Verkehrssicherheit: Das Gehirn ist das Problem

Foto: Uwe Schlick / pixelio.de

Warum werden Verkehrsregeln immer weniger beachtet? Wie wirksam sind Strafmaßnahmen? Wie können Verkehrspsychologen helfen? Ein Interview mit Thomas Wagner, Verkehrspsychologe und Leiter der Begutachtungsstelle für Fahreignung (BfF), Dekra e.V. Dresden.

Warum werden die Verkehrsregeln, beispielsweise die rote Ampeln immer weniger beachtet?

Die Regelakzeptanz hat unterschiedliche Facetten. Was Alkohol und den Straßenverkehr betrifft, haben wir noch hohe Regelakzeptanz. Für Alkohol wissen wir das aus Repräsentativbefragungen, weil sich in der Gesellschaft in dieser Frage ein Wertewandel vollzogen hat. Der besagt, dass die Bevölkerung in Deutschland viel kritischer über Trinken und Fahren denkt als vor 20 Jahren.

Wenn man auf andere Verstöße schaut, wie Geschwindigkeitsüberschreitungen: da hängt die Regelakzeptanz ganz stark von anderen Faktoren ab. Wichtig ist, wie die Peergruppe denkt, was die Freunde zu diesem Verstoß sagen, was sie darüber denken. Es hängt von der Entdeckungswahrscheinlichkeit ab, auch davon, wie die Betroffenen selbst diese Gefährlichkeit des Verstoßes sehen und von der Strafhärte, die erwartet wird. Das ist eine subjektive Einschätzung, die dann dazu führt, dass man bestimmte Regeln nicht zu ernst nimmt.

Es ist also ein mehrschichtiges Phänomen und für Deutschland kann man sicherlich sagen, dass wir bei vielen Kraftfahrern ein reduziertes Sicherheitsverständnis haben, z.B. bei Geschwindigkeitsüberschreitung. Diese wird bei vielen Kraftfahrern als Kavaliersdelikt gesehen. In der Schweiz hingegen ist es eine Art Mordversuch, wenn man doppelt so schnell fährt wie erlaubt. Und wird mit Gefängnis und langen harten Strafen geahndet. Es ist das Resultat eines neuen Gesetzes, des sogenannten Rasergesetzes, das die Schweiz erlassen hat. Um zu verdeutlichen, wie in der dortigen Gesellschaft diese Verstöße gesehen werden: wenn man vor einer Schule nicht 30 Km/h wie vorgesehen fährt, sondern 70 Km/h, bekommt man ein Jahr Gefängnis.

Sind diese Maßnahmen effektiv?

Ich war vor ein paar Monaten in der Schweiz und habe darüber gesprochen, auch mit Taxifahrern. Die Abschreckende Wirkung ist enorm. Die Leute sagen: man muss aufpassen, es hängt viel daran, wir sollten vorsichtiger sein. Das scheint eine Signalwirkung zu haben. Inwiefern das auch langfristig wirksam sein wird, das muss man sehen.
 
Der Staat ist dafür verantwortlich, welches Risiko er der Gesellschaft zumuten will. Die Begründung in der Schweiz ist ganz interessant – vor einer Schule 70 km/h anstatt 30 zu fahren, bedeutet eine Menschentötung in Kauf zu nehmen. Und die Schweizer diskutieren das in Richtung „versuchter Mord“. Bei uns wird das überhaupt nicht so gesehen. Ich bin auch Kursleiter für junge Leute. Wenn ich ihnen das erzähle, dann können sie das überhaupt nicht fassen. Und reagieren mit großer Abscheu und sagen, das ist Abzockerei, das ist nicht gerechtfertigt. Weil sie die Gefahr gar nicht erkennen, die von ihnen ausgeht, wenn sie so was tun.

Die neuen Maßnahmen in der Schweiz gelten erst seit einem Jahr, es gibt noch keine Studien. Bezogen auf Deutschland, haben wir in diesem Bereiche eher eine verzerrte Gefahrenwahrnehmung.

Ist diese Wahrnehmung so verzerrt, weil die jungen Menschen immer mehr Zeit mit Computerspielen verbringen, wo man zuerst getötet wird und dann aufsteht man und weiterfährt? Hat dies damit zu tun, dass die reale Welt manchmal verschwindet und man in einer virtuellen Welt lebt?

Das Problem der Gefahrenverkennung gibt es schon sehr lange. Das hat auch damit zu tun, dass mit einem bestimmten Performance-Niveau, ein gewisses Selbstverständnis verbunden ist. Man kann „Stärke“ zeigen, man kann zeigen, dass man „gut“ fahren kann, man kann so genannte sekundäre Motive befriedigen. Mit den neuen technischen Entwicklungen hat das eher nicht zu viel zu tun.

Allerdings weiß man aus den Studien, die zur Wirksamkeit von solchen Spielen gemacht wurden, dass offensichtlich ein sehr intensiver Konsum von Gewalt in den Medien zu einer Abstumpfung führt. Zu einer Art Verniedlichung und zu abnehmender Sensitivität. Aber die jungen Leute haben schon immer die Einstellung vertreten, in ihrem Alter darf man zügig fahren.

Diese Einstellung war zwar in jeder Generation vertreten, bloß sind die Proportionen jetzt anders.

Genau. Die sekundäre Motiven, über die wir gesprochen haben, sind seit Mitte der 70er Jahre bekannt.

Ein psychologischer Faktor ist auch die Männerpsyche: wenn ein Man fährt und eine Frau sieht, die ihn überholt, dann muss er unbedingt dasselbe machen…

Das dahinterstehende Phänomen ist ja, inwieweit die Personen selbstkontrolliert handeln oder sich provozieren lassen von einem bestimmten situativen Reiz. Und dieser Reiz kann positiv sein: Imponieren. Oder negativ, in dem man sagt, ich lasse mich von so einem kleinen Auto oder einer Frau nicht überholen. Und fangen an, ein Rennen zu machen. Im Prinzip steckt dahinter die Fähigkeit des Betroffenen, diesen Versuchungen zu widerstehen.

Es hat sehr viel mit Emotionen zu tun, über die wir kürzlich, während des 8. Verkehrskongresses in Warschau, gehört haben. Negative Emotionen, wie Angst oder ärger, sind relativ – in ihrem Zusammenhang auch mangelnde Selbststeuerung im Straßenverkehr – gut untersucht. Wenn die Menschen Wut haben, wenn sie Stress haben, wenn sie sich mit einem gewissen Ärgerlevel hinter das Steuer setzen, fahren sie anders.

Was kann man in solchen Situationen tun, wie können die Verkehrspsychologen helfen? Seit langem gibt es in Deutschland spezielle Kurse für die Alkoholabhängigen Fahrer. Sind sie effektiv?

Dass was ich für Alkohol beschrieben habe, gibt es auch für Verkehrsauffälligkeiten. Wir haben die gleiche Systematik. Wie bei Alkoholabhängigen haben wir ein Störungssyndrom, d.h. die Person hat ein mentales Defizit, das dazu führt, dass sie auch im Straßenverkehr auffällt. Solche Personen haben generell im sozialen Kontext Schwierigkeiten – mit ihrem Partner, am Arbeitsplatz und auch im Straßenverkehr. Das ist die höchste Ebene. Die mittlere Ebene ist das, was Sie ansprechen, das Missbrauchen der Regeln, um sich besser zu fühlen. Im Straßenverkehr bauen Sie den Stress ab oder stimulieren sich, um sich besser zu fühlen. Sie missbrauchen die Vorschriften, um ihre Gefühlswelt zu modulieren. Und das ist behandlungsfähig. Die erste Gruppe hat eine unzureichende Selbstkontrolle, unzureichende Anpassungsfähigkeit. Die zweite Gruppe hat eine mangelnde Anpassungsbereitschaft. Das ist behandelbar, muss aber von einem Fachmann längere Zeit begleitet werden.

Ein Mensch kann dysfunktional bleiben, aber nicht wenn er am Steuer sitzt und die anderen gefährdet.

Richtig. Wenn sich dieses Verhalten sehr verselbständigt hat und einen gewissen Verfestigungsgrad angenommen hat, dann ist das alleine nicht mehr zu schaffen. Das heißt, wenn die Menschen beispielsweise nicht in der Lage sind, trotz einer Gefängnisstrafe, die sie schon mal hatten, eine Regel einzuhalten. Oder trotz einer Begutachtung, die positiv ausgegangen ist, diese Prognose zu halten. Sowie wenn sie trotz einer früheren Schulungsmaßnahme, die sie zu einem verbessertem Verkehrsverhalten bringen sollte, wieder aufgefallen sind, dann erkennt man diesen Missbrauch und seine negativen Folgen an. Und dies bedeutet, dass diese Leute nicht mehr ausreichend fähig sind, um ihr Verhalten angemessen zu steuern.

Sollte man ihnen die Fahrerlaubnis entziehen beziehungsweise sind sie dann behandlungsbedürftig?

Das ist eine Entscheidung, die der Staat treffen muss. Als Experte können wir nur darauf hinweisen. Wenn das Verhalten einen gewissen Automatisierungs- und Verfestigungsgrad erreicht hat, dann ist das mit großer Wahrscheinlichkeit aus eigener Kraft nicht zu schaffen. Man muss sich dann mit professioneller Hilfe längere Zeit in einen anderen Lebensstil hineinentwickeln. Dieser Bereich, der Regelmissbrauch, äußert sich ganz häufig auch außerhalb des Straßenverkehrs. Diese Menschen haben auch an anderen sozialen Schnittstellen Schwierigkeiten. Der Straßenverkehr ist auch ein soziales Feld, in dem man seine Defizite auch zeigt.

Was ist in diesem Zusammenhang besser: mehr Repressionen oder Präventionen?

Repressionen wirken kurzfristig und haben langfristig einen eher sich verbrauchenden Effekt. Egal wie man die Maßnahmen kombiniert, es gibt keinen Königsweg.  

Während des Kongresses in Warschau sprach man von drei Killern: Geschwindigkeit, Alkohol, Drogen.

Die tödlichste Unfallursache ist Raserei. Die Botschaft aus dem Treffen in Polen ist, dies nicht zu bagatellisieren. Wir haben in vielen Staaten wie Deutschland, Frankreich, der Schweiz die gleichen Unfallquoten, d.h. über 30 Prozent. Alles wegen Geschwindigkeit. Verschiedene Länder, verschiedene lokale Gesetzgebungen, die gleichen Resultate. Es sind die Menschen, die hinter dem Steuer sitzen und eine Gewohnheit etablieren, die sehr gefährlich ist.

Interview: Maria Graczyk (Warschau)

 

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