Experten besorgt: Zweite COVID-19-Welle könnte im Herbst auf Grippesaison treffen

"Viele Menschen fokussieren sich auf das Thema Reisen, aber in Wirklichkeit stellt das Reisen nicht das größte Risiko dar", betonte Pharris gegenüber EURACTIV. [Shutterstock]

In mehreren europäischen Ländern ist ein Anstieg der Coronavirus-Fälle zu verzeichnen und dennoch brechen Urlauber auf, um den letzten Monat des Sommers zu genießen. Experten sind jedoch eher besorgt über einen möglichen Anstieg der COVID-19-Infektionen im Herbst, wenn eine zweite Welle mit der regulären Grippesaison zusammenfallen könnte.

„Mit der Öffnung der Länder erwarteten wir mehr Übertragungen“, sagte die Expertin des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC), Anastasia Pharris, die die technischen Papiere der Behörde und den Leitfaden zur Gesundheit von Reisenden koordinierte.

Das ECDC mit Sitz in Schweden berät die 27 EU-Mitgliedsstaaten sowie Island, Norwegen, Liechtenstein und das Vereinigte Königreich bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten.

Das europäische Beratungsgremium für Gesundheitsfragen hat sich mit der See- und Flugsicherheit der EU sowie mit Eisenbahnagenturen zusammengetan, um die Verbreitung von COVID-19 in Flugzeugen, Kreuzfahrtschiffen und Zügen vorzubeugen.

Insbesondere in Belgien ist die Infektionsrate stark angestiegen, was die Behörden zu einer Verschärfung der Maßnahmen veranlasst hat. Zuletzt wurden die „sozialen Blasen“ ab nächsten Mittwoch (5. August) von 15 Kontakten pro Person auf 5 pro Haushalt reduziert.

Based on European Centre for Disease Prevention and Control data

 

Die Zunahme der Infektionsfälle in Belgien ist auch international wahrgenommen wurden. Lokale Medien in Norwegen berichteten, dass die Behörden Belgien demnächst auf die „rote“ Länderliste setzen könnten.

Währenddessen führte das Vereinigte Königreich inmitten eines Infektionsanstiegs in Nordspanien Anfang dieser Woche wieder eine zweiwöchige Quarantänepflicht für zurückkehrende Reisende ein. Deutschland folgte diesem Beispiel am Dienstag (28. Juli) und warnte seine Bürger vor Reisen in die stark betroffenen Gebiete des südeuropäischen Landes.

Da der Tourismussektor 15 Prozent des spanischen Bruttoinlandsprodukts ausmacht, hat die Aussicht auf die enormen Verluste bei den Behörden des Landes Besorgnis ausgelöst.

Die Länder der Europäischen Union seien jedoch jetzt besser auf den Kampf gegen das Virus vorbereitet als zu Beginn der Pandemie, stellte Pharris klar. Planung und Tracing hätten sich verbessert, mehr Testmöglichkeiten seien vorhanden und die Krankenhauskapazität sei erweitert worden, so Pharris.

Pflicht-Corona-Tests für Urlaubsrückkehrer rücken näher

Mehrere Bundesländer sprachen sich am Montag für eine Testpflicht von Urlaubs-Rückkehrern aus Risikogebieten aus. Bayern kündigte zudem an drei großen Autobahn-Grenzübergängen sowie an den Hauptbahnhöfen München und Nürnberg zusätzliche Zentren für freiwillige Tests an.

„Viele Menschen fokussieren sich auf das Thema Reisen, aber in Wirklichkeit stellt das Reisen nicht das größte Risiko dar“, betonte Pharris gegenüber EURACTIV.

„Das Risiko liegt im Kontakt zwischen Menschen, der vor, während oder nach der Reise auftreten kann.”

Die Expertin wies darauf hin, dass soziale Distanzierung und persönliche Hygiene die Kernelemente eines sicheren Urlaubs bleiben.

Die Testkapazität der Mitgliedsstaaten, die seit Beginn der Pandemie drastisch zugenommen hat, werde nun auf eine harte Probe gestellt, da Urlauber nach ihrer Rückkehr aus dem Urlaub häufig Tests unterzogen werden müssen.

Mehrere Länder, darunter unter anderem Belgien und Ungarn, führten obligatorische Tests für zurückkehrende Reisende aus bestimmten Orten ein.

Based on European Centre for Disease Prevention and Control data

Experten des ECDC sind jedoch sehr besorgt angesichts der bevorstehenden Grippesaison, die mit einem möglichen Anstieg der COVID-19-Infektionen im Herbst zusammenfallen wird, da die Menschen sich allmählich weniger im Freien aufhalten werden und das Infektionsrisiko  in geschlossenen Räumen höher ist.

„Wir wissen, dass eine schwere Grippesaison jedes Jahr eine sehr große Belastung für die Gesundheitssysteme darstellen kann, und wir können nie vorhersagen, wie die Grippesaison sein wird, sie variiert von Jahr zu Jahr“, räumte Pharris ein.

„Es wird also wichtig sein, dass die Menschen in der Lage sind, sich auf Symptome testen zu lassen und diese auch verstehen: Sind es COVID-Symptome oder könnte es etwas anderes sein?“

Based on European Centre for Disease Prevention and Control data

Pharris zeigte sich dennoch optimistisch in Bezug auf die europäische Zusammenarbeit und betonte, dass der Datenaustausch und das Setzen gemeinsamer Standards trotz der Herausforderungen „phänomenal“ gewesen sei.

Es hat „viel Koordination gegeben, in der meiner Meinung nach wahrscheinlich schwierigsten politischen Situation im Bereich der öffentlichen Gesundheit, mit der die meisten Entscheidungsträger in ihrer Karriere konfrontiert wurden“.

„In einigen anderen Krankheitsgebieten haben wir Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gebraucht, um die Art und Weise, wie wir Dinge messen, oder die Indikatoren, die wir verwenden, zu standardisieren oder zu harmonisieren, und dies geschah bei dem Coronavirus manchmal innerhalb von Tagen bis Wochen.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Britta Weppner]

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