„Recycelte Plastikverpackungen sind immer ein Risiko“

Bisher haben Hersteller von Lebensmittelverpackungen es vermieden, recyceltes Plastik zu verwenden. Das könnte sich mit neuen EU-Regularien ändern. [Shutterstock]

Das Risiko, dass giftige Substanzen Lebensmittel kontaminieren, besteht bereits bei Verpackungen aus neu hergestelltem Plastik – diese Gefahr erhöht sich aber bei recycelten Verpackungen aus alten Kunststoffen, die verbotene Chemikalien enthalten könnten, warnt Floriana Cimmarusti.

Floriana Cimmarusti ist Generalsekretärin von Safe Food Advocacy Europe (SAFE), einer Non-Profit-Organisation mit Sitz in Brüssel. Sie sprach mit Frédéric Simon von EURACTIV.

Firmen wie Tetra Pak haben bisher keine recycelten Kunststoffe für ihre Lebensmittelverpackungen genutzt. Als Erklärung führen sie Sicherheitsbedenken an. Nun könnten diese Firmen ihre Sicht aber ändern, nachdem die EU mehr als 100 „sichere Recyclingprozesse“ für Stoffe, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen, abgesegnet hat. Was hat sich geändert? Sind die Recyclingprozesse mit Blick auf Lebensmittelsicherheit sicherer geworden?

Nein. Es ist nur so, dass diese Recyclingverfahren nun offiziell für den Einsatz in Anwendungen mit Lebensmittelkontakt zugelassen werden könnten. So sind Tetra Pak und andere Unternehmen rechtlich geschützt, wenn sie recycelte Kunststoffe verwenden, die mit diesen zugelassenen Verfahren hergestellt wurden.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat bereits eine befürwortende Stellungnahme zu diesen Recyclingverfahren abgegeben, so dass diese Erlaubnis – sobald die Europäische Kommission sie im Komitologieverfahren genehmigt – in Kraft treten wird. Rechtlich gesehen können Lebensmittelverpackungsunternehmen dann so viel recycelten Kunststoff verwenden, wie sie wollen. Und falls etwas schief geht, werden sie durch das EU-Recht vor möglichen Rechtsstreitigkeiten mit Verbraucherschutzgruppen geschützt.

Meiner Ansicht nach ist der Grund [dafür, dass die Unternehmen die Verfahren nun andenken] ein rechtlicher. Ohne eine solche Freigabe von Seiten der EU wäre es für Unternehmen einfach sehr riskant, recycelte Kunststoffe zu verwenden.

Die Hersteller von Lebensmittelverpackungen wollen natürlich vermeiden, dass ein Lebensmittelskandal in Bezug auf ihre Produkte entstehen kann. Wenn sie diese Verfahren nun anwenden, müssen sie doch sehr überzeugt davon sein, dass zumindest einige der Prozesse sicher sind.

Ja, ich gehe fest davon aus, dass sie die Verfahren für sicher halten. Der Punkt ist: Sobald die EU diese Verfahren absegnet, besteht für die Hersteller in dieser Hinsicht auch kein rechtliches Risiko mehr. Das ist ja der Haupt-Gesichtspunkt für sie.

Hersteller: Vorerst kein recyceltes Plastik in Lebensmittelverpackungen

Die Lebensmittelindustrie verzichtet derzeit auf die Verwendung von recyceltem Kunststoff in der Innenverkleidung der Verpackungen.

Recycelte Kunststoffe können aus unterschiedlichsten Quellen kommen. Eine Kontamination kann daher recht einfach passieren, beispielsweise, wenn Menschen Abfälle in die Recyclingtonnen packen, die dort eigentlich nicht hingehören. Können Standardprozesse für das Recycling auf EU-Ebene garantieren, dass eine solche Kontamination nicht auftritt?

PET ist der Kunststoff, der sich am einfachsten im Recyclingprozess reinigen lässt und daher nach dem Recyclingverfahren als der sicherste gilt.

Aber es wird immer ein Risiko geben. Viele Kunststoffe nehmen im Laufe der Arbeitsprozesse in der Abfallwirtschaft Chemikalien auf, und es ist sehr schwierig, diese beim Recycling zu eliminieren. So ist es beispielsweise eine Herausforderung, Sortiersysteme einzuführen, die Lebensmittelkontaktmaterialien von Nicht-Lebensmittel-Kunststoffen trennen. Das Risiko, dass giftige Stoffe in Kunststoffbehältnissen die Lebensmittel verunreinigen, ist bereits mit neuem Kunststoff vorhanden. Bei recycelten Verpackungsmaterialien aus Altkunststoffen, die extrem giftige und verbotene Chemikalien enthalten können, ist diese Gefahr also höher.

So ist der Gehalt an Oligomeren (unbeabsichtigte Nebenprodukte von Kunststoffen, die in Lebensmittel übergehen können) in recyceltem Kunststoff in höherer Konzentration zu finden als in neuem Kunststoff. Einige Tests haben beispielsweise gezeigt, dass eine Kontamination von Pflanzenölen bei recyceltem Kunststoff höher ist als bei reinem, neuem Kunststoff.

Darüber hinaus wurden viele nicht identifizierte Verunreinigungen in recycelten Kunststoffen gefunden, die wir in „frischem“ Plastik nicht finden. Diese Schadstoffe entstehen durch Kreuzkontamination bei der Abfallentsorgung.

Und schließlich sind in recyceltem PET auch noch viele Zusatzstoffe enthalten, die in fabrikneuen Kunststoffen fehlen oder in wesentlich geringeren Mengen vorhanden sind. Diese Additive haben nachweislich höhere Übergangsraten in recycelten Kunststoffen als in neuem Plastik.

Zusammengefasst: Das Kontaminationsrisiko ist bei recyceltem Kunststoff also deutlich höher als bei Neuware.

Konkret plant die Europäische Kommission, 140 neue Recyclingprozesse für Produkte mit Lebensmittelkontakt zu erlauben. Die EFSA hat für fast alle diese Prozesse (bis auf drei) bereits grünes Licht gegeben. Was können Sie uns über diese 140 Prozesse sagen?

Ich glaube nicht, dass das von der EFSA angewandte Risikobewertungsverfahren uns die volle Sicherheit geben kann, dass recycelte Kunststoffe wirklich sicher sind.

Wie gesagt, viele Arten von Kunststoffen nehmen beim Gebrauch und bei der Entsorgung Chemikalien auf, die beim Recycling nur schwer zu entfernen sind. Außerdem ist zu beachten, dass sich die Risikobewertung der EFSA auf den Beginn des Recyclingprozesses konzentriert und nicht auf das Endprodukt. Es gibt also keine ernsthafte Analyse der Chemikalien am Ende eines jeden Recyclingprozesses. Diese Daten fehlen derzeit.

Man kann nun einerseits festhalten, dass die meisten dieser Recyclingverfahren PET-Kunststoffe betreffen, die wie gesagt eine recht gründliche Reinigung während des Recyclings ermöglichen.

Andererseits bauen sich auch in PET die Polymere während des Gebrauchs und des Recyclings oft ab. Und das kann zu Oligomeren führen, die in die Nahrung übergehen können.

Es gibt leider auch einige Beispiele für das gezielte Recycling von Non-Food-Kunststoffen in neue Lebensmittelverpackungen. Sogenannte bromierte Flammschutzmittel wurden regelmäßig in Kunststoffteilen gefunden, die eigentlich für Materialien mit Lebensmittelkontakt bestimmt sind. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass es sich bei den recycelten Materialien um Elektro- und Elektronik-Altgeräte handeln könnte. Und das ist eindeutig nicht erlaubt.

Es ist daher eine bessere Gesetzesdurchsetzung erforderlich, um diese Situation zu verbessern.

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Wie würde, in einer idealen Welt, ein absolut sicherer Recyclingprozess für Plastikprodukte mit Lebensmittelkontakt funktionieren?

Zunächst sollte eine unabhängige Forschungsstelle die Risikobewertung durchführen. Die für diese Bewertung erforderlichen Daten sollten von einer ebenfalls unabhängigen Organisation gesammelt werden – und nicht von der Industrie, die ja die Genehmigung des Recyclingverfahrens beantragt.

Ein unabhängiges Labor sollte die Forschung durchführen; die antragstellenden Unternehmen könnten dafür bezahlen. Wir sollten nicht nur der Forschung der Unternehmen vertrauen, wie es derzeit der Fall ist.

Wir [SAFE] sind jedenfalls der Meinung, dass es keinen Kompromiss zwischen Verbrauchersicherheit und wirtschaftlichem Gewinn geben darf.

Plastik wiegt nicht viel und ist billig. Deswegen ist es als Lebensmittelverpackung so beliebt. Was sind die grünen Alternativen?

Eine Alternative könnte Glas sein. Bei Glas gibt es keine Kontaminierung der Lebensmittel, wie es bei Aluminium oder Kunststoffen vorkommt. Aber natürlich hat Glas auch einige Nachteile: Es ist schwer, es kann zerbrechen…

Es gibt aber weitere Optionen. Wir machen gerade eine Kampagne mit Restaurants und Bars, um sie zu ermutigen, Alternativen zu Einweg-Plastikbechern – zum Beispiel Becher aus Bambus – zu verwenden. Wenn man etwas Warmes in Plastik packt, kommt es zu noch mehr Übertragung von Chemikalien. So könnte die Kampagne auch das allgemeine Bewusstsein für Alternativen schärfen.

Sie können auch wiederverwendbare Stahlbehälter verwenden oder versuchen, so viele Produkte wie möglich in großen Mengen bzw. nach Gewicht zu verkaufen. Immer mehr Geschäfte verkaufen Produkte wie Nudeln, Nüsse, Süßigkeiten oder Reis unverpackt nach Gewicht. Die Kunden packen diese Produkte in Behältnisse oder Baumwolltüten ein, die sie selber zum Einkaufen mitbringen.

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