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06/12/2016

Bericht: Europäer leben länger, aber nicht gesünder

Gesundheit und Verbraucherschutz

Bericht: Europäer leben länger, aber nicht gesünder

Mehr als 1,2 Millionen Europäer starben 2013 laut Bericht an vermeidbaren Krankheiten oder Verletzungen.

[European Commission DG ECHO / Φλιψκρ]

Europäer leben inzwischen fast sieben Jahre länger als noch 1990. Das heißt jedoch nicht, dass sie einen gesünderen Lebensstil führen, zeigt das Ergebnis einer aktuellen Studie. EurActiv Brüssel berichtet.

Gemeinsam mit der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veröffentlichte die EU-Kommission am heutigen Mittwoch den Bericht „Health at a Glance: Europe 2016“. Darin analysierten sie den europaweiten Stand der Gesundheitsversorgung, wobei sie sich auf Risikofaktoren, Gesundheitsausgaben und den Zugang zur Gesundheitsfürsorge in 36 europäischen Ländern konzentrierten.

Vor allem aufgrund der Wirtschaftskrise sind große gesundheitliche Ungleichheiten entstanden. Auch der Zugang zu medizinischer Versorgung weist europaweit starke Unterschiede auf. Das beeinträchtigt sowohl die Effektivität als auch die Funktionsfähigkeit der EU-Gesundheitssysteme.

Höhere Lebenserwartung

Dem Bericht zufolge ist die Lebenserwartung der EU-Bürger zwischen 1990 und 2014 von durchschnittlich 74,2 Jahren auf 80,9 gestiegen. Dennoch lassen sich große Differenzen zwischen West- und Osteuropa beobachten: 17 Mitgliedsstaaten – darunter Griechenland – liegen über dem EU-Durchschnitt, mittel- und osteuropäische Länder eher darunter. Bulgarien und Lettland verzeichnen mit 74,5 Jahren die niedrigste Lebenserwartung. In Spanien und Italien hingegen leben die Menschen mit einem Durchschnittsalter von 83,2 Jahren am längsten.

Dass die Lebenserwartung damit Rekordhöhen erreicht hat, könnte darauf zurückzuführen sein, dass immer weniger Menschen, insbesondere weniger 50- bis 60-Jährige an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben. Das bedeute jedoch nicht, dass diese Extrajahre gesünder verbracht werden, warnt der Bericht und fordert einen besseren Zugang zu qualitativ hochwertigen Gesundheitssystemen.

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Vermeidbare Todesfälle

Mehr als 1,2 Millionen Europäer starben 2013 laut Bericht an Krankheiten oder Verletzungen, die durchaus hätten verhindert werden können, wenn das Gesundheitswesen effektiver gewesen und Vorsorgemaßnahmen rechtzeitig umgesetzt worden wären. Diese relativ hohe Zahl wirft Fragen über die Leistungsfähigkeit der EU-weiten Gesundheitssysteme auf.

Viele Risikofaktoren werden auf Kosten der Gesundheit der EU-Bürger ignoriert, kritisiert EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis im Gespräch mit EurActiv. „In der EU und darüber hinaus vernachlässigt man noch immer zu viele Risikofaktoren: Tabak, ungesunde Ernährung, Mangel an Bewegung, exzessiver Alkoholkonsum, Stress und auch allgemeine gesellschaftliche Aspekte wie ungesunde Wohn- und Arbeitsbedingungen sorgen dafür, dass zu viele Menschen eines vermeidbaren Todes sterben.“ Dabei gibt es ihm zufolge bereits wirksame Instrumente, um diese Faktoren zu bekämpfen. „Sie stehen allen Entscheidungsträgern auf sämtlichen Ebenen zur Verfügung. Daher liegt es in unser aller Verantwortung, einen gesunden Lebensstiel zu fördern und Krankheiten zu verhindern.“

Die Statistiken zeigen, dass 16 Prozent der Erwachsenen an Fettleibigkeit leiden. 2000 waren es noch elf Prozent. Und auch wenn der Tabakkonsum in den meisten EU-Ländern zurückgegangen ist, raucht noch immer jeder Fünfte mindestens eine Zigarette am Tag. Etwa 20 Prozent der Erwachsenen gaben 2014 an, mindestens einmal im Monat viel Alkohol zu konsumieren.

Kardiovaskuläre Erkrankungen waren 2013 in allen EU-Staaten die häufigste Todesursache (40 Prozent), gefolgt von Krebs (26 Prozent). Die niedrigsten krebsbedingten Sterberaten verzeichneten Zypern, Finnland, Schweden und Spanien; die höchsten lassen sich in Ungarn, Kroatien, der Slowakei, Slowenien und Dänemark beobachten.

Zugang zur Gesundheitsversorgung

Um die Gesundheitssysteme spürbar zu verbessern, müssten die Mitgliedsstaaten, so der Bericht, vor allem die finanziellen Schranken im Gesundheitswesen abbauen und den Zugang zur Primärversorgung verbessern.

„Fast 27 Prozent der Patienten gehen in die Notaufnahme, weil ihnen keine Primärversorgung zur Verfügung steht. Die Patienten zahlen etwa 15 Prozent der Gesundheitskosten direkt aus der eigenen Tasche – auch wenn es diesbezüglich große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern gibt“, heißt es in der Studie. Ärmere Europäer haben mit zehnmal höherer Wahrscheinlichkeit finanzielle Probleme, Zugang zum Gesundheitssystem zu bekommen.

2014 gaben etwa 3,6 Prozent der Bevölkerung an, aufgrund von Kosten, geografischer Entfernung oder zu langen Wartezeiten auf eine medizinische Behandlung verzichtet zu haben. Niedrige Raten von unter einem Prozent verzeichneten Luxemburg, Spanien, die Niederlande, Slowenien und Österreich. Besonders ausgeprägt war das Phänomen hingegen in Lettland, Estland und Griechenland (jeweils mit einem Anteil von über zehn Prozent).

Dem Bericht zufolge ist eine solche Entwicklung vor allem auf die Wirtschaftskrise 2008 zurückzuführen. In Italien und Frankreich beispielsweise stieg zwischen 2008 und 2014 der Anteil von Geringverdienern, die aus Kostengründen auf Gesundheitsdienstleistungen verzichteten, um mehr als 50 Prozent. Im krisengebeutelten Griechenland verdoppelte sich ihr Anteil, während er sich in Portugal im selben Zeitraum sogar verdreifachte. „Die Tatsache, dass vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen immer häufiger auf eigentlich notwendige Behandlungen verzichten, ist äußerst besorgniserregend. Denn dadurch verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand und gesundheitliche Ungleichheiten entstehen“, erklärt die Studie.

Die Zukunft der EU-Gesundheitssysteme

Der Bericht verweist auch auf den demografischen Wandel. So stieg Statistiken nach der Anteil der Überfünfundsechzigjährigen von weniger als zehn Prozent im Jahr 1960 auf 20 Prozent 2015. Bis 2060 sollen sie fast 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Die Kombination aus einer alternden Gesellschaft, zunehmend häufigeren Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Haushaltseinschränkungen erfordert laut Bericht einen neuen Ansatz. Die Art, wie Gesundheitsdienstleistungen erbracht werden, müsse sich ändern. So könne man den Bereich eHealth weiterentwickeln, Krankenhausaufenthalte verkürzen und „klügere“ pharmazeutische Ausgaben tätigen. Das bedeutet, dass auch das Potenzial der Generika-Ersatzprodukte voll ausgeschöpft werden müsse.

Alle EU-Mitgliedsstaaten halten die Entwicklung von Generika-Präparaten für eine gute Chance, die Kosteneffizienz im pharmazeutischen Bereich zu verbessern. Dennoch nutzen viele die Möglichkeiten, die sich durch Generika bieten, noch nicht zu 100 Prozent aus. In Großbritannien, Deutschland, den Niederlanden und der Slowakei machten die vergünstigten Präparate 2014 mehr als 70 Prozent der verkauften Arzneimittel aus. Auf dem luxemburgischen, italienischen und griechischen Markt liegt ihr Anteil bei lediglich 20 Prozent.

Nationale Gesundheitssysteme müssen in das digitale Zeitalter überführt werden, erklärte Andriukaitis in einem Interview mit EurActiv. So gewährleiste man, dass sie nachhaltig und kosteneffizient werden. „Die EU-Zusammenarbeit an einer Technologiefolgenabschätzung im Gesundheitswesen (Health Technology Assessment, HTA) ist ein wichtiges Instrument, das den Mitgliedsstaaten dabei hilft, klüger und kosteneffektiver zu investieren. Ich hoffe, dass wir hier in den nächsten Jahren große Fortschritte machen werden“, so der Kommissar.

Bei der HTA handelt es sich um einen multidisziplinären Prozess, in dessen Rahmen man den Mehrwert und die Wirksamkeit bestehender Gesundheitstechnologien bewertet. Dabei geht es zum Beispiel um Arzneimittel, medizinische Geräte, Diagnoseinstrumente und chirurgische Verfahren.

Weitere Informationen

EU-Kommission

 

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