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17/01/2017

Alterndes Polen: Sinnbild der Herausforderungen für das europäische Gesundheitswesen

Gesundheit und Verbraucherschutz

Alterndes Polen: Sinnbild der Herausforderungen für das europäische Gesundheitswesen

Die alternde Bevölkerung Polens und Europas ist eine große Herausforderung für das Gesundheitssystem.

[Andrew Taylor/Flickr]

Polen ist ein typisches Beispiel für die alternde Bevölkerung in Europa: 2050 werden 33 Prozent der polnischen Bevölkerung über 65 Jahre alt sein, zehn Prozent über 80. EurActiv Polen berichtet.

Die Gesundheitsversorgung wird innerhalb der EU zunehmend zu einer Herausforderung. Das Durchschnittsalter der Europäer wächst mit verheerenden Folgen – darunter hohe medizinische Kosten und eine inneffiziente ärztliche Versorgung.

„Sicherzustellen, dass die Menschen ein hohes Alter bei guter Gesundheit erreichen, hat messbare wirtschaftliche Vorteile für die Gesellschaft als Ganzes“, sagt der polnische Abgeordnete Micha? Szczerba.

Das habe aber nicht unbedingt geringere Kosten zur Folge. „Die durchschnittlichen öffentlichen Ausgaben für die Behandlung einer Person, die älter als 65 ist, sind drei Mal höher als die durchschnittlichen Ausgaben für die Behandlung einer Person im Arbeitsalter“, sagte Szchzerba am 14. Mai bei einer von EurActiv Polen in Partnerschaft mit dem Informationsbüro des Europaparlaments in Polen und MSD Polska organisierten Veranstaltung.

Europa ist von „doppelter Alterung“ betroffen. Die Menschen leben länger und haben weniger Kinder. Dieses Syndrom ist der Vorbote einer demographischen Krise. Insbesondere die Behandlung chronischer Erkrankungen wird betroffen sein. Die Zahl der Menschen mit Diabetes wird jedes Jahr um 2,5 Prozent steigen, wie eine NATPOL-Studie zeigt. Die Zahl der Menschen mit Bluthochdruck soll sich demnach um zwei Prozent pro Jahr erhöhen.

Chronische Erkrankungen

Polen ist ein einschlägiger Fall. Trotz der Veränderungen durch die seit 25 Jahren bestehende Demokratie kriegt das Land Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht so gut in den Griff wie Westeuropa. Jedes Jahr sterben an der Krankheit mehr als ein Viertel der unter der Krankheit leidenden Polen im arbeitsfähigen Alter

Auch Diabetes fordert seinen Tribut von der europäischen Gesellschaft. Die Vereinten Nationen (UN) erklärten sie als erste nicht übertragbare Krankheit zu einer Epidemie. 300 Millionen Menschen litten 2010 an der Krankheit. Bis 2035 soll sich die Zahl der Menschen mit Diabetes nach Angaben des Internationalen Diabetesverbandes verdoppeln.

Altersbedingte Krankheiten

Außer den Stoffwechselerkrankungen gibt es auch altersbedingte Erkrankungen und Krebs. Diese Krankheiten erfordern nicht nur eine Behandlung, sondern auch eine langfristige und teure Patientenachsorge. Derzeit gibt es beispielsweise 400.000 Alzheimer-Fälle in Polen. 2050 werden es mehr als eine Million sein.

„Viele ältere Menschen leiden an mehreren Erkrankungen gleichzeitig“, sagt Jaros?aw Fedorowski vom europäischen Krankenhäuserverband. Das erfordere einen ganzheitlichen Ansatz. Momentan würden Patienten nur selten als Personen mit mehreren gesundheitlichen Problemen betrachtet, meint Fedorowski.

Die richtige Behandlung und Optionen für die Gesundheitsversorgung sind notwendig, um für die richtige Lebensqualität der Bevölkerung zu sorgen. Die kürzliche Anhebung des Renteneintrittsalters in Polen hat eine Diskussion ausgelöst. Denn eine hohe Zahl von Arbeitnehmern verlieren ihre Arbeitsfähigkeit schon vor dem Rentenalter – und damit die Möglichkeit, sich selbst zu versorgen.

Der Mangel an einer solchen Versorgung ist einer der Gründe für die hohe Selbstmordrate in der Altersgruppe 55 und älter. Polen rangiert in dieser traurigen Kategorie unter den Top sechs in Europa. Der europäische Durchschnitt liegt bei 18 Versuchen pro 100.000 Einwohner. In Polen ist diese Zahl mit 29 Versuchen beinahe doppelt so hoch. Eine alternde Bevölkerung, eine abnehmende Zahl von Kindern – das könnte einen weiteren Anstieg dieser Zahl in Polen bedeuten.

Politikkoordination

Die richtige Krankheitsvorbeugung ist nicht so einfach, wie es klingt, insbesondere aus politischer Sicht. Denn das erfordert eine gute Koordination zwischen verschiedenen Ministerien: Gesundheit, Bildung, Wissenschaft und Arbeit. Sie alle sind verantwortlich für unterschiedliche Aspekte des Lebens der Bürger, die ihre Gesundheit beeinflussen.

Die Schulen müssen Kindern zeigen, wie man gesund lebt und wie sie sich versorgen müssen, wenn sie älter sind. Auch gilt es, in den Schulen mit gutem Beispiel für die Kinder voranzugehen. Polen will deshalb ab September Junkfood aus den Schulen verbannen.

Die Gesundheits- und Wissenschaftsministerien können auch bei der Feststellung und Vorhersage künftiger Herausforderungen für das Gesundheitssystem zusammenarbeiten. Die Arbeitsministerien müssen für einen angemessenen Arbeitsrahmen für die Menschen sorgen. Dazu gehören die Vorgabe und Durchsetzung gesunder Arbeitsstandards und die Verwaltung der sozialen Sicherheit. Das Arbeitsrecht muss die längere Lebenszeit berücksichtigen.

Vorbeugung

Derzeit liegt der Fokus der Gesundheitspolitik nicht immer auf Prävention. In Polen „ist weniger als ein Prozent des Gesundheitshaushalts diesem Ziel gewidmet“, sagt Dobrawa Biadun vom polnischen Verband der privaten Arbeitgeber, Lewiatan.

Marek Góra, Professor an der Warsaw School of Economics sagte: „Die Menschen sind keine Idioten. Sie benötigen Informationen, um richtige Entscheidungen über ihr Leben und ihre Gesundheit zu treffen.“ Ein Unterschied zwischen gut und schlecht ausgebildeten Menschen in vielen Gesundheitsstudien sei die Gesundheitswahrnehmung, so Góra. „Menschen mit Universitätsabschlüssen erkennen viel besser, wie wichtig eine gesunde Ernährung und regelmäßige Überprüfungen sind“, erklärte Góra.

Die Menschen werden länger leben. Doch damit diese längere Lebensdauer glücklich und gesund verläuft, muss auf politischer Ebene mehr getan werden. Die EU und die Mitgliedsstaaten müssen vor allem ausreichende Informationen für die Bevölkerung zur Verfügung stellen.