Corona-Krise zwingt Spaniens Gesundheitssystem in die Knie

Spanien hat die zweithöchste Lebenserwartung der Welt nach Japan - doch das Gesundheitssystem ist nicht für eine Pandemie ausgelegt. [QUIQUE GARCIA/ epa]

Spaniens Gesundheitssystem gilt als eines der besten und effizientesten der Welt. Doch in der Corona-Krise versagt es, wie die dramatischen Zahlen auch jetzt wieder zeigen. Warum ist das so?

Dies ist ein Artikel von unserem Medienpartner Deutsche Welle.

Schon wieder ist die 6,6 Millionen-Metropole Madrid das europäische Epizentrum der Pandemie. Die Chirugin Ángela Hernández weiß ganz genau, woran es liegt: „Es fehlt medizinisches Personal an allen Ecken und Enden.“ Die 44-Jährige ist Vize-Präsidentin der Gewerkschaft AMYTS: „Allein am 22. September wurden rund 3000 Menschen in Madrider Krankenhäuser eingeliefert, davon rund 400 auf die Intensivstation. Wir sind am Limit.“

Landesweit wurden erst gar keine Tests in Flughäfen angeboten, sondern nur in der Primärversorgung und dort nur bei Verdachtsfällen, weil es nicht genug Labore gibt. Der Frust unter den Madrilenen ist groß, weil sie sich eigentlich sehr diszipliniert an die Regeln halten, dazu gehört auch die Maskenpflicht.

„Dass im März niemand mit der Pandemie gerechnet hat, obwohl sie sich ankündigte, ist noch nachzuvollziehen. Aber dass die Politiker nichts gelernt haben, ist enttäuschend“, sagt die dreifache Mutter, die nicht müde wird, darüber zu klagen, wie schlecht das medizinische Personal in den meisten der 17 autonomen Regionen Spaniens bezahlt wird.

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Das Kalkül der Überkapazitäten

Das liegt auch daran, dass den Bürgern finanziell nicht viel abverlangt wird. Jeder muss zwar für die öffentliche Gesundheitsversorgung bezahlen, aber im Vergleich zu Deutschland ist das wenig. Für Selbstständige sind es rund 300 Euro im Monat, womit auch die Rente abgedeckt ist. „Das knapp kalkulierte spanische Gesundheitssystem ist darauf ausgelegt, dass bedrohliche Krankheiten schnell erkannt und behandelt werden. Aber für Prävention und Rehabilitation haben wir keine Ressourcen“, sagt Gesundheitsexperte Alberto Giménez, Chef der Stifung Economía y Salud in Madrid. In Spanien und gerade in Madrid ist alles auf wenig Platz konzentriert. „Viele Menschen teilen sich kleine Wohnungen mit anderen, weil die Mieten teuer sind. So stecken sie sich an“, erklärt Hernández die aktuell hohen Infektionszahlen in Arbeitervierteln wie Carabanchel.

Hinzu kommt, dass die Vermittlung zum Facharzt über Gesundheitszentren erfolgt. Sie fungieren als Filter, damit die Krankenhäuser nicht überlastet werden. Weil sie ein primärer Ansteckungsherd sind, gibt es kaum noch direkte Sprechstunden, was wiederum zu vielen nicht diagnostizierten Krankheiten führt. „Hinzu kommt die lange Liste der noch ausstehenden Operationen“, berichtet Hernández. Die Kollateralschäden dieser Pandemie werden in Spanien deswegen besonders hoch sein in den kommenden Monaten.

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Vorteil Deutschland

Angesichts des geringen Lerneffekts der spanischen Politik auf allen Ebenen ist es verständlich, dass schon im März und April viele Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern mit dem täglichen Applaus der Menschen im Lockdown nichts anfangen konnten. „Wir alle müssen mehr bezahlen, damit das hier auch in der Pandemie funktioniert“, sagt Hernández.

Deutschland hat in dieser Krise einen klaren Vorteil, weil das Land sich Überkapizitäten leistet und ein vergleichsweise ineffizientes System, was vor der Pandemie ein Problem war, jetzt aber ein Vorteil ist. Deutschland hat rund 34 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner, während Spanien auf knapp zehn kommt (siehe Infografik). Während im Norden Europas die Krankenhäuser kleiner und gerecht auf die Einwohner verteilt sind, ballen sie sich in Spanien in den Großstädten. Auf dem Land fehlt dagegen die Versorgung.

Dennoch funktionierte das spanische System vor der Pandemie besser als das deutsche. Spanien hat die zweithöchste Lebenserwartung der Welt nach Japan. Madrid und Barcelona sind zudem Cluster für viele medizinische Forschungen. Das Land verfügt über zahlreiche internationale Top-Krankenhäuser. Und das alles für nicht viel Geld.

Digitaler Fortschritt, aber nicht flächendeckend

Diese Pandemie hat jedoch deutlich gemacht, dass in Spanien eine Institution wie das deutsche Gesundheitsamt fehlt, die in allen Städten die administrative Kontrolle übernimmt.Dabei wurde schon viel getan in Sachen Digitalisierung und Datenerhebung. Rezepte werden bereits automatisch auf die Gesundheitskarte geladen, Arzttermine per Internet vereinbart und in Madrid gibt es sogar eine digitale Patientenakte. „Da ist es unverständlich, dass wir kein System haben, um die Infizierten nachzuverfolgen und zu kontrollieren“, beschwert sich sie Krankenschwester Rosa Gómez Honrato von der Plataforma de Centros de Salud de Madrid, die sich für die Belange der primären Gesundheitsversorgung einsetzt.

Die Madrider Regierung wollte im Sommer noch ehrenamtlich Leute verpflichten, welche diese Aufgaben eines Gesundheitsamts übernehmen sollten. Inzwischen werden dafür Soldaten eingesetzt: „Hauptsache sparen. In der Praxis sind wir es jedoch im Gesundheitszentrum, welche die Daten ohne irgendeine Logik aufnehmen und allen hinterher telefonieren müssen“, beklagt sich die Krankenschwester: „Wir verlieren viel Zeit, wenn wir 15 chinesische Familiennamen richtig aufschreiben müssen.“

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Das überlastete medizinische Personal in Madrid will deswegen streiken: „Wir wissen, es ist nicht der richtige Moment, aber nachdem wir seit März keine Verbesserung sehen, ist es das einzige Druckmittel“, sagt Hernández. Es laufen jedoch inzwischen auch juristische Klagen gegen die Regional- und Zentralregierung wegen Missmanagement in dieser Gesundheitskrise.

Dennoch: Spanien ist keine Gefahr

Aber trotz aller Horrormeldungen, die medial nach Deutschland gelangen: Spanien ist kein Risikoland. „Nirgendwo anders sind die Menschen so pflichtbewusst. Jeder trägt hier eine Maske – egal, wo sie hingehen. Die Regeln waren und sind streng. Das ist gut so“, berichtet die ehemalige TV-Journalistin Sabine Christiansen, die den Lockdown auf Mallorca verbracht hat und dort auch jetzt noch ist: „Ich fühle mich sicher hier.“

Das gilt auch für den amerikanischen TV-Schauspieler Michael Douglas, der seit einigen Monaten mit seiner Familie auf seinem mallorquinischen Anwesen lebt, wie eine spanische Zeitung berichtet. Denn Spanien bleibt trotz COVID-19 ohne Frage das Land, das wie kein anderes, Menschen aus aller Welt zum Bleiben animiert und das nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. Sondern vor allem wegen der Lebensfreude der Spanier, die auch jetzt weiter die Cafés und Bars von Madrid füllen, wenn auch mit Maske und auf Abstand.

Das erzählt die dort lebende Claudia Haubner auch immer wieder ihrer verängstigten Familie in Bayern, wenn die ihr wieder berichten, was sie alles Schlimmes über Madrid gehört haben: „Ich denke, dass wir alle am Limit sind, egal, wo wir die Pandemie derzeit erleben. Da hilft es nicht, noch mehr Panik zu machen.“

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