EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

08/12/2016

Bier- und Spirituosenhersteller im Streit um Kalorienangaben

Gesundheit und Verbraucherschutz

Bier- und Spirituosenhersteller im Streit um Kalorienangaben

Enrico Brivio: "Die Kommission wird in den kommenden Wochen einen Bericht zur Alkoholkennzeichnung veröffentlichen. Ein genaues Datum steht jedoch noch nicht fest.

[Helen Taylor / Flickr]

Eine in Brüssel gestartete Aufklärungskampagne der europäischen Spirituosenindustrie sorgt für hitzige Debatten über die EU-Vorschriften zur Alkoholkennzeichnung. EurActiv Brüssel berichtet.

Die Initiative soll Konsumenten erstmalig über die Kalorien in alkoholischen Getränken aufklären. Gemessen wird dabei pro Standardglas – ein Ansatz, den die Bierindustrie für „irreführend“ hält. Immerhin käme ihr Getränk dabei schlechter weg als Spirituosen, da es meist in größeren Gläsern serviert werde.

SpiritsEurope, der Handelverband hinter der Kampagne, will eigenen Angaben nach Bewusstsein für den Kaloriengehalt im Alkohol schaffen und gleichzeitig für seine Website werben, auf der Besucher zusätzliche Informationen zu dem Thema erhalten. Die Spirituosenindustrie hält Kalorienangaben pro Glas für sinnvoller als eine Ausweisung pro 100 Milliliter, wie es für alle Getränke europaweit rechtlich vorgeschrieben ist.

Die Größe eines Glases hängt von der Art des Getränks ab. 100 Milliliter füllen weniger als die Hälfte eines kleinen Bierglases, entsprechen mengenmäßig jedoch drei Vodka-Shots, erklärt SpiritsEurope. Bei gleicher Quantität können Kalorienaufnahme und die Auswirkung auf die Nüchternheit also stark unterschiedlich ausfallen. „Wir sind voll und ganz damit einverstanden, dass wir sowohl Informationen zu den Kalorien als auch zum Alkoholgehalt bereitstellen sollten“, betont Paul Skehan, Generaldirektor von SpiritsEurope. „Wir wollen, dass diese Angaben nach Serviermenge gemacht werden, basierend auf 10g Alkohol pro Glas, und nicht pro 100 Milliliter.“

Standard alcohol glasses containing 10g of ethanol.

100 oder 10 Milliliter?

Alkoholische Getränke werden teilweise aus der EU-Verordnung zur Information der Verbraucher über Lebensmittel ausgeklammert. Diese sieht Nährwertangaben je 100 Milliliter vor. Auf Nachfrage EurActivs erklärte Kommissionssprecher Enrico Brivio, die Institution werde bald einen Bericht zur Alkoholkennzeichnung veröffentlichen. „Ein genaues Datum steht jedoch noch nicht fest“, so der EU-Vertreter.

100 Milliliter als Referenzmenge für sämtliche alkoholischen Getränke zu nutzen, ohne dabei zwischen Wein, Bier und Spirituosen zu unterscheiden „macht keinen Sinn. Es täuscht die Konsumenten und verwirrt sie eher, als dass es sie informiert“, meint Skehan. „Will man Verbrauchern zeigen, wie viele Kalorien tatsächlich in ihren Getränken stecken, macht man die Angaben pro Glas und nicht pro 100 Milliliter“, heißt es in einer Anzeige der Kampagne. „Die Verbraucherinformationen zu den Kalorienangaben sollten den Grundsatz des verantwortungsvollen Trinkens, den wir seit Jahrzehnten fördern, nicht verwässern“, so der SpiritsEurope-Generalsekretär.

Eine „irreführende“ Initiative

Brewers of Europe vertritt nationale Brauereiverbände aus 29 europäischen Staaten. Der Dachverband bezeichnet die Initiative als „irreführend“, da sie nahelege, dass Bier weitaus mehr Kalorien beinhalte als Spirituosen. „Die Posterkampagne von SpiritsEurope erwähnt nicht, dass 100 Milliliter als rechtliches Referenzmaß für alle Getränke gelten – egal ob alkoholisch oder nicht“, kritisiert Simon Spillane, Direktor für Öffentlichkeitsarbeit bei Brewers of Europe.

Wenn sich die Angaben beliebig nach Serviermenge festlegen ließen, könnten Unternehmen einfach eine kleinere Glasgröße wählen und so einen geringeren Kaloriengehalt suggerieren, warnt Spillane. „Wir, die Brauereien, sind gerade dabei, Zutaten und Nährwertangaben online und auf den Etiketten anzugeben – freiwillig wohlgemerkt. Dabei orientieren wir uns an der bestehenden Gesetzgebung für nicht-alkoholische Getränke.“

„Wir kommen unserem Versprechen nach, freiwillig Nährwertinformationen pro 100 Milliliter und pro Serviermenge anzugeben, also entsprechend der Dose oder der Flasche, die man gerade in der Hand hält“, erklärt Lohan Malte, Global Corporate Affairs Director von ABInBev, der weltweit größten Brauerei. „Wir denken, dass man den Konsumenten so am besten die Informationen bereitstellt, die sie für ein verantwortungsvolles Trinkverhalten brauchen.“