Behörden sorgen sich um die psychische Gesundheit in Frankreich

"Psychiaterinnen und Psychiater verzeichnen einen wahren Zustrom von Menschen, die in großer Not sind." [SHUTTERSTOCK]

Nach mehr als einem Jahr Pandemie und mehreren Lockdowns sind die Behörden in Frankreich besorgt über die psychische Gesundheit der Bevölkerung.

„Psychiaterinnen und Psychiater verzeichnen einen wahren Zustrom von Menschen, die in großer Not sind,“ warnte Katia Julienne, Generaldirektorin für Pflegeversorgung im Gesundheitsministerium, während eines von France Assos Santé organisierten Webinars am 15. April.

Während die Ärztinnen und Ärzte in der ersten Coronavirus-Welle meist grundlegende psychologische Unterstützungseinheiten für die Patientinnen und Patienten vorschlugen, konzentrierte man sich in der zweiten Welle auf die Weiterführung der Pflege.

Dies geschah mit Hilfe von mobilen Einsatzkits und „Telekonsultationen“. Mit derartigen Lösungen haben sich die Psychiaterinnen und Psychiater an die für die Behandlungen schwierigen Umstände „angepasst“, so Julienne.

In ganz Europe entwickelt sich die „Telemedizin“ weiter, nicht nur aufgrund der Pandemie: Laut einer Umfrage des Global eHealth Observatory der WHO aus dem Jahr 2015 hatten bereits damals einige Länder, wie Griechenland und Spanien, Pilotprogramme für die psychiatrische Fernversorgung gestartet, während es in Kroatien, Italien und Litauen eher informelle und inoffizielle Initiativen gab. Finnland, die Niederlande und Schweden verfügten damals bereits über funktionierende „Telepsychiatrieprogramme“ auf nationaler Ebene.

 

Europäische Länder mit psychiatrischen Telemedizindiensten im Jahr 2015 (in Ungarn gab es im Jahr 2015 keinen telepsychiatrischen Dienst. Für die übrigen EU-Länder liegen der WHO keine Daten vor). Quellen: OMS und Civio.

In Finnland, den Niederlanden und Schweden leiden demnach die Menschen am häufigsten unter Depressionen.

Frankreich ist hingegen das Land, das am meisten von psychiatrischen Erkrankungen/Störungen im Allgemeinen betroffen ist.

Anteil der Bevölkerung, der an Depressionen leidet, 2017. Quelle: Our world in data.

Der Anteil der Bevölkerung mit einer psychischen Gesundheits- oder Substanzkonsumstörung. Dazu gehören unter anderem auch Essstörungen, Alkohol- oder Drogensucht und Schizophrenie, 2017. Quelle: Our world in data.

„Wenn keine dringend benötigten Maßnahmen zur psychischen Gesundheitsversorgung ergriffen werden, wird der Bedarf an psychosozialer Unterstützung unweigerlich steigen und dazu beitragen, dass allein in der Europäischen Union 84 Millionen Menschen an psychischen Störungen leiden,“ erklärt Liuska Sanna, stellvertretende Direktorin von Mental Health Europe.

„Anfällige Gruppen, einschließlich Menschen mit psychosozialen Behinderungen, werden dabei am meisten leiden. Wir können nicht auf eine weitere Pandemie warten, um die gelernten Lektionen anzuwenden: Nur eine proaktive Reaktion kann verhindern, dass die Gesundheitssysteme weiter überlastet werden und zusammenbrechen,“ sagt sie.

Ein Teilaspekt der Lösung sei dabei das Personal. In einigen Ländern herrscht ein gravierender Mangel an psychiatrischen Fach- und Pflegekräften, insbesondere in Spanien, Bulgarien und Polen, wo es 2018 jeweils nur 10,93, 10,31 bzw. 9,23 Psychiaterinnen und Psychiater pro 100.000 Einwohner gab.

Anzahl der Psychiaterinnen und Psychiater pro 100.000 Einwohner, 2018. Quelle: Civio.

Fokus auf die Jugend

Wie Santé Publique France mitteilt, begann am 16. April mit der Sitzung eines wissenschaftlichen Ausschusses eine nationale Studie zur psychischen Gesundheit von Kleinkindern. „Die ersten Lebensjahre sind entscheidend für die psycho-affektive Entwicklung der Kinder, das Lernen und ihre Anpassungsfähigkeit im späteren Erwachsenenleben,“ heißt es auf der Website der französischen Gesundheitsbehörde.

„Die aktuelle Gesundheitskrise hat Auswirkungen auf die psychische Gesundheit junger Menschen und zeigt die Notwendigkeit von Maßnahmen zur Versorgung und Prävention auf der Grundlage robuster Daten,“ wird weiter betont.

In einer Pressemitteilung vom 10. Februar unterstreicht der französische Psychiatrieverband derweil, wie wichtig es sei, Kinder in die Schule gehen zu lassen: „Sozialisationserfahrungen sind eine wichtige Quelle für den Erwerb fortschreitender Autonomie, Weltoffenheit und abwechslungsreichem Lernen, die für ihre Entwicklung und positive Aussichten in die Zukunft unerlässlich sind. „

In Anbetracht der Tatsache, „dass es in diesem Alter kaum ernsthafte COVID-19-Erkrankungen“ gebe, hält der Verband es für „unerlässlich, die geistige Gesundheit unserer Kinder zu bewahren, indem wir ihre Schulbildung um jeden Preis aufrechterhalten und ihnen ebenfalls Plätze für außerschulische, kulturelle und sportliche Aktivitäten anbieten.“

Europäischer Wiederaufbau: Die Jugend bleibt außen vor

Während sie die am stärksten von der durch das Coronavirus ausgelösten Wirtschaftskrise betroffene Gruppe sind, fühlen sich junge Europäerinnen und Europäer in den Recovery-Plänen zunehmend übergangen.

Alain Ehrenberg, emeritierter Forschungsdirektor des Wissenschaftsinstituts CNRS, erklärt indes in einem Artikel für Telos, wie sich der Abbau sozialer Bindungen durch die Lockdowns auf die Gesundheit auswirkt.

Mit dem erzwungenen „Alleinleben“ gehe gerade bei Kindern und Jugendlichen auch „massenhafte persönliche Unsicherheit“ einher, die sich wiederum in Form von psychischem Leiden ausdrücken kann, schreibt er.

Dieser Artikel erscheint in Zusammenarbeit mit dem europäischen Projekt EDJNet.

EDJnet

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