Fleisch in der Schulmensa? Unterschiedliche Einstellungen in Frankreich und Deutschland

Immer gut ausbalancieren: Am "Veggie Day" scheiden sich (noch) die Geister - doch es zeichnen sich Veränderungen ab. [Shutterstock/Africa Studio]

Müssen Kinder in der Schule wirklich jeden Tag Fleisch essen? In Frankreich wie in Deutschland wird diese Frage immer und immer wieder diskutiert. EURACTIV Frankreich gibt einen Überblick über die Ernährungsempfehlungen auf beiden Seiten des Rheins.

Die Ankündigung des Stadtrats von Lyon in der vorvergangenen Woche, vorübergehend ein fleischfreies Menü in Schulkantinen einzuführen, sorgte in Frankreich für einen Aufschrei. Die Maßnahme war angesichts der Lockdown-Regelungen befristet angekündigt worden: Man wolle die Abläufe in den Schulmensen vereinfachen und die Schülerinnen und Schüler schneller bedienen.

Die Entscheidung wurde vom liberalen Innenminister Gérald Darmanin (LREM) jedoch umgehend als „inakzeptable Beleidigung der französischen Landwirte und Metzger“ verurteilt. Er witterte eine „moralistische und elitäre Politikmaßnahme der ‚Grünen'“.

Infektionsherd Schlachthof

Viele Angestellten in Schlachthöfen sind an COVID-19 erkrankt, denn sie arbeiten und leben eng zusammen. Die Missstände der Branche sind seit Jahren bekannt, doch geändert hat sich wenig.

„Hören wir auf, unseren Kindern Ideologie auf den Teller zu packen,“ echauffierte sich auch Julien Denormandie, Minister für Landwirtschaft und Ernährung. „Bieten wir ihnen doch einfach, was sie brauchen, um gut aufzuwachsen. Fleisch ist ein Teil davon,“ behauptete er per Twitter.

Die Ministerin für den ökologischen Übergang, Barbara Pompili, zeigte sich hingegen enttäuscht angesichts einer „prähistorischen Debatte“, die auf „veralteten Klischees wie ‚vegetarische Ernährung ist unausgewogen'“ beruhe.

Sie kritisierte, man wisse inzwischen, „dass Fleisch durch Fisch, Eier und Hülsenfrüchte problemlos ersetzt werden kann“.

Panik vor dem „Veggie Day“ – (k)eine urdeutsche Angst

Die Debatte erinnert an eine andere, sehr ähnliche, die 2013 in Deutschland ausgetragen wurde. Die deutschen Grünen hatten damals in ihrem Wahlprogramm die Einführung eines „Veggie Day“ – also eines einzigen vegetarischen Tages – in allen Schulkantinen vorgeschlagen, um sowohl die allgemeine Gesundheit als auch die Umwelt zu schützen.

Der Vorschlag brachte den Grünen unerwartet viel Kritik ein. Die Partei wolle „Fleisch verbieten“, verkürzte eine bekannte Boulevardzeitung den Vorschlag. Politikerinnen und Politiker aller Richtungen sahen sich „gezwungen“, der Partei eine Art Totalitarismus vorzuwerfen: Die Grünen wollten offenbar Ess-Verbote durchsetzen. Ein FDP-Abgeordneter war sich nicht einmal zu schade, potenzielle Parallelen zum Naziregime zu ziehen. Er diagnostizierte „totalitäre Züge“ bei den Grünen. „Ich lasse mir von niemandem vorschreiben, was ich an welchem Tag zu essen habe,“ so der liberale Freiheitskämpfer.

Die Grünen selbst sahen sich als „Verbotspartei“ stigmatisiert und gaben nach einem enttäuschenden Wahlergebnis 2013 ihren Veggie-Day-Vorschlag im Jahr 2014 schließlich auf.

Greenpeace: Weniger Milch und Fleisch für das Klima

Die Welt muss die Produktion und den Verbrauch von Fleisch bis 2050 halbieren, um die Klimaziele des Pariser Abkommens zu erreichen, heißt es in einem neuen Greenpeace-Bericht.

Unabhängig von grünem oder liberalem Populismus und absurden historischen Vergleichen bleibt die Frage, ob es wirklich „notwendig“ ist, jeden Tag Fleisch zu essen.

Die Antworten sind erstaunlich unterschiedlich. In Frankreich empfiehlt das Nationale Programm für Ernährung und Gesundheit (PNNS) tatsächlich, dass Kinder und Jugendliche „ein- oder zweimal täglich abwechselnd“ Fleisch, Eier oder Fisch verzehren sollten. In seinem Ernährungsratgeber, der sich an Eltern richtet, heißt es allerdings auch, dass bestenfalls zweimal pro Woche Fisch gegessen werden sollte und dass die Menge an Fleisch oder Fisch bei jeder Mahlzeit „geringer sein sollte als die Beilage (stärkehaltige Lebensmittel und Gemüse)“.

In einer Stellungnahme vom Juni 2020 zu den Ernährungsrichtlinien für Kinder und Jugendliche im Alter von drei bis 17 Jahren legte die französische Hohe Behörde für Volksgesundheit hingegen fest, dass es „nicht notwendig“ sei, Fleisch, Fisch oder Eier „zu jeder Mahlzeit“ zu konsumieren. Vielmehr wird darauf hingewiesen, „dass es möglich ist, zu einigen Mahlzeiten Produkte zu verzehren, die alternative Eiweißquellen darstellen“ – beispielsweise Hülsenfrüchte.

Insgesamt solle jeglicher Fleischkonsum (außer Geflügel) auf eine gewisse Menge begrenzt werden: „Nicht mehr als 500g/Woche für Jugendliche,“ so die Behörde.

Diese Meinung teilt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) wiederum ganz und gar nicht: In ihrem Leitfaden für Qualitätsstandards für die Schulverpflegung im Jahr 2020 empfiehlt sie, dass Kinder bei fünf Schulmittagessen pro Woche nur einmal Fleisch essen sollten, und zwar in einer Mengenordnung von 70 bis 90 Gramm. Ebenso wäre eine Portion Fisch pro Woche (Familienessen nicht eingerechnet) ausreichend.

Auf der anderen Seite empfiehlt die DGE sogar den täglichen Verzehr von Hülsenfrüchten – sowie ein tägliches vegetarisches Angebot in allen Schulkantinen neben den Fleischgerichten.

EFSA soll sich zu Lebensmittel-Labels äußern

Die EU-Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) soll mit wissenschaftlicher Beratung die Entwicklung eines zukünftigen EU-weiten Systems zur Nährwertkennzeichnung von Lebensmitteln unterstützen.

Das deutsche Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL) teilte auf Anfrage von EURACTIV Frankreich ebenfalls mit, dass eine einzige Mahlzeit auf Fleisch- oder Fischbasis pro Woche (in der Schule) als ausreichend angesehen werde. Ein Grund dafür sei, dass „die meisten Kinder und Jugendlichen bei Mahlzeiten in ihrem Elternhaus am Abend oder am Wochenende ohnehin Wurst- oder Fleischwaren zu sich nehmen“.

Wenn die Schulen jeden Tag Fleisch servieren würde, wären die empfohlenen Mengen daher „schnell überschritten“, erklärte eine Sprecherin des Ministeriums.

Fleisch = Unverzichtbar?

Spiegelt sich in diesen doch recht deutlichen Meinungsverschiedenheiten zwischen Frankreich und Deutschland ein allgemeiner Mentalitätsunterschied wider? Zumindest kann festgehalten werden, dass sich inzwischen rund zehn Prozent der deutschen Bevölkerung als vegetarisch oder vegan lebend bezeichnen. In Frankreich liegt ihr Anteil an der Bevölkerung laut Zahlen von 2018 bei nur 2,5 Prozent.

Doch auch in Frankreich ist das Konzept „weniger Fleisch“ auf dem Vormarsch: Die Hälfte der Französinnen und Franzosen gibt inzwischen an, ihren Fleischkonsum in den vergangenen drei Jahren reduziert zu haben, so eine jüngere Umfrage.

Das PNNS scheint dennoch eher zurückhaltend zu sein, was den Vegetarismus bei Jugendlichen angeht. Sie fordert Eltern auf, „aufmerksam“ zu sein, dass Jugendliche, die kein Fleisch mehr essen wollen, „den mit dem Verzicht auf Fleisch verbundenen Mangel an Eiweiß und Eisen“ täglich mit pflanzlichen Alternativen ausgleichen sollten.

Weiter wird betont, dass „das in Fleisch und Fisch enthaltene Eisen besser aufgenommen wird als das in Lebensmitteln pflanzlichen Ursprungs“.

Gesundes für Europas Schüler

Mit Beginn des neuen Schuljahrs läuft auch das EU-Schulprogramm wieder an. 250 Millionen Euro werden in Obst, Gemüse und Milchprodukte investiert, verlautbarte die Kommission.

Die Association Végétarienne de France (AVF) widerspricht dieser Aussage vehement: „Fleisch ist nicht essenziell für eine ausgewogene Mahlzeit“, heißt es in einer Pressemitteilung, und: „Es wird sogar viel zu viel davon in Kantinen und Mensen konsumiert“.

In einem Bericht des Nationalen Ernährungsrates CNRC vom Juli 2020, der auf einem Experiment mit vegetarischen Menüs zurückgeht, die seit 2019 einmal pro Woche in allen Schulen in Frankreich ausgegeben werden, heißt es, dass „pflanzliche Proteine alle essenziellen Aminosäuren liefern“. Unter der Voraussetzung, dass die Kinder mit ausreichend pflanzlichen Proteinen versorgt werden, insbesondere durch Hülsenfrüchte und Getreide, aber auch Eier oder Käse, sollte „die Komplementarität der Proteine in der vegetarischen Mahlzeit, die in Schulkantinen angeboten wird, kein großes Problem darstellen“.

Das CNRC empfiehlt, dass bei 20 Schulmittagessen pro Woche mindestens vier Gerichte mit Fleisch, mindestens vier mit Fisch sowie vier oder fünf vegetarische Gerichte angeboten werden sollten.

Deutliche Mehrheit in Frankreich für vegetarische Option

Bleibt die Frage nach dem Veggie Day. In Portugal – diesbezüglich Pionier in Europa – war ein solcher bereits 2017 eingeführt worden.

Laut von der AVF vorgelegten Zahlen würden sich dort, wo eine fleischfreie Option besteht, tatsächlich mindestens 30 Prozent der Jugendlichen in Mittel- und Oberschulen für diese Variante entscheiden. Bei Kindern in den Grundschulen sind es sogar bis zu 40 Prozent.

Laut einer Harris-Umfrage sind ganze 80 Prozent der Französinnen und Franzosen dafür, „dass die Kantinen, Altenheime, Krankenhäuser usw. verpflichtend ausgewogen vegetarische Menüs anbieten müssen.“

In Deutschland hat Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner kürzlich die Bundesländer aufgefordert, die DGE-Qualitätsstandards für Lebensmittel in Schulen „verpflichtend anzuwenden“, so ihre Sprecherin.

Dies dürfte dann auch die tägliche vegetarische Option beinhalten. So wird der von den Grünen erträumte „Veggie Day“ möglicherweise doch eine Realität – ganz ohne Totalitarismus.

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