Europas Luftqualität und Reform der EU-Luftpolitik

Verschmutzte Luft macht krank, warnt die Weltgesundheitsorganisation. In Großstädten wie Santiago de Chile (im Bild) ist die Luftqualität besonders schlecht. Foto: dpa

Die europäische Luftqualitätspolitik steht auf dem Prüfstand. Die EU-Kommission will bis zum Jahr 2013 ihre Ideen für die Zukunft der EU-Politik zur Luftqualität vorstellen. Das nachfolgende LinkDossier bietet einen Überblick zur Luftqualität in Europa, zu den EU-Vorschriften und zu den unterschiedlichen Interessen bei der anstehenden Reform.

Überblick

Die EU-Politik zur Luftreinhaltung ist ein Teil der EU-Umweltpolitik. Sie zielt darauf ab, gegen die verschiedenen Arten von Luftschadstoffen durch strengere Obergrenzen für die Schadstoffbelastung sowie durch Senkung der Emissionshöchstmengen für die einzelnen Schadstoffquellen vorzugehen. Der Grund: verschmutzte Luft gefährdet die menschliche Gesundheit (z.B. durch Partikelbelastung und bodennahes Ozon) und die Umwelt (z. B. die Versauerung oder Eutrophierung von Ökosystemen).

Die EU versucht über eine Reihe von Maßnahmen und Vorschriften eine Luftqualität zu erzielen, "die nicht zu signifikanten negativen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt und deren Gefährdung führt" (Zielvorgabe im 6. Umweltaktionsprogramm). Verschmutzte Luft belastet die Menschen in Innenräumen und im Freien. Ursache der Luftschadstoffbelastungen sind nach Angaben des Umweltbundesamtes vor allem Emissionen des Straßenverkehrs, aus Industrieanlagen, bei der Energieerzeugung sowie in Haushalten.

Die EU-Luftpolitik führte unter anderem dazu, dass strengere Emissionsgrenzwerte für Pkws und Kleintransporter verabschiedet wurden (Euro 5 und Euro 6). Damit soll die umwelt- und gesundheitsschädigende Belastung durch Partikel- und Stickoxidemissionen reduziert werden.

Umwelt- und Luftschutzvorschriften für die Industrie sind regelmäßig umstritten. Interessensvertreter weitreichender und verbindlicher Auflagen stehen dabei häufig Befürwortern beschränkter und freiwilliger Zielvorgaben gegenüber.

Die EU-Kommission überarbeitet derzeit die bestehenden EU-Vorschriften zur Luftqualität. EU-Umweltkommissar Janez Poto?nik hat angekündigt spätestens 2013 "die umfassende Überprüfung der EU-Luftpolitik" abzuschließen und Ideen für die Zukunft der EU-Politik zur Luftqualität vorzulegen. Diese Überprüfung wird auch die Überarbeitung der Nationalen Emissionshöchstmengen Richtlinie (Opens external link in new window2001/81/EG) beinhalten, hat Poto?nik angekündigt.

Die Kommission hat dazu vom 30. Juni bis zum 15. Oktober 2011 eine öffentliche Konsultation durchgeführt. Die Ergebnisse werden am 19./20. Januar 2012 beim zweiten Stakeholder-Workshop (Stakeholder Expert Group) vorgestellt und später auf der Website zur Reform der EU-Luftpolitik veröffentlicht.

Die EU-Kommission will bei der Überprüfung der EU-Luftpolitik alle Aspekte aufgreifen, wie sie in der Thematischen Strategie zur Luftreinhaltung (2005) dargestellt wurden. Dabei sollen die Ziele fortgeschrieben "und weitere Verbesserungen und notwendige Maßnahmen" erwogen werden.

Die Thematische Strategie zur Luftreinhaltung hat das Ziel, dass die Zahl der durch die Luftverschmutzung bedingten vorzeitigen Todesfälle in der EU von 370.000 im Jahr 2000 auf 230.000 im Jahr 2020 sinkt. Die Kommission geht davon aus, dass die Zahl vorzeitiger Todesfälle im Jahr 2020 auf 293.000 sinken würde, falls die Strategie nicht umgesetzt wird.

Das Europäische Parlament hat sich in einer Entschließung zur Zwischenbewertung des Europäischen Aktionsplans Umwelt und Gesundheit 2004–2010 ebenfalls dem Thema Luftqualität in Innenräumen und im Freien gewidmet. In der Entschließung vom 4. September 2008 verweisen die Europaabgeordneten darauf, dass "Atemwegserkrankungen bei der Häufigkeit von Todesfällen, der allgemeinen Häufigkeit, der Prävalenz und den Kosten in der Europäischen Union an zweiter Stelle stehen, dass sie die häufigste Todesursache bei Kindern unter 5 Jahren sind, und dass sie immer häufiger auftreten, hauptsächlich aufgrund von Luftverschmutzung im Freien und in Innenräumen".

Die Abgeordneten verweisen auch darauf, dass "die Luftverschmutzung, insbesondere durch Feinstaub und bodennahes Ozon, die menschliche Gesundheit erheblich gefährdet, wodurch eine normale Entwicklung von Kindern beeinträchtigt und die Lebenserwartung in der Union verkürzt wird".

Luftqualität in Europas Städten

Die Luftqualität in Europa hat sich seit Einführung von EU-Luftstandards in den 1990er Jahren verbessert. Bleiemissionen wurden beispielsweise um rund 90 Prozent verringert. Allerdings fiel in diese Zeit auch eine starke De-Industrialisierung, vor allem der osteuropäischen Wirtschaft. Die Europäische Umweltagentur (EUA) verweist in ihrem Opens external link in new windowBericht (November 2011) zudem darauf, dass sich die Konzentration von Feinstaub und Ozon in der Luft seit 1997 nicht deutlich verringert habe, obwohl die Emissionen gesenkt wurden.

"Ein erheblicher Anteil der Stadtbevölkerung in Europa lebt nach wie vor in Städten, in denen bestimmte im Rahmen des Gesundheitsschutzes festgelegte EU-Luftqualitätsgrenzwerte überschritten werden. Darüber hinaus werden mehrere Länder im Jahr 2010 voraussichtlich eine oder mehrere rechtsverbindliche Emissionshöchstgrenzen für vier wichtige Luftschadstoffe nicht einhalten können", heißt es bei der EUA weiter. Die EU-Kommission Opens external link in new windowinformierte, dass "20 bis 30 Prozent der Stadtbevölkerung einer ganzen Reihe von Grenzwertüberschreitungen ausgesetzt" ist.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Daten zur Luftqualität von weltweit 1.100 Städten in 91 Ländern gesammelt und am 26. September 2011 veröffentlicht. Es wurden Hauptstädte und Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern erfasst.

Die WHO-Experten schätzen, dass weltweit jährlich mehr als zwei Millionen Menschen sterben, weil sie Partikel einatmen, die sich in der verschmutzten Luft in Innenräumen und auf der Straße befinden.

Laut WHO können Partikel die 10 Mikrometer und kleiner sind (PM10), in die Lunge und von dort in die Blutbahn gelangen und so Herzerkrankungen, Lungenkrebs, Asthma oder andere Atemwegserkrankungen verursachen.  Langzeit- oder Spitzenbelastung durch Feinstaub und bodennahes Ozon ist gesundheitsschädigend und kann zu Atemwegserkrankungen oder sogar zum vorzeitigen Tod führen. Die internationale Gesundheitsbehörde empfiehlt daher, dass im Jahresdurchschnitt pro Kubikmeter Luft nicht mehr als 20 Mikrogramm dieser PM10-Partikel enthalten sein sollten.

In Europas Hauptstädten schwanken die Werte von der saubersten Stadt Tallin (Estland) mit 11 Mikrogramm PM10-Partikel bis Sofia (Bulgarien), wo 68 Mikrogramm PM10-Partikel im Jahr 2008 gemessen wurden.

EURACTIV.de hat eine Initiates file downloadÜbersicht zur Luftverschmutzung in Europas Hauptstädten und eine Top-30-Liste der Städte erstellt, in denen weltweit die Luftverschmutzung am höchsten ist. Auch in Deutschlands Städten schwankt die Luftqualität. Wolfsburg ist nach den WHO-Daten von 2008 die sauberste der 59 erfassten deutschen Städte. Es liegt mit 17 Mikrogramm Partikel pro Kubikmeter/Jahr unter dem WHO-Grenzwert. 52 deutsche Städte liegen über diesem Grenzwert. Die sächsische Landeshauptstadt Dresden ist demnach die deutsche Stadt mit der größten Luftverschmutzung. EURACTIV.de hat eine Initiates file downloadÜbersicht zur Luftverschmutzung in 59 deutschen Städten erstellt.

Zeitplan


  • 2001
    : Die EU-Kommission verabschiedet die Mitteilung "Saubere Luft für Europa" (Opens external link in new windowCAFE), in der zahlreiche Maßnahmen zur Senkung der Luftverschmutzung aufgeführt werden.
  • 2004: Die EU-Kommission verabschiedet den Opens external link in new windowEuropäischen Aktionsplan Umwelt und Gesundheit 2004-2010.
  • 2005: Die EU-Kommission stellt die Opens external link in new windowThematische Strategie zur Luftreinhaltung vor.
  • 2007: Die EU verabschiedet die EU-Verordnung (Opens external link in new window715/2007) über Emissionen von leichten Personenkraftwagen und Nutzfahrzeugen (Euro 5 und Euro 6). Darin wird der Einsatz von Partikelfiltern für Neufahrzeuge vorgeschrieben, der die Partikelbelastung durch Abgasluft reduzieren soll.
  • 2008: Die EU verabschiedet die Opens external link in new windowRichtlinie 2008/50/EG über Luftqualität und saubere Luft für Europa. Die Richtlinie setzt Grenzwerte für bestimmte Schadstoffe und bezieht dabei auch neue Bereiche wie die Landwirtschaft, den Verkehrssektor und kleine Industrieanlagen mit ein.
  • 2010: Europäische Gesundheitsminister der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verabschieden die Opens external link in new windowErklärung von Parma über Umwelt und Gesundheit. Die Minister definieren dabei die "Krankheitsprävention durch Verbesserung der Außen- und Innenraumluft" als drittes vorrangiges Ziel der Region.
  • 2011: Die Kommission beginnt mit der Opens external link in new windowÜberprüfung der europäischen Luftqualitätspolitik und führt eine öffentliche Konsultation durch.
  • 2012: Die Kommission will Vorschläge für ein neues Umweltaktionsprogramm vorlegen, das auf das 2012 auslaufende 6. Umweltaktionsprogramm folgen soll.
  • 2013: Die EU-Kommission will ihre Ideen für die Zukunft der EU-Luftqualitätspolitik vorlegen.

Reform der EU-Vorschriften

Die EU hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Normen zu Luftqualität und saubere Luft aufgestellt. So gibt es eine Richtlinie über Luftqualität und saubere Luft in Europa (Opens external link in new window2008/50/EG), eine Richtlinie über nationale Emissionshöchstmengen für bestimmte Luftschadstoffe (Opens external link in new window2001/81/EG), eine Thematische Opens external link in new windowStrategie zur Luftreinhaltung (2005) oder ein Programm "Saubere Luft für Europa"(Opens external link in new windowCAFE).

Die EU-Richtlinie über Luftqualität und saubere Luft für Europa hat fünf Rechtsakte ersetzt und neue Grenzwerte für Schwefeldioxid, Stickstoffdioxid, Stickstoffoxide, Partikel, Blei, Benzol, Kohlenmonoxid und über den Ozongehalt der Luft festgelegt.

Die EU-Kommission überarbeitet derzeit die bestehenden EU-Vorschriften zur Luftqualität. In der Generaldirektion des Umweltkommissars werden insgesamt 21 Richtlinien zu Luftqualität, Verschmutzung und Industrieemissionen überprüft. Weitere EU-Regelungen zu Autoabgasen, zur Förderung von Biokraftstoffen oder von Elektroautos fallen in die Portfolios anderer EU-Kommissare.

Die Kommission hat angekündigt, alle Aspekte der Thematischen Strategie zur Luftreinhaltung aufzugreifen, die darin formulierten Ziele fortzuschreiben "und weitere Verbesserungen und notwendige Maßnahmen" zu erwägen. Spätestens 2013 wird die EU-Kommission ihre Ideen für die Zukunft der EU-Politik zur Luftqualität vorlegen. Auf dem Prüfstand steht dabei auch die Nationale Emissionshöchstmengen Richtlinie (Opens external link in new window2001/81/EG) beinhalten, hat EU-Umweltkommissar Poto?nik Opens external link in new windowangekündigt.

Die Europäische Umweltagentur schätzt, dass die meisten EU-Länder die für 2010 aufgestellten nationalen Emissionshöchstmengen für mindestens einen Schadstoff überschritten und die bestehende Luftqualitätsrichtlinie nicht vollständig umgesetzt haben.

Damit die EU-Gesetze künftig effizienter umgesetzt werden, strebt die EU-Kommission eine verbesserte Koordinierung zwischen Brüssel, den nationalen und den lokalen Behörden an.

Angesichts wirtschaftlicher Stagnation und Staatsschuldenkrise liegt der Fokus bei der angedachten Reform in den Hauptstädten der Mitgliedsstaaten eher auf der Förderung von Wirtschaftswachstum als auf einer möglichen Verschärfung von Umweltauflagen.

Analyse

Die belgische Ratspräsidentschaft hat im Jahr 2010 eine Bilanz der in Europa geltenden Vorschriften zur Luftqualität aufgestellt und Empfehlungen zu weiteren Maßnahmen auf EU-Ebene gegeben.

So hat die belgische Ratspräsidentschaft dazu aufgerufen, einen paneuropäischen Rahmen zur Verbesserung der Luftqualität in Innenräumen aufzustellen. Damit sollten nationale Initiativen vermieden werden, die den Binnenmarktregeln widersprechen. Der damals amtierende belgische Klimaschutz- und Energieminister Paul Magnette verwies darauf, dass der Fokus lange Zeit auf die Außenluftqualität lag. "Doch wir verbringen durchschnittlich mehr als 80 Prozent unserer Zeit in Innenräumen und die Innenluftqualität hat einen bedeutenden Einfluss auf unsere Gesundheit", sagte der Minister bei einer Konferenz im September 2010.

Die Innenluftqualität wird negativ beeinflusst durch verstärkte Wärmedämmung von Gebäuden und durch die Freisetzung von schädlichen Emissionen aus den in Gebäuden verwendeten Baustoffen, von Haushaltsprodukten, dem Mobilar oder dem Bodenbelag.

Einige Mitgliedsstaaten gehen bereits gegen dieses Problem vor. So entwickelt Frankreich Indikatoren, um die Innenluftqualität zu überprüfen. Außerdem gibt es in Frankreich eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht für Baustoffe. Deutschland prüft die Einführung solcher gesetzlicher Vorschriften, die skandinawischen Länder haben sich für eine freiwillge Produktkennzeichnung entschieden.

Die Ratspräsidentschaft hat angestoßen, dass all diese Initiativen in einem standardisierten EU-Rahmen zusammengeführt werden, um den freien Warenverkehr nicht zu gefährden. Ein solcher Rahmen sollte politische und technische Leitlinien setzen, um die Innenluftqualität zu verbessern und um Politikansätze in den diversen Bereichen Gesundheit, Industrie, Umwelt und Forschung zu verknüpfen. Er sollte auch eine Strategie vorlegen, um die umweltbedingten Gesundheitsziele für 2020 zu erreichen.

Das Europäische Parlament hat in der Entschließung zur Zwischenbewertung des Europäischen Aktionsplans Umwelt und Gesundheit 2004–2010 (Opens external link in new windowEntschließung vom 4. September 2008), "dass die Gemeinschaft unter Einhaltung der Grundsätze der Subsidiarität und der Verhältnismäßigkeit, mehr in Bezug auf die umweltmedizinischen Bedingungen in Städten, insbesondere die Luftqualität in Innenräumen, und gegen die Umweltbelastung in Haushalten unternehmen muss, vor allem angesichts der Tatsache, dass europäische Bürger im Durchschnitt 90 Prozent ihrer Zeit im Inneren von Gebäuden verbringen".

Quellen der Innenluftverschmutzung

Die französische Observatorium für Innenluftqualität OQAI und die US-amerikanische Umweltschutzagentur EPA haben folgende Quellen der Innenluftverschmutzung identifiziert:

von draußen: Autoabgase, Energieverbrauch, Verdunstungen, etc.;
von Gebäuden, Inneneinrichtung, Mobilar: Baustoffe, Dekor und Mobilar, die Klebstoffe (Formaldehyd) oder andere flüchtige Bestandteile enthalten;
vom Heizen: großteils Monoxid-Emissionen von gasbetriebenen Heizkörpern und Wasserboilern;
von Allergenen: etwa von Katzen, Hunden und Staubteilchen;
von Menschen verursacht: Tabakrauch, Dämpfe von Reinigungsprodukten oder Rauch und Dämpfe, die beim Kochen entstehen;

Das EU-geförderte Projekt INTRA (Integrated Exposure for Risk Assessment in Indoor Environments) soll das Verständnis über die Belastung der Menschen durch Luftverschmutzung in Wohnräumen verbessern. Das Projekt, das vom European Chemical Industry Council (Cefic) teilfinanziert wird, zielt darauf ab, Methodologien zur Prognose der Innenluftbelastung durch chemische Schadstoffe festzulegen.

Das EU-geförderte Projekt Airmex (European Indoor Air Monitoring and Exposure Assessment Project) hat die Innenluftqualität in öffentlichen Gebäuden und in Kindergärten in einer Reihe von europäischen Städten untersucht. Das Ergebnis: Die Menschen sind Schadstoffen in Konzentrationen ausgesetzt – besonders von Formaldehyde and Benzol, die meist über den Grenzwerten liegen.

Formaldehyde werden in der holzverarbeitenden Industrie eingesetzt, um Holz- und Sperrholzplatten zu produzieren, die wiederum der Herstellung von Möbeln und Fußböden dienen.

Positionen

Die Europäische Kommission verweist darauf, dass die EU keine Gesetzgebungskompetenz zum Setzen von Standards zur Innenluftqualität hat. Sie liege vielmehr in den Händen der Mitgliedsstaaten. Die Regulierung zur Außenluftqualität dagegen wird bereits in EU-Rechtsakten erfasst und unterliegt der Verantwortung der Generaldirektion Umwelt. Die Richtlinie über Luftqualität und saubere Luft für Europa gilt daher für die Luftqualität im Freien, wird aber zugleich als Richtwert für nicht-verbindliche Innenluftqualitätswerte genutzt.

Thomas Verheye, stellvertretender Leiter in der Generaldirektion Umwelt, plädiert für eine bessere Koordinierung zwischen Brüssel, den nationalen und den lokalen Behörden, damit die EU-Gesetze umgesetzt werden. "Viele nationale Behörden haben die Verantwortung an die regionalen Behörden weitergegeben. Ich bin mir aber nicht sicher, dass sie die regionalen Behörden auch mit den Mitteln ausgestattet haben, mit dieser Verantwortung umzugehen", sagte Verheye Anfang November bei der Vorstellung des EEA-Berichts 2011 in Brüssel.

Der finnische Gesundheitsexperte Juha Pekkanen kritisiert, dass zu wenig auf die Luftreinheit innerhalb und außerhalb von Wohnräumen geachtet wird. "Viele der politischen Entscheidung vernachlässigen den Gesundheitsaspekte", so der Leiter der Umweltgesundheitsabteilung am Nationalen Institut für Gesundheit und Wohlbefinden (THL National Institute for Health and Welfare). Luftverschmutzung sei ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko.

Jährlich würden 2.000 Finnen an den Langzeitfolgen durch Feinstaubbelastung sterben. Pekkanen fordert strengere Maßnahmen, um die Luftverschmutzung zu reduzieren, etwa durch den Einsatz sauberer Brennmittel oder durch eine verbesserte Energie- und Transporteffizienz.

Umweltexperten verweisen darauf, dass nationale Politikansätze und EU-Vorschriften zur Luftreinheit teilweise im Widerspruch zueinander stünden und so die Verbesserung der Luftqualität erschwerten. Beispielhaft steht dafür die Förderung von Diesel und Biokraftstoffen für den Transportsektor oder eine Energiepolitik, die die Kohleindustrie subventioniert.

Die EU wiederum setzt er auf Diesel als auf Benzin, da es energieeffizienter ist und weniger CO2 emittiert. Allerdings ist der Ausstoß von Partikeln und Stickstoffdioxid (NO2), die für den Menschen gesundheitsschädigend sind, bei Dieselmotoren höher als bei Benzinern. Auch ist Biokraftstoff zwar sauberer als fossile Brennstoffe, doch es gibt Bedenken, dass die Produktion von Biokraftstoffen die Umwelt stärker belastet. Der Atomausstieg, wie er in diesem Jahr in Belgien und Deutschland beschlossen wurde, wird sich negativ auf die Luftqualität auswirken, da diese Länder bis zum Umstieg auf erneuerbare Energien verstärkt auf fossile Energien zurückgreifen müssen.

Der britische Umweltaktivist Simon Birkett hat gegenüber EURACTIV auf aktuelle Statistiken verwiesen, wonach Diesel-Autos die Luft 20 mal mehr verschmutzen als Benziner. Birkett ist Gründer der Initiative Opens external link in new windowClean Air in London, die sich für saubere Luft in der Stadt einsetzt.

Auch die Europäische Umweltagentur EUA verweist in einem aktuellen Bericht darauf, dass die Stickstoffdioxid-Emissionen (NO2), die bei der Verbrennung in Automotoren entstehen, signifikant gestiegen sind – und zwar "durch die gestiegene Verbreitung von Diesel-Fahrzeugen". Diesel-Fahrzeuge emittieren bis zu 50 Prozent ihrer Stickstoffoxide (NOx) als Stickstoffdioxid (NO2), ein Schadstoff, der Asthma und sonstige Atemwegserkrankungen hervorrufen kann.

Besonders problematitisch ist die Situation in London. Nach Angaben von Birkett ist London die Hauptstadt mit den höchsten NO2-Werten innerhalb der EU27. Menschen, die bereits an Asthma und anderen Atemwegserkrankungen leiden, werden von steigenden NO2-Emission zuerst betroffen sein, warnt Susana Palkonen vom Europäischen Dachverband der Vereinigungen von Patienten mit Allergien und Atemwegserkrankungen (Opens external link in new windowEFA). "Diese Menschen sind eine Art Radar für die Luftqualität", so Palkonen.

Umweltaktivisten haben zudem dazu aufgerufen, weitere Maßnahmen zu ergreifen, um die Luftqualität zu verbessern. "Wir reden sehr viel über die Kosten für die Industrie oder wieviel es kosten würde, die Maßnahmen zur Senkung der Luftverschmutzung umzusetzen. Wir sprechen aber nicht genug über die Vorteile für die Gesundheit der Menschen", sagte Anne Stauffer, stellvertretende Leiterin der Nichtregierungsorganisation Opens external link in new windowHealth and Environmental Alliance in Brüssel.

Stauffer erklärte, dass mit Blick auf mögliche Änderungen der EU-Luftqualitätsvorschriften erheblicher Druck auf politische Entscheidungsträger ausgeübt wird. "Es besteht die Gefahr, dass die Luftqualitätsrichtlinie eher abgeschwächt, anstatt verstärkt wird." Dabei seien manche der derzeit geltenden EU-Normen deutlich niedriger als die WHO-Richtwerte. "Die Überprüfung wird zu einer echten Herausforderung. Einerseits sehen wir, dass die Mitgliedsstaaten darum kämpfen, die Luftqualitätsnormen einzuhalten. Andererseits bekommen wir all die neuen Studien über die Einflüsse auf die Gesundheit", so Stauffer.

Genon Jensen, Leiterin der Nichtregierungsorganisation Health and Environment Alliance (HEAL) sagt, dass die Opens external link in new windowGrenzwerte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Leitlinien für den neuen EU-Rahmen zur Innenluftqualität genutzt werden sollten. "Die WHO empfiehlt Zielwerte für die Innenluftqualität, bei denen das Risko für Gesundheitsschäden deutlich gesenkt wird", sagte Jensen. HEAL sorgt sich vor allem darum, wie sich die Innenluftverschmutzung auf die Gesundheit von Kindern auswirkt und erinnert an die Opens external link in new windowParma-Erklärung, die von den EU-Ländern unterzeichnet wurde.

Die European Respiratory Society (ERS), ein Verband, der praktizierende Ärzte und Wissenschaftler im Bereich Atemwegserkrankungen vertritt, stellt fest, dass das Tabakrauch und andere Luftverschmutzungsquellen in Wohnräumen etwa an Kochstellen die Innenluftqualität stärker beeinflussen als etwa Schadstoffe der Außenluft.

Besonders problematisch ist die Lage in Entwicklungsländern, in denen die Menschen dem Rauch von Feuerstellen zum Kochen und Heizen ausgesetzt sind. "Innenluftverschmutzung ist jedes Jahr für den vorzeitigen Tod von 1,6 Millionen Menschen verantwortlich – das ist ein Toter alle 20 Sekunden", heißt es bei der ERS.

Der Verband ruft zudem dazu auf, dass eine gute Innenluftqualität an Arbeitsplätzen und vor allem in Schulen herrscht. Laut ERS sei der einfachste Weg ein generelles Rauchverbot am Arbeitsplatz, in öffentlichen Räumen, vor allem in Schulden, Kindergärten und Kindertagesstätten durchzusetzen. Weitere Maßnahmen reichten von besseren Bauvorschriften, Richtwerten für Ventilatoren und Feutigkeitsmesser, über die Überwachung und Kontrolle von Verschmutzungsquellen bis hin zu Vorschriften für Produkte oder Kennzeichnungssystemen.

Christian Schaible, Chemieexperte der Nichtregierungsorganisation European Environment Bureau (EEB) sagte: "Es gibt keine offiziellen Grenzwerte für Innenluftverschmutzungen. Deshalb kann die Konzentration gefährlicher Chemiecocktails auf ein alarmierendes Niveau steigen. Die Kommission muss das Thema Innenluftqualität ernsthaft angehen."

Loredana Ghinea vom Chemieindustrieverband European Chemical Industry Council (Cefic) sagte gegenüber EURACTIV, Tabakrauch sei das Hauptproblem bei Innenluftverschmutzung. Die Verschmutzung durch Außenluft und durch das Kochen kommen an zweiter und dritter Stelle.

Camfil-Farr, ein schwedisches Unternehmen, das Luftfilter und Luftsäuberungssysteme herstellt, führt die gestiegene Konzentration von Schadstoffen und Feuchtigkeit in der Innenluft von Gebäuden darauf zurück, dass seit den 1970er Jahren Wohngebäude und Büros verstärkt gedämmt und wärmeisoliert werden. Das führe wiederum zu Gesundheitsproblemen.

"Innenluftqualität sollte ein öffentliches Gesundheitsanliegen sein. Zum Beispiel sollten gesundheitlich anfällige Menschen, die in der Nähe von Straßen wohnen, wo die Luftverschmutzung durch Verkehr ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko darstellt, für ihre Recht auf saubere Luft kämpfen", argumentiert das Unternehmen. "Ärzte könnten in diesem Kampf Verbündete und Sprachrohr sein. Wir müssen auf die Wichtigkeit von Innenluftqualität achten. Camfil Farr hat eine klare Vision: saubere Luft sollte als Menschenrecht betrachtet werden."

Das Unternehmen geht davon aus, dass EU-Regulierungen zur Innenluftqualität das Niveau der öffentlichen Gesundheit erhöhen würden. Doch auch ohne solche Regeln könnten bestehende Ventilationsstandards so überarbeitet werden, dass sie die Gesundheit verbessern und zugleich Energie sparen. So sollten zum Beispiel bei der Energieeffizienzrichtlinie Gesundheitsaspekte nicht außen vor bleiben, so Camfil.

EURACTIV.de freut sich über Anmerkungen, Anregungen und Hinweise zu weiteren Standpunkten an die Opens window for sending emailRedaktion.

Links

Dokumente der EU

Kommission leitet Konsultation zur Verbesserung der EU-Luftqualitätspolitik ein
(Pressemitteilung, 30. Juni 2011)

Opens external link in new windowWebsite zur Review of the EU Air policy

Opens external link in new windowWebsite zur Consultation on EU air quality legislation

Commission staff working paper on the implementation of EU Air Quality Policy and preparing for its comprehensive review (14. März 2011)

Schreiben von EU-Umweltkommissar Janez Poto?nik zur Überprüfung der EU Luftpolitik (3. Mai 2011)

Statement by Environment Commissioner Janez Poto?nik following today’s debate in College on air quality (18. Januar 2011)

Opens external link in new windowRichtlinie 2008/50/EG über Luftqualität und saubere Luft für Europa (21. Mai 2008)

Richtlinie über nationale Emissionshöchstmengen für bestimmte Luftschadstoffe (23. Oktober 2001)

Website zu nationalen Emissionshöchstgrenzen für bestimmte Luftschadstoffe

Der Europäische Aktionsplan Umwelt und Gesundheit 2004-2010

Zwischenbewertung des "Europäischen Aktionsplans Umwelt und Gesundheit 2004-2010"

Opens external link in new windowWebsite zur Thematische Strategie zur Luftreinhaltung

Website zu EU-Vorschriften zur Luftverschmutzung

Das Programm "Saubere Luft für Europa"(CAFE) (Mitteilung, 04. Mai 2001)

Opens external link in new windowCAFE Reference Documents

Dokumente der Europäischen Umweltagentur (EUA)

EUA:
Opens external link in new windowAir quality in Europe – report 2011

EUA: Ozone and particulates most serious air quality problems in Europe (9. November 2011)

EUA: Europäischer Verkehrssektor kann gesetzte Ziele nur mit ehrgeizigen Maßnahmen erreichen (10. November 2011)

Dokumente des Umweltbundesamtes

UBA: Website zu Luft und Luftreinhaltung

UBA: Luftbelastungssituation 2010

Dokumente der Weltgesundheitsorganisation (WHO)

WHO: Opens external link in new windowTackling the global clean air challenge (26. September 2011)

WHO: Air quality and health (Fact sheet N°313, updated September 2011)

WHO:
Opens external link in new windowDatabase: outdoor air pollution in cities

WHO/Europe:
Erklärung von Parma über Umwelt und Gesundheit (11. März 2010)

Zum Thema auf EURACTIV.de

Olympische Spiele bereiten London Umweltsorgen (17. November 2011)

Opens external link in new windowSchlechte Luft: Bulgarien als ein Problemfall in der EU (15. November 2011)

Debatte um Reform der EU-Luftpolitik (16 November 2011)

Opens external link in new windowLuftverschmutzung in Europas Hauptstädten (29. September 2011)

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