Ampeln und Schilder: Der Glaube schwindet

Gilt für den Verzehr, was für den Verkehr gilt? Verbote und Bevormundung durch Staat und EU. Foto: Oliver Weber / pixelio.de

„Die Regelakzeptanz nimmt stark ab“, sagen Verkehrspsychologen. Sie meinen damit: Immer weniger Fahrer scheren sich um Rotlicht oder Schilderwald. Warum das so ist und wieso die Behörden an der fatalen Entwicklung mitschuld sind, erfuhr EURACTIV.de von drei namhaften Verkehrsexperten.

Als Klaus Brüggemann vor fünf Jahren vom Stadtrand ins Zentrum Berlins fuhr, sah er gelegentlich einen Autofahrer, der noch bei Rot über die Kreuzung huschte. "Aber heute sehe ich das jedes Mal!", registriert Brüggemann notorische Regelverstöße.

Brüggemann ist Geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des VdTÜV e.V. Zusammen mit zwei Verkehrspsychologen, dem österreichischen Wissenschaftler Ralf Risser und Gerhard Laub, dem Fachlichen Leiter Verkehrspsychologie und Verkehrsmedizin bei TÜV SÜD, schildert er im Gespräch mit EURACTIV.de, wie die Regelakzeptanz im Verkehr dramatisch abnimmt.

Die Überlappungszeiten der Ampeln werden immer größer. Die gezielte Verkehrsverlangsamung führt zu immer mehr Frustration – und zu dem falschen Gefühl "Es kann eh nichts passieren."

Überschuss an Sicherheitsgefühl 

Die Verkehrsverlangsamung erzeugt bei den Betroffenen einen Überschuss an Sicherheitsgefühl und somit den gegenteiligen Effekt.

Zur Verkehrssicherheit müssten alle beitragen, sagen die Verkehrsexperten. Mit "alle" meinen sie nicht nur die Verkehrsteilnehmer, sondern auch die Behörden.

Aufgabe der Behörden wäre nicht nur, viel mehr zu kontrollieren. Denn hohe Strafandrohungen genügten nicht, wenn die Gefahr des Erwischtwerdens minimal sei. Aufgabe der Behörden wäre es auch, beispielsweise für "Qualitätssicherung auf Baustellen" zu sorgen. Allzu oft nämlich behinderten sinnlose Verbotsschilder oder Tempolimits den Verkehr. Es werde beispielsweise nicht kontrolliert, ob ein Bauarbeiter bloß vergessen hat, ein Baustellenschild wegzuräumen. Doch Autofahrer, die solche Beschilderung ignorieren, weil sie keinen Sinn erkennen, machen sich dennoch strafbar – auch wenn die Regelungen überzogen und nicht transparent sind.

Wenn die Verkehrspsychologen feststellen: "Der Glaube an die Schilder schwindet", klingt dies auch wie ein Vorwurf an die Behörden.

"Es scheint etwas zu kippen in Europa"

"Es scheint etwas zu kippen in Europa", meint Risser. Er könne es noch nicht empirisch belegen, aber er fürchtet: "Es entwickelt sich derzeit nicht zum Guten." Seinem Gefühl nach werde die Geschwindigkeit zunehmend zum kritischen Faktor. Vor allem im Ortsgebiet und im Niedriggeschwindigkeitsbereich nehmen Unfälle zu. Die Fahrgeschwindigkeit steige an, weil die Fahrer durch die moderne Konstruktion der Pkws das Tempo nicht fühlen: Sie hören keinen Lärm, nehmen keinen Gegenwind wahr.

"Der Trend wird weiter zunehmen, wenn wir nichts tun." Die drei Verkehrsexperten fordern daher weit mehr Kontrollen als bisher. "Geschwindigkeitsüberschreitung ist kein Spielball – weder für die Verkehrsteilnehmer noch für die Behörden."

Zwar geht die Zahl der tödlichen Unfälle zurück. In ganz Europa gab es im Vorjahr 30.000 Verkehrstote. 3.000 Tote davon gab es in Deutschland, in den Siebzigerjahren waren es allein in der alten Bundesrepublik noch 20.000.

Doch die Zahl dürfe nicht über die Realität hinwegtäuschen. "Mit der Aussage, wir haben jetzt nur noch so und so viele Unfälle, ist das Problem nicht gelöst", warnt Risser. "Man schaut immer nur auf die Todeszahlen, aber auf einen Toten kommen vier Schwerverletzte, mehr auf Zeit Behinderte und auch mehr Leichtverletzte."

Autos, Straßen und Rettungswesen besser, Fahrverhalten jedoch nicht

An einem Phänomen liegt der Rückgang der Todesfälle jedenfalls nicht, nämlich am Verhalten der Autofahrer. Am Verhalten habe sich kaum etwas verbessert. Die Verbesserungen seien nur darauf zurückzuführen, dass die Autos immer sicherer, die Straßen immer besser und das Rettungswesen immer effizienter geworden sei.

Resümee der Experten am Rande des diesjährigen "Fit to Drive"-Kongresses des VdTÜV in Berlin: "Die Polizei will die Kriminalität mehr bekämpfen, doch im Verkehr sterben viel mehr Menschen als durch Kriminalität!" 

Der nächste "Fit to Drive"-Kongress findet 2014 in Warschau statt. Bis dahin werden abermals 3.000 Menschen in Deutschland bzw. 30.000 in ganz Europa auf der Straße ihr Leben gelassen haben. Von der "Vision Zero" – dem ehrgeizigen Ziel der EU-Kommission, bis zum Jahr 2050 die Zahl der Toten auf Null zu reduzieren – ist die Realität noch viele Kilometer entfernt.

ekö

Links


EURACTIV.de:
7. Internationaler Fit to Drive-Kongress / Die "Three Killers" auf der Straße: Alkohol, Drogen, Rasen (26. April 2013)

"Vision Zero" im EU-Weißbuch Verkehr

Verband der TÜV e.V.: 30.000 Leben retten: VdTÜV veranstaltet seinen 7. Internationalen Fit to Drive-Kongress

Website: Fit to Drive

Homepage Univ. Prof. Dr. Ralf Risser

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