Briten sollen mehr mit dem Rad fahren und zu Fuß gehen

"Kühne Pläne": Premierminister Boris Johnson wünscht sich, dass die britischen Bürgerinnen und Bürger mehr mit dem Rad fahren. [Photo: Martin Hoscik / Shutterstock]

Premierminister Boris Johnson hat am Montag ein zwei Milliarden Pfund schweres Paket vorgestellt, mit dem im Zuge der Lockerung des britischen Lockdowns Anreize zum verstärkten Zufußgehen und Radfahren geschaffen werden sollen. Ein Bericht von EURACTIVs Medienpartner edie.net.

Das Paket beinhaltet diverse Initiativen, darunter die Verbesserung von Rad- und Fußwegen, die Einführung von Fahrradträgern an Bussen, besondere Radfahrtrainings sowie ein nationales E-Bike-Programm.

In der britischen Boulevardpresse wird vor allem über ein neues „Reparaturprogramm“ berichtet, bei dem alle Menschen in England einen 50-Pfund-Gutschein beantragen können, der bei einem Unternehmen, das Fahrradreparaturdienste anbietet, eingelöst werden kann.

Das Verkehrsministerium (Department for Transport, DfT) hat noch nicht bekannt gegeben, wie viele Gutscheine es insgesamt ausgeben wird, räumte jedoch bereits ein, dass das Programm „begrenzt“ sein werde. Ziel ist es in jedem Fall, Menschen mit defekten Fahrrädern daheim zu motivieren, diese künftig wieder zu benutzen, anstatt für kurze Fahrten das Auto zu wählen.

Anderen Medienberichten zufolge könnte es sogar den Hausärzten des nationalen Gesundheitsdienstes (NHS) erlaubt werden, gegebenenfalls Radfahren als Erholungs- und Vorsorgemethode zu „verschreiben“. Ein Programm, bei dem die Praxen kostenlos Fahrräder zum Ausleihen anbieten, wird derzeit in einigen Gebieten Englands erprobt, in denen die öffentliche Gesundheit als überdurchschnittlich schlecht gilt.

Wird COVID-19 zum Triumph des Fahrrads?

Ausgangssperren haben den Verkehr in vielen Städten in den vergangenen Wochen lahmgelegt. Diese nutzen die Gelegenheit, die Revolution des Fahrrads voranzutreiben und Autos aus ihren Innenstädten zu verbannen. Ein Vergleich zwischen Paris, Brüssel und Berlin.

Das neu vorgestellte Paket umfasst des Weiteren einen mehrere Millionen Pfund schweren Plan zum Bau besonders sicherer Fahrradrouten in Städten und Gemeinden – zwölf davon erhalten eine „Intensivfinanzierung“ zur Schaffung von extrem verkehrsarmen, „ultra-radfreundlichen“ Gebieten mit dem griffigen Titel „Mini-Holland“.

Auch die Standards für neue Radwege werden geändert, um sicherzustellen, dass die neue Infrastruktur sicherer und qualitativ hochwertiger wird als der aktuelle Bestand im Vereinigten Königreich. Auch entsprechende Änderungen der Straßenverkehrsordnung sind geplant.

Außerdem werden den Kommunalbehörden Mittel für die Schaffung von „Schulstraßen“ – also Straßen, auf denen die Autonutzung während der Schulzeit verboten oder stark eingeschränkt ist – und für die schärfere Verfolgung von Verkehrsdelikten zur Verfügung gestellt.

Abschließend enthält das Paket auch eine Verpflichtung für das DfT, bis Ende 2020 ein nationales E-Bike-Programm einzuführen. Im Rahmen dieses Programms werden ältere Menschen und/oder Personen mit Vorerkrankungen, die deren Fitness beeinträchtigen, die Möglichkeit haben, E-Bikes zu ermäßigten Konditionen zu leihen oder zu leasen.

„Kühne Pläne“

Premierminister Johnson bezeichnete das Paket als „die bisher größten und kühnsten Pläne der Konservativen Partei zur Förderung des aktiven Verkehrs“. Sein übergreifendes Ziel sei es, sicherzustellen, dass „jeder die positiven Auswirkungen des Fahrradverkehrs spüren kann“.

„Wir haben die einmalige Gelegenheit, bei den kommenden Generationen einen Sinneswandel herbeizuführen und mehr Menschen dazu zu bewegen, sich für das Fahrrad oder das Zufußgehen als Teil ihrer täglichen Lebensgewohnheiten zu entscheiden,“ sagte auch Verkehrsminister Grant Shapps.

Coronavirus-Auswirkungen: Bis zu 50 Prozent weniger Luftverschmutzung

Da die Lockdown-Regelungen den Verkehr auf den Straßen stark verringert haben, ist die Luftverschmutzung in einigen EU-Regionen um gut 50 Prozent zurückgegangen.

Zwischen dem Beginn des Lockdowns am 23. März und Mitte April waren die mit Autos zurückgelegten Meilen im Vereinigten Königreich auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen gefallen: Sie sanken in nur einer Woche um 56 Prozent. Ähnliche Trends im Reiseverkehr wurden auch auf dem europäischen Festland dokumentiert, da die Bürgerinnen und Bürger gezwungen waren, von zu Hause aus zu arbeiten, und „nicht-essenzielle“ Unternehmen angewiesen wurden, ihren Betrieb ruhen zu lassen.

Einige nationale Regierungen und lokale Behörden haben in Reaktion darauf ihre Pläne für Fahrradinfrastruktur und Fahrradverleihprogramme ausgebaut, beispielsweise im italienischen Mailand.

Es gab bereits Befürchtungen, dass die Emissionen aus dem Verkehrssektor – der im Vereinigten Königreich die Stromerzeugung schon 2016 überholte und seitdem der Bereich mit den höchsten Emissionen ist – ohne angemessene staatliche Investitionen in Infrastruktur und den öffentlichen Nahverkehr nach dem Lockdown wieder ansteigen würden. Und tatsächlich kam es in der ersten Junihälfte wieder zu einem raschen Anstieg der Emissionen und der Luftverschmutzung, die auf den Straßenverkehr zurückzuführen sind.

Johnsons neue Maßnahmen zielen nun darauf ab, an der als Folge der Pandemie erreichten Reduzierung der Emissionen und der Luftverschmutzung „festzuhalten“.

Weitere Vorteile

Neben der Radwege-Infrastruktur müsse aber auch der öffentliche Nahverkehr gestärkt werden, fordert unter anderem die Gruppe Greener Journeys.

Die Organisation veröffentlichte diese Woche eine Kosten-Nutzen-Analyse von Investitionen in den lokalen Busverkehr nach dem Lockdown. Die in Zusammenarbeit mit KPMG durchgeführte Untersuchung zeigt, wie Investitionen der Regierung in Höhe von zwei Milliarden Pfund jedes Jahr 425 Millionen zusätzliche Busfahrten außerhalb des Großraums London bewirken würden – eine Steigerung von 20 Prozent.

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Jedes einzelne Pfund dieser Investition würde im Gegenzug 4,48 Pfund an weiteren sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Vorteilen bringen, heißt es in der Studie weiter. So würde es vor allem zu Kosteneinsparungen für den NHS und zu Vorteilen in Form von geschütztem „Naturkapital“ kommen.

Das DfT erarbeitet seinerseits derzeit eine nationale Bus-Strategie. Das Paket mit mehreren Richtlinien soll noch vor Ende 2020 veröffentlicht werden.

Außerdem wird die Arbeit an der Roadmap zur „Dekarbonisierung jedes einzelnen Verkehrsträgers“ fortgesetzt.

Dies entspreche auch dem britischen Ziel, bis 2050 „netto null“ Emissionen auszustoßen.

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