert oder ihre Produktivität nachlässt. 2010 beliefen sich die informellen Kosten laut WHO-Schätzungen auf 230 Milliarden Euro.

E-Solutions könnten sich der Organisation zufolge als überaus effektiv erweisen. So entwickelt die WHO derzeit ein elektronisches Programm namens „iSupport“, das Familienangehörige und Freunde bei der Pflege von Demenz-Erkrankten unterstützen soll. Über den PC, das  Smartphone oder das Tablett bietet „iSupport“ Trainings-Programme, die über die Grundlagen von Demenz informieren und zeigen, wie man eine Pflegerolle übernimmt, dem emotionalen Druck standhält und sich selbst nicht aus den Augen verliert. Thematisiert werden auch besondere Herausforderungen des Krankheitsbildes wie Aggression, Depression und Verwirrtheit.

Weitere Informationen