Özdemir: Brüssel soll durchgehenden Weizenanbau ermöglichen

Mit seiner Forderung, die anvisierte Regelung zunächst auf Eis zu legen, reagiert Özdemir nach eigenen Angaben auf die angespannte Lage auf den globalen Getreidemärkten. [SHUTTERSTOCK]

Bundesagrarminister Cem Özdemir setzt sich bei der EU-Kommission dafür ein, dass eine neue Regelung zum Fruchtwechsel verschoben wird, damit Landwirt:innen angesichts des Ukraine-Kriegs mehr Weizen anbauen können.

Er habe sich mit der Bitte an die Europäische Kommission gewandt, dass die Regeln zum Fruchtwechsel, die im Rahmen der reformierten Gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP) eigentlich ab 2023 gelten sollen, erst ein Jahr später in Kraft treten sollen, so der Grünen-Minister am Mittwoch (11. Mai)  in einer Erklärung.

Konkret sieht die Regelung zum Fruchtwechsel vor, dass Landwirt:innen auf derselben Ackerfläche nicht zwei Jahre infolge die gleiche Hauptkultur anbauen dürfen. Nachdem auf einem Feld in einem Jahr beispielsweise Winterweizen stand, müsste im Folgejahr dann stattdessen Mais, Raps oder ähnliches angebaut werden.

Mit seiner Forderung, die anvisierte Regelung zunächst auf Eis zu legen, reagiert Özdemir nach eigenen Angaben auf die angespannte Lage auf den globalen Getreidemärkten.

“Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die Auswirkungen auf die weltweite Ernährungssicherung bereiten uns allen Sorgen”, sagte er. “Ich setze mich deshalb in Brüssel dafür ein, dass die neue Regelung zum Fruchtwechsel verschoben wird, damit unsere Bauern mehr Weizen produzieren können.”

Andernfalls könne bereits diesen Herbst auf vielen Feldern kein Weizen mehr angebaut werden, fügte er hinzu.

Arbeit der Landwirt:innen erleichtern

Deutschland ist selbst nicht von ukrainischen oder russischen Getreideexporten abhängig, ist aber ein wichtiger Weizenlieferant auf den Weltmärkten, mit einem Marktanteil von knapp 5 Prozent in 2020. 

Aus Sicht des Bundeslandwirtschaftsministers stellt der Aufschub der Fruchtfolgeregeln eine bessere Alternative zur Steigerung der Getreideproduktion dar als die Freigabe von Brachen und anderer geschützter Flächen für die landwirtschaftliche Nutzung.

Letzteres hatte die EU-Kommission den Mitgliedstaaten vor wenigen Wochen in einem Papier zur Ernährungssicherheit nahegelegt, Deutschland hatte sich jedoch entschieden, die geschützten Flächen lediglich für die Futternutzung freizugeben.

Die Regelung zur Fruchtfolge ist als “GLÖZ 7-Standard” in der reformierten EU-Agrarpolitik Teil der sogenannten Konditionalität, also jener Mindestanforderungen, die Landwirt:innen erfüllen müssen, um die GAP-Direktzahlungen überhaupt zu erhalten.

Ein Aufschub der Regelung bis 2024 würde “die laufenden Anbauplanungen der Landwirte und die Abwicklung der EU-Agrarförderung im Jahr 2023 erheblich erleichtern, ohne dass damit nennenswerte negative Auswirkungen auf Klimaschutz oder Biodiversität verbunden wären”, argumentierte Özdemir.

Letzteres sehen jedoch nicht alle so.

“Das ist ein völlig unpassender Vorschlag”, sagte Celia Nyssens vom Europäischen Umweltbüro (EEB) gegenüber EURACTIV. “Fruchtwechsel sind essenziell für den Pflanzenschutz und den Bodenschutz, dies wird also negative Auswirkungen haben.”

Auch angesichts zunehmender Wetterextreme seien diverse Fruchtfolgen “eine der wichtigsten Maßnahmen, um Resilienz aufzubauen.”

Unbeabsichtigte Nebeneffekte

Statt angesichts des Kriegs in der Ukraine zur versuchen, die Produktion hochzufahren, sei es wichtiger, auf der Nachfrageseite den bezahlbaren Zugang zu Lebensmitteln sicherzustellen und die Nutzung von Getreide für andere Zwecke als die menschliche Ernährung zu begrenzen, so Nyssens.

Während der Aufschub der Fruchtfolgeregelung tatsächlich zu einer etwas höheren Weizenproduktion führen könnte, sei es insgesamt erfolgversprechender, bei der Verwendung von Getreide anzusetzen und über Maßnahmen zur Begrenzung des Verbrauchs von Biokraftstoffen und Futter nachzudenken, sagte auch der Agrarökonom Sebastian Lakner.

Der Wissenschaftler wies außerdem darauf hin, dass die zeitweise Lockerung der Regel einen Nebeneffekt haben und beispielsweise Erleichterungen für Betriebe mit engen Maisfruchtfolgen, die also Mais mehrmals hintereinander anbauen, zur Nutzung als Futtermittel oder für Bioenergie schaffen könnte.

Bisher seien es nämlich vor allem Produzenten mit einem Fokus hierauf, die sich mit den Anforderungen zum Fruchtwechsel schwertäten und gerne mehrmals hintereinander Mais anbauen würden.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) begrüßte derweil den Vorstoß. „Wir wollen weiter im bisherigen Umfang Brotweizen anbauen können”, sagte DBV-Präsident Joachim Rukwied.

Alleine reiche die Maßnahme jedoch nicht aus und könne nur ein erster Schritt sein. “Wir erwarten jetzt Vorschläge aus Brüssel und Berlin, wie die Ernährungskrise gelöst werden kann”, so Rukwied.

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