„Depression und Suizid fehlen völlig auf der gesundheitspolitischen Agenda“

Depression

Wäre Depression in der Öffentlichkeit als Krankheit anerkannt, würde das Leiden viel schneller behandelt werden, meinen Experten. [Shutterstock]

Depression ist Volkskrankheit Nummer eins. Doch die Bundesregierung verdrängt das Thema noch immer, kritisiert Diana Doko vom Verein „Freunde fürs Leben“. Anlässlich des Weltgesundheitstages fordert sie im Interview mit Euractiv.de bessere Aufklärung zu seelischen Leiden und den offenen Umgang mit Depressionen auch am Arbeitsplatz.

Diana Doko ist Dozentin, PR-Beraterin und Mitbegründerin sowie Vorstandsvorsitzende des Vereins „Freunde fürs Leben“ mit Sitz in Berlin. Seit 2001 klärt der Verein Jugendliche und junge Erwachsene über die Themen Suizid und seelische Gesundheit auf. 

Wie engagiert sich der Verein „Freunde fürs Leben“, und was war die Initialzündung?

Unser Verein betreibt seit 16 Jahren Aufklärung über Suizid und Depressionen. Wir haben eine Website, einen Youtube-Kanal – der übrigens der erste deutsche Youtube-Kanal zu seelischer Gesundheit war -, sind auf Facebook und Instagram. Jedes Alter nutzt andere Kanäle. Und unsere Aufklärungsarbeit richtet sich vor allem an Jugendliche und junge Erwachsene. Und wir haben einen wichtigen Grund dafür: Die zweithäufigste Todesursache bei jungen Menschen in Deutschland zwischen 15 und 25 Jahren ist Suizid.

Als wir den Verein gegründet haben, war mir ein Plakat in der U-Bahn aufgefallen, das sich an Suizid-gefährdete Jugendliche richtete – und bei dem ich mich fragte, welcher Jugendliche drauf reagiert. Wir als Kommunikationsexperten haben uns daraufhin an die Therapeuten-Organisation gewandt und ihnen angeboten, eine Plakatkampagne zu entwickeln.

Diana Doko©Tom Wagner

Mehr als 320 Millionen Menschen weltweit leiden an einer Depression. In Deutschland erkranken jedes Jahr rund acht Prozent der Bevölkerung daran. Nehmen die Zahlen zu? 

Die Zahlen nehmen zum Glück ab, doch die Dunkelziffer der versuchten Suizide kennen wir gar nicht. Aber Depression als Krankheit ist inzwischen Volkskrankheit Nummer eins.

Um die Öffentlichkeit besser über Depressionen aufzuklären, widmet sich der diesjährige Weltgesundheitstag diesem Thema. Das ist wohl ein gutes Zeichen…

Trotzdem existieren Depression und Suizid überhaupt nicht auf der gesundheitspolitischen Agenda der Bundesregierung. Ruft man bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) an und bittet um Aufklärungsmaterial, bekommt man  keins. Es gibt zwar Material zu Alkohol- und Drogenmissbrauch, aber keine zu seelischen Leiden. Obwohl mehr Menschen durch Suizid sterben, als durch Alkoholmissbrauch, Drogen, Verkehrsunfälle und Aids zusammen.

Die Zahl der Verkehrstoten und der Opfer von Alkohol- oder Drogenmissbrauch werden jedes Jahr durch die Bundesregierung veröffentlicht. Würden wir die Zahl öffentlich machen, dass 10.000 Menschen pro Jahr durch Suizid sterben, würde sich sicher etwas tun. Und diese Zahl hat sich in den letzten 16 Jahren kaum geändert.

Depressionen können gut behandelt werden, aber immer wieder hört man, wie steinig und lang der Weg bis zur Behandlung ist. 

Bei uns rufen immer wieder viele Leute an, die gar nicht wissen, wie sie vorgehen, an wen sie sich wie wenden müssen. Noch immer warten viele zu lange auf einen Therapieplatz. Oft ruft man bei Therapeuten an und landet nur beim Anrufbeantworter.

Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnte zuletzt im Februar Handlungsbedarf hinsichtlich der Aufklä­rung über Depressionen an. Aber immer noch verheimlichen viele Betroffene ihre Erkrankung. Wo sollte die Politik mehr tun? 

Damals war ich im Bundeskanzleramt zum 3. Internationalen Deutschland-Forum, bei dem Mental Health ein Thema war. Merkel sagte dort, in Bezug auf seelische Gesundheit seien wir alle Dritte-Welt-Länder. Ich hoffe, dass sich in nächster Zeit in Bezug auf Suizidprävention etwas in Deutschland seitens der Politik tut.

Unser Verein finanziert sich nur durch private Spenden, weil wie keine öffentlichen Gelder bekommen. Vor ein paar Jahren sind wir an Schulen gegangen und haben die jungen Leute zusammen mit einem Therapeuten und einem Prominenten aufgeklärt: Wie erkenne ich eine Depression, welche Bewältigungsstrategien gibt es, wohin kann ich mich wenden? Aber dazu passiert politisch nach wie vor nichts, daher gehen wir leider auch nicht mehr an Schulen, um aufzuklären.

Auch die Folgen für die Volkswirtschaft sind immens. Laut den Krankenkassen ist in den letzten Jahren der Anteil an psychischen Erkrankungen als Grund für den Arbeitsausfall deutlich angestiegen.

Alle Arbeitnehmer sagen, der Druck auf der Arbeit sei so wahnsinnig groß, weshalb so gut wie alle lieber behaupten, sie hätten Schnupfen, anstatt ehrlich zu sein. Wäre Depression in der Öffentlichkeit als Krankheit anerkannt, würde das Leiden viel schneller behandelt werden.

Studie: Immer mehr Berufstätige in Deutschland leiden an Depressionen

Erwerbstätige in Deutschland werden einer Studie zufolge immer länger wegen Depressionen krankgeschrieben. Mitverantwortlich sind oft Stress und zu wenig Freizeit. Experten mahnen deshalb, mehr Geld in Früherkennung und Vorsorge zu investieren.

Aber bis Hilfe gegen Burnout und Depressionen auch im Arbeitsschutzgesetz verankert sind, scheint es noch ein sehr weiter Weg… 

Wenn ein Betroffener merkt, dass sich ein Depressionsschub ankündigt, könnte er mit dem Wissen um den richtigen Umgang damit die Zeit extrem verkürzen, in der er zu Hause bleiben muss. Man bleibt ja auch nicht unbehandelt erkältet, bis man eine Lungenentzündung hat, sondern geht vorher zum Arzt.

Und dass das Handlungsbedarf von politischer Seite teilweise schon erkannt wird, sieht man an einem Beispiel: Die Mitarbeiter im Bundeskanzleramt werden in Hinsicht auf seelische Gesundheit richtiggehend gecoacht, weil das Angela Merkel wichtig ist. In Großbritannien werden an den Wirtschaftsunis die angehenden Manager auch zu seelischer Gesundheit geschult.

Stichwort persönlicher Bezug: Das Umfeld von Betroffenen scheint auch oft hilflos.

Die Angehörigen kriegen keine Beratung, wie sie sich verhalten sollen, sind darum überfordert und haben Angst, etwas falsch zu machen. Und trotzdem werden die Themen Depression und Suizid nicht nur von der Politik, sondern auch von den Medien verdrängt.

Die Politik muss etwas ändern und das Thema öffentlich kommunizieren. Früher war Aids ein Tabuthema, noch früher sogar Krebs. Da hat sich das Herangehen ja auch gewandelt. Und auch beim Thema seelische Gesundheit ist erwiesen: Aufklärung hemmt Suizid. Viele Lehrer fragen uns immer wieder nach Aufklärungsmaterialien. Denn seit 2016 gibt es zwar das Präventionsgesetz, aber auch die Krankenkassen sind mit dem Thema offensichtlich noch überfordert.

Mit Aktionsprogrammen ist etwa die Organisation „European Alliance Against Depression“ (EAAD) bereits in etlichen Ländern aktiv im Kampf gegen das Leiden. In welchen Ländern gibt es positive Vorbilder für den Umgang mit Depressionen?

In Österreich ist Suizid und Depression auf der gesundheitspolitischen Agenda. Im Bundeskanzleramt habe ich auch britische Vertreter kennengelernt, die von tollen Sachen erzählt haben. Dort gibt es zum  Beispiel einen Award, der Filme, Spots, Plakate prämiert, die sich mit seelischer Gesundheit auseinandersetzen.

Seit Jahren gehen immer mehr Menschen, auch viele Junge, für Europa auf die Straße. Sie kämpfen für, nicht gegen etwas. Diese Energie müssen wir nutzen, übernehmen. Ich habe immer noch die Vision einer aufgeklärten Gesellschaft, in der offen über psychische Krisen gesprochen wird und in der Betroffene auf ein gutes Netzwerk sowie schnelle Hilfe zurückgreifen können.  Aber das braucht zuerst die Einsicht und Unterstützung der Politik.

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