Weltherzverband-Chefin: „Es ist unverschämt, wie wenig Aufmerksamkeit Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekommen“

Johanna Ralston

Johanna Ralston [Henriette Jacobsen]

This article is part of our special report Herz-Kreislauf-Gesundheit.

SPECIAL REPORT / Obwohl Herz-Kreislauf-Erkrankungen weltweit immer noch die Todesursache Nummer eins sind, bekommen sie aufgrund vieler falscher Wahrnehmungen nicht genug Aufmerksamkeit von den politischen Entscheidungsträgern, sagt Johanna Ralston.

Johanna Ralston ist CEO des Weltherzverbandes (WHF). Sie sprach am Rande des Kongresses der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in London mit Henriette Jacobsen von EURACTIV.

Was ist der WHF?

Der WHF ist eine Mitgliederorganisation für alle wichtigen Herzstiftungen auf der ganzen Welt. Wir haben mehr als 220 Mitgliedsorganisationen aus 110 Ländern, aus Ländern mit hohem, mittlerem und niedrigem Einkommen. Wir haben das gemeinsame Ziel einer 25-prozentigen Senkung der vorzeitigen Todesfälle durch nicht übertragbare Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis 2025 und wir erreichen es durch Advocacy-Tätigkeiten, Umsetzung, Bildung und durch die enge Zusammenarbeit mit unseren Mitgliedern.

Wie arbeiten Sie mit Ihren Mitgliedern?

Im Bereich Advocacy entwickeln wir die gemeinsamen Politikpositionen, die wir wollen. In den vergangenen Jahren hat es auf der Ebene der Vereinten Nationen viel mehr Aktivitäten rund um Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch die Weltherzorganisationen gegeben. Endlich werden sie als häufigste Todesursache der Welt anerkannt. Die meisten Todesfälle sind vermeidbar und immer mehr treten in den aufstrebenden Volkswirtschaften auf.

Wir arbeiten also so mit den Mitgliedsstaaten so zusammen, dass wir sie auffordern, uns mit Advocacy-Standpunkten zu helfen, und dann suchen wir ihre Verbindungen und ihren Rat, wie wir unsere gemeinsamen Politikstandpunkte stärken können.

Warum ist es für den WHF wichtig, beim ESC-Kongress in London präsent zu sein?

Die ESC ist eines unserer wichtigsten Mitglieder. Sie ist eine starke Organisation mit Mitgliedern aus vielen Ländern. Über die ESC können viel mehr Mitglieder erreicht werden als wir das könnten, wenn wir alleine herausgingen. Wir sind sehr glücklich, dass die ESC-Ziele sich mit unseren decken. Sie unterstützen unserer ’25 bis 25′ Ziel. Indem wir hierherkommen, zeigen wir unsere gemeinsamen Ziele auf gemeinsamen Plattformen.

Sie erwähnten, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Todesursache Nummer eins auf der Welt sind. Bekommen diese Erkrankungen genug Aufmerksamkeit von den politischen Entscheidern?

Überhaupt nicht. Nein, es ist beinahe unverschämt, wie wenig Aufmerksamkeit Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekommen. Es gibt falsche Wahrnehmungen darüber. Zum Beispiel, dass sie nur wohlhabende Menschen in wohlhabenden Ländern im viel höheren Lebensalter betreffen. Es ist eine Tatsache, dass sie wirklich eine Belastung in allen Volkswirtschaften und allen Regionen sind.

Und es ist ein politisches Problem. Wir wissen, was zu tun ist, um die meisten Todesfälle zu verhindern, die aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftreten. Der Grund, warum es nicht geschieht, ist nicht fehlendes Wissen, sondern der Mangel an politischer Unterstützung. Deshalb legen wir einen wichtigen Schwerpunkt auf Advocacy.

Was sind die wichtigsten Herausforderungen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen innerhalb der Bereiche Prävention und Behandlung?

Eine Herausforderung ist, dass die Herz-Kreislauf-Erkrankung eine komplexe Reihe von Treibern hat. Es gibt nicht eine Sache, die sie verursacht. Es sind normalerweise viele Risikofaktoren wie Umweltprobleme, die zu einer Herz-Kreislauf-Erkrankung führen.

Ein anderes Problem ist, sobald man sie hat, hat man sie. Die Frage ist also, wie wir Patienten helfen können, als Partner in ihrer Reise bestärkt zu werden und sie daran zu beteiligen und alles zu tun, dass sie eine gute Herzgesundheit aufrechterhalten können.

Die Herausforderungen sind also komplex, mit vielen Ursachen außerhalb des Gesundheitssystems. Das ist schwieriger zu lösen. Es ist die Art und Weise, wie die Menschen leben, arbeiten und zu welcher Art Lebensmittel sie Zugang haben; Dinge, die nicht nur einfach Probleme der Gesundheitspolitik sind, sondern eigentlich Politikfragen sind, die die Arbeit aller Regierungen, Landwirtschaft, Transport erfordern… Es sind vielschichtige Treiber.

Gibt es eine bestimmte Krankheit oder einen Trend, die Ihrer Meinung nach momentan besorgniserregend sind?

Ich werde immer darüber besorgt sein, dass es die rheumatische Herzerkrankung noch gibt, weil sie 3-400.000 Menschen pro Jahr tötet. Es ist eine Krankheit, die viele Menschen unter 25 Jahren oder junge Erwachsene tötet und die immer noch keine Aufmerksamkeit erfährt. Wir haben uns abgemüht. Einer der Gründe, warum sie keine Aufmerksamkeit bekommt, ist, weil es sehr wenige gute Daten dazu gibt, und doch wissen wir, dass sie vermeidbar ist. Diese Todesfälle müssen nicht passieren.

Wir haben es in Ländern mit hohem Einkommen gelöst. In Ländern mit geringem Einkommen tötet sie viele Menschen und für mich wird das immer eine Sorge sein. Bis wir das lösen, gibt es nicht gemachte Hausaufgaben.

Mit der Finanzkrise haben europäische Länder Einsparungen in ihren Gesundheitssektoren gemacht. Was ist ihr Rat an die Regierungen?

Ich würde sagen, ein grundlegendes Niveau der Gesundheitsversorgung und die Grundversorgung nicht zu kürzen. Und streicht nichts, was gesunde Ernährung und Sport unterstützt, weil das so einfache kostengünstige Waffen sind. Die Rendite ist so groß, wenn man in den Zugang zu gesunder Ernährung und Sport investiert. Mit einer starken Herz- und Grundversorgung kann man sicherlich einen Großteil der Belastung verhindern.

Immer mehr Forscher sagen jetzt, dass sie sich wegen der Familiären Hypercholesterinämie sorgen, die sie weiter verbreitet zu sein scheint als ursprünglich gedacht. Was denken Sie?

Ich denke, die FH braucht eine größere Priorisierung. Wir müssen die natürliche Reise der Krankheit viel besser verstehen als wir das jetzt machen. Ich denke, wir kennen viele Leute, die entdecken, dass sie in ihren Familien FH haben, aber ohne dass die Krankheit kenntlich gemacht wird. Also müssen wir die Ärzte darum herum ausbilden – wie man genau diagnostiziert und der bessere Zugang zu Diagnosemechanismen sind die Schlüssel.

Die FH-Geschichte ist sehr überzeugend. Ich denke, da liegt eine große Chance für uns, mit der FH-Gemeinschaft zusammenzuarbeiten und auf diese Krankheit aufmerksam zu machen und ich habe viele brillante Verfechter aus der FH-Gemeinschaft getroffen, deren Geschichten erweitert werden sollten. Sie sind ein leuchtendes Beispiel dafür, mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu leben und sie oft zu überleben, aber nicht immer. Das ist etwas, bei dem wir mehr Aufmerksamkeit und Konzentration sehen müssen.

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