Kyriakides: Astrazeneca bleibt wichtiger Teil des EU-Impfportfolios

Die zypriotische Politikerin und vormalige Psychologin Stella Kyriakides ist aktuell EU-Gesundheitskommissarin.  [EPA-EFE/HOSLET]

Nach nicht gehaltenen Versprechungen und unerfüllten Vertragszielen hat die Europäische Kommission nun ihre juristische Offensive gegen das Pharmaunternehmen Astrazeneca verschärft. EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides betont im Interview mit EURACTIV.com, der Impfstoff bleibe dennoch ein „wichtiger Teil“ des Impfstoff-Portfolios der EU.

Die zypriotische Politikerin und vormalige Psychologin Stella Kyriakides ist aktuell EU-Gesundheitskommissarin. 

Sie sprach mit Jorge Valero von EURACTIV.com

Frau Kommissarin, wie geht es mit den Impfaktionen in den EU-Mitgliedstaaten voran?

Die Impfungen haben in den vergangenen Wochen in der gesamten EU wirklich an Fahrt aufgenommen. Fast 35 Prozent der Bevölkerung haben die erste Dosis erhalten, und bei der zweiten Dosis stehen wir bei knapp 14 Prozent.

Im Januar hatten wir noch rund 300.000 Dosen pro Woche verabreicht; jetzt haben wir die Marke von 20 Millionen Dosen pro Woche überschritten. Wir verimpfen also jeden Tag etwa drei Millionen Dosen.

Angesichts unserer aktuellen Zahlen können wir mit Zuversicht sagen, dass wir in der Lage sein werden, genügend Impfungen durchzuführen, um das Ziel von 70 Prozent geimpften Erwachsenen bis Juli zu erreichen. Das erlaubt uns, mit vorsichtigem Optimismus auf den Sommer zu blicken. Aber in einer Krise wie der aktuellen Pandemie muss man immer vorbereitet sein.

Wie genau bereitet sich die Kommission vor?

Wir bereiten uns auf die Möglichkeit vor, dass wir noch vor Ende des Jahres Auffrischungsimpfungen benötigen werden. Wir befassen uns auch mit der möglichen Notwendigkeit, unsere Kinder und Jugendlichen unter 16 Jahren zu impfen.

Am Wochenende haben wir einen Vertrag über 1,8 Milliarden Dosen des Impfstoffs von Biontech/Pfizer für die Jahre 2022 und 2023 geschlossen. Weitere Verträge werden wahrscheinlich folgen.

Dies sind Vereinbarungen, die nicht nur den Bürgerinnen und Bürgern der EU zugute kommen: Wir wollen so viel wie möglich zum Kampf gegen diese globale Pandemie beitragen. Europa ist der einzige Kontinent, der gleichzeitig seine Bevölkerung massiv impft und auch in andere Teile der Welt exportiert. Wir haben seit Januar über 200 Millionen Dosen exportiert.

Corona-Impfstoff für Kinder könnte noch im Mai in Europa zugelassen werden

In Europa könnte ein Corona-Impfstoff für Kinder und Jugendliche womöglich noch im Mai zugelassen werden. Die Chefin der europäischen Arzneimittelbehörde (EMA), Emer Cooke, sagte dem „Handelsblatt“, derzeit werde der Biontech/Pfizer-Impfstoff für Zwölf- bis 15-Jährige geprüft.

Wie will/kann die EU gegen Impfskepsis vorgehen? Und woher rührt diese Skepsis Ihrer Meinung nach – sind die Probleme mit Astrazeneca schuld?

Alle Mitgliedsstaaten müssen sich mit diesem Thema befassen, denn wir können unsere Länder nur dann effektiv öffnen, wenn wir wirklich einen bedeutenden Teil der Bevölkerung mit Impfstoffen abgedeckt haben. Wenn wir hingegen ein hohes Maß an Impfverweigerung haben, werden sich Varianten ausbreiten.

Wir arbeiten sehr eng mit dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) und mit weiteren Fachleuten zusammen, um einen Überblick über die Situation in den verschiedenen Mitgliedsstaaten zu bekommen. Wir müssen verstehen, warum wir in einigen EU-Ländern mehr Schwierigkeiten haben, die Impfquoten zu erreichen, die wir uns wünschen.

Wie Sie sagten, könnte es am mangelnden Vertrauen in den Impfstoff von Astrazeneca liegen. Aber es könnte auch viele andere Gründe haben. Wie gesagt: Wir müssen mehr Klarheit über die Unterschiede auf nationaler Ebene erlangen.

Eine weitere Frage zu Astrazeneca: Die EU-Kommission hat neue rechtliche Verfahren gegen das Unternehmen eingeleitet. Die Rechtsvertreter der Kommission haben mitgeteilt, die EU wolle bis Juni mindestens 120 Millionen Dosen erhalten. Streben Sie auch eine finanzielle Entschädigung an?

Das Verfahren läuft noch. Astrazeneca bleibt aber ein wichtiger Bestandteil des EU-Portfolios. Viele unserer Bürgerinnen und Bürger in der gesamten Union erhalten diesen Impfstoff. Wir wollen, dass die Impfstoffmengen, zu denen sich das Unternehmen vertraglich verpflichtet hatte, so schnell wie möglich an uns geliefert werden. Die Vereinbarungen sind einfach nicht eingehalten worden.

EU-Kommission will Astrazeneca gerichtlich zu Impfstofflieferungen zwingen

Die EU-Kommission will die Belieferung der Mitgliedstaaten mit Corona-Impfstoff des Herstellers Astrazeneca gerichtlich erzwingen.

„Wir wollen, dass das Gericht das Unternehmen anweist, (im zweiten Quartal) 90 Millionen zusätzliche Dosen zu liefern“, sagte ein Sprecher der Brüsseler Behörde am Dienstag (11. Mai).

Dann …

Welche anderen Verträge oder Ansätze könnte die Kommission in Zukunft ins Auge fassen?

Wir brauchen möglicherweise Impfstoffe, die sehr kurzfristig an Varianten angepasst werden können. Das ist der Schlüssel zu einer guten Vorbereitung. Vor diesem Hintergrund konzentrieren wir uns auf Technologien, die sich bewährt haben, wie zum Beispiel mRNA-Impfstoffe. Aber natürlich werden wir auch andere Ansätze prüfen, zum Beispiel auf Basis anderer Techniken wie proteinbasierte Technologien.

Ein breites Portfolio an Impfstoffen zu haben, gibt uns die Möglichkeit, flexibel zu sein und so schnell wie möglich auf die Pandemie und auf weitere Entwicklungen zu reagieren.

Dann wären auch die Lockdown-Einschränkungen wohl irgendwann passé. Wie würden Sie bei den Lockerungen vorgehen?

Impfungen und der entsprechende Nachweis anhand des Grünen Zertifikats werden eine Gelegenheit für die Mitgliedsstaaten sein, ihre bestehenden Beschränkungen anzupassen. Wir müssen immer noch mit Vorsicht vorgehen und die Auswirkungen der Einschränkungslockerungen auf die weitere Ausbreitung des Virus und die jeweilige Situation mit Mutanten sorgfältig prüfen.

Das ECDC ist derzeit dabei, ein Modell zu entwickeln, das den Mitgliedsstaaten helfen soll, Entscheidungen über die Aufhebung von Maßnahmen zu treffen und die möglichen Auswirkungen der Aufhebung solcher Beschränkungen zu berechnen. Dann könnten sie leichter definieren, was wann angemessen und sicher ist. Letztlich möchten wir unsere Volkswirtschaften und Gesellschaften so schnell wie möglich auf sichere Weise öffnen können.

Sie hatten vorhin auch die Impfung von Kindern angedeutet. Wann wird es diesbezüglich mehr Klarheit geben? 

Wir sehen die Möglichkeit, dass über kurz oder lang auch Kinder und Jugendliche geimpft werden. Die Sicherheitsbewertung der Europäischen Arzneimittelbehörde ist dafür aber absolut grundlegend.

Die EMA hat vor einigen Tagen mit der Bewertung des Einsatzes des Biontech-Pfizer-Impfstoffs für Kinder im Alter von 12 bis 15 Jahren begonnen. Wir erwarten, dass die Bewertung in den kommenden Wochen vorliegt. Für die Über-16-Jährigen hat die EMA diesen Impfstoff ja bereits zugelassen.

In jedem Fall ist dieser Ansatz ein weiterer sehr wichtiger Teil der Impfstrategie.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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