Lebensmittelexperte: Armut und ungesunde Ernährung sind verbunden

Dr. Martin Caraher erklärt, wie Einkommen, Arbeitsbedingungen und Wissen unsere Lebensmittelentscheidungen beeinflussen. [Martin Cathrae/Flickr]

Im Supermarkt fällt auf: Gesündere Lebensmittel sind teurer. In der gesamten westlichen Welt werden dadurch Menschen mit niedrigerem Einkommen zu ungesundem Konsum gezwungen. Ergebnisse sind Übergewicht und andere Gesundheitsprobleme, erklärt der Gesundheitsexperte Dr. Martin Caraher.

Martin Caraher ist Professor für Lebensmittel- und Gesundheitspolitik an der University of London. Er untersucht unter Anderem, wie Regierungen und Firmen sich in diesem Bereich engagieren.

Caraher sprach mit Dave Keating von EURACTIV.

Sie beschäftigen sich mit der Verbindung zwischen Lebensmittel- und Gesundheitspolitik, und insbesondere mit Ernährungsarmut. Inwiefern sind Ihrer Erfahrung nach Lebensmittelauswahl und Gesundheit miteinander verwoben?

Die Lebensmittelauswahl wird massiv durch das Einkommen beeinflusst. Natürlich gibt es auch noch andere Faktoren wie Wissen und Fähigkeiten, die Einfluss haben: Wenn Sie arm sind und nicht kochen können, ist das bereits eine doppelte Bürde. Wenn Sie kochen können, ist Ihr Einkommen aber dennoch das wichtigste Kriterium für Ihre Lebensmittelauswahl.

Mit hohem Einkommen kann man sich gesündere Lebensmittel und mehr frisches Obst und Gemüse leisten. Wir haben Daten darüber, wer zu Hause kocht, analysiert und herausgefunden, dass Einkommen und  Beschäftigungsbedingungen zu den entscheidenden Faktoren gehören.

Wenn Sie in der sogenannten Gig-Economy tätig sind, haben Sie kein festgelegtes Einkommen und Sie wissen oftmals nicht, ob und wann Sie nächste Woche arbeiten. Das macht die Einkaufs- und Essenszubereitungs-Planung schwierig. Es ist auch wichtig, festzuhalten, dass diejenigen Menschen, die unter Lebensmittelarmut oder Ernährungsunsicherheit leiden, oft auch auf andere Art arm sind: Sie sind einkommensschwach, haben kein Wohneigentum, stehen unter Zeitdruck und leiden an Zeitmangel und sie haben begrenzten Zugang zu Ressourcen wie Bildung.

Gerade in wohlhabenden Staaten ist ein Leben in Armut erniedrigend. Es ist aufzehrend: Sie schaffen es diese Woche, Ihre Familie zu ernähren, aber dann müssen Sie sich sofort um nächste Woche sorgen. Wir wissen, dass in solchen Fällen Frauen (Mütter oder andere weibliche Versorger/Betreuungspersonen) häufig zurückstecken, damit die anderen Familien- oder Haushaltsmitglieder essen können.

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Fleisch, Nudeln, Fertigprodukte – was essen die Deutschen gerne? Wie wichtig sind ihnen tiergerechte Haltung und regionale Produkte? Im Ernährungsreport 2016 liefert das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft Antworten – und zeigt, wovon Menschen in Deutschland nur schwer ablassen können.

Welchen Einfluss hat der Arbeitsplatz auf die Lebensmittelwahl? Und wie sieht es mit Restaurants oder Lebensmittelgeschäften aus? Welcher Teil unseres alltäglichen Lebens macht den größten Unterschied? 

In der ehemaligen DDR gab es beispielsweise kostenloses Mittagessen am Arbeitsplatz – und Kinderbetreuung. In vielen europäischen Ländern sieht man heute noch ähnliche Ansätze wie Schulkantinen, über die ein Minimalstandard in der Ernährung geboten und der Druck von den Familien genommen wird.

Mit größeren wirtschaftlichen Einschnitten wird die kostenlose Versorgung mit Nahrung am Arbeitsplatz aber immer unüblicher. Die traurige Ironie dabei ist, dass große Firmen wie Google ihren spezialisierten Mitarbeitern gesundes Catering im Unternehmen bieten. Und diejenigen, die viel eher darauf angewiesen wären, erhalten so etwas an ihrem Arbeitsplatz nicht.

Die Arbeit spielt eine gewichtige Rolle bei unseren Essgewohnheiten – einfach, weil wir so viel Zeit dort verbringen. Auch Supermärkte und Lieferservices werden immer wichtiger, weil unser Leben hektischer, schneller wird und der Zeitdruck zunimmt. Die Lebensmittel, die im Laden verkauft werden, spiegeln so das Leben der Menschen wider: Es gibt mehr Fertiggerichte und vorgekochte Speisen.

Es besteht die Gefahr, dass Essen lediglich zur Nahrungsaufnahme verkommt und seine kulturellen Aspekte verliert, die Menschen zusammenbringen und soziale Aktivitäten fördern.

Sie sind  Mitglied des externen Beratungsgremiums für das EU-Lebensmittelprogramm FOOD. Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit dem Programm und welchen Einfluss des Programms konnten Sie dabei beobachten?

Ich glaube, das ist eine Initiative, von der andere lernen können und die man kopieren sollte. Das FOOD-Programm ermutigt zur Interaktion mit lokalen Restaurants und Cafes. Die Restaurants merken, dass die Nachfrage nach gesundem Essen steigt und das FOOD-Programm unterstützt sie dabei, diese Nachfrage zu befriedigen.

Michael Bloomberg, der frühere Bürgermeister von New York, war vor kurzem in London, um hier neue Büroräume seiner Firma zu eröffnen. Er erklärte, das Gebäude biete Kaffee und die dazugehörige Ausstattung, aber keine Restaurants oder Catering. Er will, dass seine Mitarbeiter mit der lokalen Wirtschaft in Kontakt treten und zur Mittagspause ihren Schreibtisch verlassen. Das ist sicherlich eine gesundheitsfördernde Maßnahme. Auch Essensgutscheine [die im FOOD-Programm ebenfalls unterstützt werden] regen zu solchem Verhalten an. Man schafft mehr Integration zwischen den Arbeitsplätzen und der lokalen Gesellschaft vor Ort.

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Ein Ampelsystem über die Nährwerte und -eigenschaften von Lebensmitteln wurde vor einigen Jahren auf EU-Ebene blockiert. Nun wächst die Unterstützung in Europa.

Wie können Essensgutscheine Einfluss auf die Lebensmittelauswahl der Menschen haben?

Wenn Menschen zum Beispiel sehen, dass Restaurants für die Gutscheine gesundes Essen anbieten, kopieren sie dies möglicherweise auch bei der eigenen Essenszubereitung zu Hause und wenn sie woanders essen gehen. Gesundes Catering ist heute nicht teurer als konventionelles Kantinenessen, und tatsächlich kann man sogar wirtschaftliche Vorteile erzielen, wenn man gesünderes Essen anbietet. Das kann ganz konkret bei den Gerichten geschehen: Wenn zum Beispiel der Fleischanteil reduziert wird und dafür mehr Beilagen-Gemüse auf dem Teller ist.

Wenn Sie die EU-Politik ändern könnten, um gesündere Ernährung zu fördern, welche Änderung würden Sie vornehmen?

Ich würde Arbeitgeber und Nationalregierungen dazu aufrufen, das Essen bei der Arbeit zu fördern, zum Beispiel mit Essensgutscheinen, und eine Verbindung zwischen dem Arbeitsplatz und den Restaurants und anderen Essgelegenheiten in der nahen Umgebung zu schaffen. Wenn man die Möglichkeit auf ein (kostenloses oder subventioniertes) Mittagessen bietet, hat das eindeutig positive Auswirkungen auf die Gesundheit – und natürlich auch auf die Lebensmittel-Budgets der Familien.