Druck auf EU-Kommission: Bierbrauer wollen Kalorien-Tabelle auf der Flasche

Bisher gilt die Nährwertkennzeichnung nicht für alkoholische Getränke. Foto: [a olin/Flickr]

Seit einigen Monaten gibt es neue EU-Regeln zur Nährwertkennzeichnung von Lebensmitteln und Getränken. Ob zukünftig aber auch alkoholische Getränke in diese Kategorie fallen, ist weiterhin unklar. Denn der Kommisssionsbericht dazu steht aus. Verbraucherorganisationen und die Bierindustrie sind gleichermaßen verärgert. EURACTIV Brüssel berichtet.

Die Frist war im Ende 2014 abgelaufen. Bis dahin sollte die EU-Kommission in einem Bericht klären, wie alkoholische Getränke in der EU-Verordnung zur Lebensmittelkennzeichnung zu behandeln sind.

Renate Sommer, konservative Europaabgeordnete (Europäische Volkspartei), war die Berichterstatterin für die Verordnung, die das EU-Parlament 2011 verabschiedete.

Damals seien alkoholische Getränke von der Verordnung ausgenommen worden, weil die Gesetzgeber sich auf keine Definition der sogenannten Alkopops einigen konnten, sagte Sommer bei einer Veranstaltung des EURACTIV Institute in der vergangenen Woche. Alkopops sind eine Mischung aus alkoholischen Getränken mit Limonade oder Säften.

Doch die EU-Kommission hat bislang keinen Bericht geliefert. Es gibt auch keinerlei Anzeichen dafür, dass es in naher Zukunft ein solches Papier geben wird.

Vergleiche anstellen

Dies habe zur absurden Situation geführt, wonach Verbraucher die Zutatenliste für eine Flasche Milch finden können, nicht aber für eine Flasche Whiskey oder Bier, sagten Teilnehmer der EURACTIV-Veranstaltung.

Dem Europäischen Verbraucherverband (BEUC) zufolge müssen diese Informationen den Verbrauchern zugänglich gemacht werden. Nur wenige Verbraucher wissen etwa, dass ein halber Liter Bier (fünf Prozent Alkohol) rund 220 Kalorien enthält. Das entspricht dem Wert eines Schokoriegels.

In dieser Angelegenheit schickte der BEUC erst kürzlich einen Brief an den EU-Kommissar für Nahrungsmittel und Gesundheit, Vytenis Andriukaitis. Darin fordert der Verbraucherverband ihn dazu auf, die Maßnahmen zur Kennzeichnung von alkoholischen Getränken zu intensivieren.

„Der BEUC sieht keinen guten Grund dafür, warum alkoholische Getränke unterschiedlich behandelt werden sollten. Die Kennzeichnung der Nährwertinformationen und die komplette Liste von Zutaten sollten verbindlich sein, um den Verbrauchern dabei zu helfen, zu wissen, was und wieviel sie trinken“, schrieb Monique Goyens, BEUC-Generalsekretärin.

Auf EURACTIV-Anfrage erklärte die Kommission, derzeit kein Datum für die Verabschiedung ihres Berichts nennen zu können.

„Wir führen derzeit die Untersuchung durch. Das hat zu vorläufigen Diskussionen mit den Mitgliedsstaaten geführt. Ein Großteil der Arbeit muss noch geleistet werden“, sagt Aikaterini Apostola, eine Sprecherin der Kommission. „Es bedarf weiterer Diskussionen bevor wir mit dem Bericht weitermachen können“, schrieb sie in einer E-Mail an EURACTIV.

Der weltweit führende Brauereikonzern AB InBev ist frustriert. Klare Vorgaben der Kommission bei der Kennzeichnungsdiskussion für den Alkoholsektor seien längst überfällig.

Die Europäischen Brauer, die die Bierindustrie in Brüssel vertreten, unterstützen InBev. Die Käufer hätten ein Recht darauf, flächenbereinigte Informationen zum Ernährungswert und den Zutaten zu vergleichen. Man sollte Biere und alle andere Getränke, alkoholisch oder nicht-alkoholisch, vergleichen können.

„Wir sehen also der Veröffentlichung des Kommissionsberichts entgegen, um zu sehen, welche Pläne die EU hat, sich mit der derzeitigen Ausnahmeregelung für alkoholische Getränke bei Informationen zu Ernährungswerten und Zutaten zu befassen“, sagt Simon Spillane, Berater bei The Brewers of Europe.

Irreführung der Verbraucher?

Die Angabe detaillierter Informationen zu Nährwerten auf den Etiketten der Produkte könnte die Verbraucher irreführen, so SpiritsEurope, eine Gruppe, die die Spirituosenhersteller auf EU-Ebene repräsentiert.

Die Spirituosenindustrie ist für eine Auflistung der Zutaten, die eine Flasche Wodka oder Whiskey enthalten. Aber diese Informationen müssten pro Portion gezeigt werden und nicht pro 100 Milliliter. Letzteres erfordert aber die bestehende Gesetzgebung.

Der Generaldirektor von SpiritsEurope, Paul Skehan, fordert einen offenen Dialog „für die Bewertung der geeignetsten Methode zur Bereitstellung jeglicher Informationen – ob auf dem Etikett oder außerhalb davon“.

Die Kennzeichnung sei nicht die einzige Lösung, Informationen an die Verbraucher zu übermitteln, so CEEV, eine Gruppe, die den Weinsektor repräsentiert.

„Es ist sicherlich nicht das Allheilmittel, Informationen über den Energiegehalt in Weinen bereitzustellen, die angemessen, exakt, sinnvoll und nützlich für die Verbraucher sind“, meint CEEV. Manchmal könnte man diese Informationen nicht auf der Verpackung sondern auf Internetseiten darstellen.

Weinprodukte hätten bestimmte Merkmale, die von Produzent zu Produzent und von Jahr zu Jahr unterschiedlich seien, so CEEV. Die damit verbundenen verwaltungsmäßigen Belastungen im Zusammenhang mit der Handhabung der sich verändernden Etikette wären einmalig im Vergleich zu anderen, massenproduzierten, industriellen Nahrungsmitteln und Getränkeprodukten.

„Eine vorgeschriebene Kennzeichnung der Nährwerte würde in hohen zusätzlichen Kosten für den Weinsektor resultieren, die die meisten Weinhersteller, die überwältigende Mehrheit sind Mikrounternehmen, kleinere und mittlere Unternehmen, unmöglich durchhalten könnten“, sagte CEEV gegenüber EURACTIV.

Die Frage einer vorschriftsmäßigen Kennzeichnung alkoholischer Getränke sei schwierig, sagt auch Renate Sommer.

„Es gibt einen Unterschied zwischen Spirituosen, Bier und Wein. Vorgeschriebene Kennzeichnung bedeutet, dass sie immer pro 100 Milliliter etikettiert werden müssen. Das könnte den Verbraucher beim Konsum der Spirituose täuschen. Man sollte nicht 100 Milliliter Spirituosen als eine Einheit trinken. Es klingt sehr einfach, alles nur zu etikettieren, aber wir müssen auch die Probleme der Produzenten berücksichtigen.“

Nach dreijährigen Verhandlungen verabschiedeten die EU-Gesetzgeber 2011 eine neue Verordnung für Nahrungsmittelinformationen an die Verbraucher.

Das neue Gesetz trat im Dezember 2014 in Kraft. Es soll den Verbrauchern dabei helfen, sachkundige Entscheidungen beim Kauf ihrer Lebensmittel und eine gesündere Wahl zu treffen.

Der Nahrungsmittelindustrie wurde ein Übergangszeitraum von drei Jahren eingeräumt, um sich an die neuen Regeln anzupassen.

Neue Regeln für die Nährwertdeklaration wie Energie, Fette, gesättigte Fettsäuren, Kohlenhydrate, Zucker, Proteine und Salz treten erst ab dem 13. Dezember 2016 in Kraft. Sie müssen auf der Verpackungsrückseite pro 100 Gramm oder Milliliter angegeben werden.

Alkoholische Getränke sind von den EU-weiten Lebensmittelkennzeichnungsregeln bisher ausgenommen.

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