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11/12/2016

Demenz-Bericht: Gesundheitswesen muss umgestaltet werden

Gesundheit und Verbraucherschutz

Demenz-Bericht: Gesundheitswesen muss umgestaltet werden

Familien spielen eine entscheidende Rolle bei der Pflege dementer Familienangehöriger.

[The home of Fixers/Flickr]

Zu viele Menschen mit Demenz erhalten nie eine Diagnose und daher auch keine umfassende Behandlung, zeigt ein Bericht. Ihm zufolge sollte sich die Politik auf die primäre Gesundheitsversorgung konzentrieren. EurActiv Brüssel berichtet.

Die große Mehrheit der an Demenz leidenden Menschen muss die Krankheit erst noch diagnostiziert bekommen, heißt es im jüngsten Bericht von Alzheimer’s disease International, verfasst von Forschern des King’s College London und der London School of Economics and Political Science (LSE). Das Gesundheitswesen müsse daher generalüberholt werden. So brauche man Strategien zur Prävention und Folgenabschätzung, während gleichzeitig der Schwerpunkt hin zur nicht-spezialisierten Primärversorgung verlagert werden sollte.

Diagnose und Kosten

Der Bericht “Improving healthcare for people living with dementia” warnt vor dem schier ungebrochenen Anstieg von Demenz weltweit. Bis 2050 soll sich die Anzahl der Fälle verdreifachen. Besonders besorgniserregend sind die niedrigen Diagnosezahlen. Ohne eine Diagnose haben Menschen mit Demenz keinen Zugang zu Pflege und Behandlung. Den Forschern zufolge erhalten etwa 40 bis 50 Prozent der Demenz-Erkrankten in Ländern mit hohem Einkommen eine Diagnose. In Staaten mit mittlerem oder niedrigem Einkommen hingegen sind es nur etwa fünf bis zehn Prozent.

Im Vergleich mit gleichaltrigen Kontrollpersonen sind in reicheren Ländern die Gesundheitskosten für Menschen mit Demenz höher. Ein Großteil der notwendigen Aufwendungen entfällt dabei auf die Hospitalisierung. Demenz koste Europa jedes Jahr aufgrund medizinischer Ausgaben und sozialer Pflege etwa 123 Milliarden Euro, erklärt Gilles Pargneaux, ein französisches EU-Parlamentsmitglied der Sozialisten und Demokraten (S&D) im Gespräch mit EurActiv.

Fazit des Berichts: Die Gesundheitsversorgung für Menschen mit Demenz muss radikal verändert werden und sich stärker auf primäre Gesundheitsdienste konzentrieren. „Nicht spezialisiertes Primärpflegepersonal stärker miteinzubinden, kann für zusätzliche Kapazitäten sorgen, um der steigenden Nachfrage an Demenz-Pflege gerecht zu werden. Darüber hinaus lassen sich so die Pflegekosten pro Person um 40 Prozent senken“, heißt es in dem Bericht. Der Begriff „Primärpflegepersonal“ bezieht sich auf nicht spezialisierte Ärzte und Krankenpfleger in den Gemeinden, die meist als erste Anlaufstelle des Gesundheitswesens dienen.

Primärversorgung

Die aktuellen Fachpflegemodelle (von Geriatern, Neurologen und Psychiatern) werden wahrscheinlich nicht ausgebaut, um dem Demenz-Anstieg begegnen zu können, meint Martin Prince vom King’s College London, leitender Autor des Berichts – vor allem nicht in Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen. „Wenn Primärärzte die Demenz-Pflege übernehmen, können sie erwiesenermaßen die gleichen Ergebnisse erzielen wie Fachpersonal. […] Krankenpfleger können zu Fallmanagern werden und diagnostische Bewertungen oder Überprüfungen durchführen“, erklärt er im Gespräch mit EurActiv.

Wenn Primärpersonal eine größere Rolle in der Demenz-Behandlung spielen soll, muss es laut Prince entsprechend geschult werden. Hierzu brauche man zunächst einen klar definierten Fahrplan für Demenz-Pflege mit festen Aufgabenbereichen für Primärärzte, Spezialisten und andere. So könnten alle Beteiligten in ihrer Arbeit von einem eindeutig strukturierten Fallmanagement profitieren.

„Spezialisten werden eine wichtige Rolle in der Ausbildung und Beaufsichtigung von Nicht-Spezialisten spielen müssen. […] In Ländern mit geringem Einkommen sollte man sich vermehrt für die primäre Gesundheitsversorgung einsetzen. Diese Aspekte sollten überall in nationalen Demenz-Strategien festgehalten werden – zusammen mit der Verteilung von Fördergeldern“, betont Prince. Man sei derzeit jedoch noch auf zusätzliche Forschungsarbeit und kulturelles Umdenken angewiesen, um ein solches System aufzubauen und in das primäre Gesundheitswesen einzubetten.

Primäre beziehungsweise nicht-fachliche Pflege habe zwei Aufgaben, so Professor Craig Ritchie vom Zentrum für Demenz-Vorsorge der University of Edinburgh: Diagnose und Prävention. „Es gibt noch immer viele Demenz-Erkrankte auf dieser Welt, denen nie eine Diagnose gestellt wurde. Ich denke, hier kann die Grundversorgung eine wichtige Rolle spielen“, hebt er hervor. „Wir müssen uns zum Beispiel ansehen, wer sich während des Krankheitsverlaufs am besten schlägt. Eine Frühdiagnose erfordert womöglich ein hohes Maß an Fachwissen. Die Krankheit jedoch zu einem späteren Zeitpunkt zu identifizieren, wird hautsächlich Aufgabe des primären Gesundheitswesens sein.“

Was die Prävention angehe, konzentriere man sich zu Recht darauf, neue Medikamente zu entwickeln, meint Ritchie. Großes Verbesserungspotenzial sieht er jedoch auch in Sachen ausgewogener Ernährung, sportlicher Betätigung und gesunder Lebensstil. „Hier kommen ganz klar die Allgemeinärzte ins Spiel, ähnlich wie bei anderen chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Herzleiden. […] Sie können also nicht nur bei der Diagnose helfen, sondern auch präventiv die gesunden Gehirnfunktionen erhalten.“

Was kann die Familie tun?

Laut Ritchie spiel auch die Familie eine zentrale Rolle, da sie direkt von der Erkrankung eines Angehörigen betroffen ist. Mit einem Demenz-Erkrankten zusammenzuleben, kann schwerwiegende Folgen für das Wohlbefinden des Pflegenden haben – zum Beispiel wenn dieser seine Arbeit aufgeben und dabei zusehen muss, wie die Krankheit einen geliebten Menschen immer mehr vereinnahmt.

„Die Familie kann auch dabei helfen, frühzeitig Symptome zu erkennen. Man muss die Angehörigen also dazu ermutigen und ihnen die Möglichkeit bieten, Unterstützung zu suchen, sollten sie sich Sorgen um die gestiegen Fähigkeiten eines Familienmitglieds machen. Dabei ist der Allgemeinarzt meist erster Ansprechpartner“, erklärt der Professor. Außerdem sollten Angehörige ihm zufolge mit in die Behandlungen und Interventionen einbezogen werden, um ein optimales Pflegeergebnis zu erreichen. „Eine gute Pflege muss auch auf die Bedürfnisse der Familienmitglieder eingehen, die in ihrer Pflegerolle womöglich eigene physische und geistige Ansprüche entwickeln.“

Bewusstsein schaffen in der EU

Die jüngste Umfrage zum Thema Demenz in der EU zeigt, dass sich die Hälfte der Pfleger mindestens zehn Stunden am Tag um einen geliebten Menschen kümmern. Nur 17 Prozent von ihnen sind der Ansicht, die Altenpflege in in ihrem Land sei in gutem Zustand. Viele beschweren sich, sie seien bei der Diagnose nur „unzureichend“ aufgeklärt worden, und fordern daher mehr Informationen zur medikamentösen Behandlung. 80 Prozent würden sich wünschen, mehr über Unterstützungsdienstleistungen zu erfahren. Tatsächlich wurden nur 40 Prozent darüber in Kenntnis gesetzt, dass es einen Alzheimer-Verband gibt.

„Die größte Sorge ist womöglich, dass mehr als 50 Prozent keinen Zugang zu bestimmten Dienstleistungen wie zur häuslichen Pflege, Tagespflege oder Behandlung im Pflegeheim haben“, warnt der Bericht. „Wenn diese Dienste zur Verfügung stehen, müssen die Pflegenden meist selbst dafür aufkommen“.

Ein anderer Demenz-Bericht im Auftrag der European Foundations’ Initiative on Dementia (EFID) verweist auf die Bedeutung demenz-freundlicher Kommunen in Europa. Er trägt den Titel “Mapping dementia-friendly communities across Europe” und wurde von der britischen NGO Mental Health Foundation zwischen 2014 und 2015 erstellt. Ziel des Berichts war es vor allem, praktische Informationen zu bewährten Verfahren bereitzustellen, die eine nachhaltige, inklusive und fördernde Umgebung für Menschen mit Demenz und ihre Pfleger schaffen. Den Ergebnissen nach sollten diese aktiv in die Gesellschaft, in der sie leben, eingebunden werden. Ebenso wichtig sei eine angemessene Aufklärung, denn „unklare Informationen können irreführend wirken und unabsichtlich die Gefahr der Ausgrenzung steigern.“

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