Belarus-Embargo bringt Schub für Düngemittel-Produktion in Deutschland

Abbau von Kaliumsalzen in der Verhnekamskoe-Lagerstätte, Russland. [Shutterstock]

Dieser Artikel ist Teil des special reports Ernährungssouveränität im Zeichen des Ukrainekriegs

Während die EU die Einfuhr von Kali, einem wichtigen Mineraldünger, aus Belarus im Rahmen der Sanktionen verboten hat, sind in Ostdeutschland Probebohrungen für weitere Kalibergwerke vielversprechend.

Das Embargo für Mineraldünger aus Belarus, woher bisher rund ein Drittel der Kaliimporte der EU kamen, wurde Anfang März im Rahmen eines EU Sanktions-Pakets verhängt. Die Sanktionen gegen Minsk wurden mit der Unterstützung Russlands bei seinem militärischen Angriff auf die Ukraine begründet.

Obwohl Deutschland mit einem Anteil von neun Prozent der viertgrößte Kaliproduzent der Welt ist, ist Europa auf die Einfuhr von Mineraldünger angewiesen. Wegen des Embargos werden deshalb massive Preissteigerungen erwartet.

Doch während die Sanktionen die Landwirt:innen weiter belasten, profitieren heimische Düngemittelproduzenten von der erwarteten Kali-Knappheit und den damit verbundenen steigenden Preisen.

Der Großteil des deutschen Mineraldüngers wird im Osten abgebaut. An Weser und Werra hat die Kaliproduktion bereits eine lange Tradition.

Deutsche Hersteller profitieren

Der Hauptproduzent der Region, K+S, ist ein weltweit führender Hersteller von Kali für die Landwirtschaft. Für das Unternehmen, das mehrheitlich dem Chemieriesen BASF gehört, bedeuten die Sanktionen gegen Belarus gute Geschäftsaussichten.

In den vergangenen Monaten hat das Unternehmen seine Gewinnprognose aufgrund steigender Preise mehrfach nach oben korrigiert – zuletzt im Rahmen seines Anfang des Monats (10. März) vorgelegten Jahresberichts. Es erwartet trotz steigender Energiekosten sein bestes Jahresergebnis aller Zeiten.

„Unsere Leistung wurde durch eine sehr positive Marktentwicklung während des gesamten Jahres begünstigt“, sagte Vorstandsvorsitzender Burkhard Lohr bei der Vorstellung des Berichts- Die hohe Nachfrage habe zu einem „deutlichen Anstieg“ der Kalipreise geführt.

Bereits im Juni waren als Reaktion auf die erzwungene Landung eines Ryanair-Fluges in Minsk, die zur Inhaftierung des Oppositionsaktivisten Roman Protasewitsch und seiner Freundin Sofia Sapega führte, Wirtschaftssanktionen gegen Kali-Einfuhren aus Belarus verhängt worden.

Auch für 2022 rechnet das Unternehmen mit einer insgesamt „sehr guten Nachfrage“ nach Kali, erklärte Lohr, zumal ein Anstieg des weltweiten Angebots angesichts der Sanktionen gegen Belarus und Russland „unwahrscheinlich“ sei.

Bisher, so Lohr, sei K+S in der Lage gewesen, die steigende Nachfrage zu befriedigen. Auf Nachfrage von EURACTIV Deutschland sagte auch eine Sprecherin des Agrarministeriums, Deutschland habe „genügend Ressourcen, um nicht von belarussischen Importen abhängig zu sein“.

Produktionssteigerung

Bisher liefert die deutsche Produktion nach Angaben der EU-Statistikbehörde Eurostat etwa die Hälfte des in der EU verbrauchten Kalis. Um die weggefallenen Importe aus Belarus und Russland auszugleichen, müsste die Fördermenge jedoch erheblich gesteigert werden.

Das Potenzial, die steigende Nachfrage nach deutschem Kali zu befriedigen, ist nicht unbemerkt geblieben. Nachdem K+S den Bergbau in der Region lange Zeit dominiert hat, hat nun ein neuer australischer Investor mit Probebohrungen im thüringischen Südharz begonnen.

Das australische Unternehmen Davenport Resources hat sich Abbau- und Bohrlizenzen für Kalilagerstätten in der Region gesichert, die Schätzungen zufolge mehr als fünf Milliarden Tonnen Rohsalz bergen. Nach Angaben des Unternehmens haben die ersten Probebohrungen Anfang dieses Jahres vielversprechende Ergebnisse geliefert.

Regierungen und Zivilgesellschaft in den Bergbauregionen stehen einer möglichen Ausweitung der Kaliproduktion jedoch mit gemischten Gefühlen gegenüber. Während die Region wirtschaftlich profitieren würde, könnte ein verstärkter Abbau zu Umweltproblemen wie der Versalzung der nahegelegenen Flüsse führen.

„Im Falle eines positiven Ergebnisses der Probebohrungen (…) und unter der Voraussetzung, dass der potenzielle Abbau und die Produktion von Kali in einer modernen und nachhaltigen Art und Weise erfolgen würde, könnte es ein erhebliches Wertschöpfungspotenzial für die Region geben“, erklärte das Thüringer Wirtschaftsministerium gegenüber EURACTIV Deutschland.

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Umweltfolgen

Auf die Probebohrungen angesprochen, sagte eine Sprecherin der Umweltschutzorganisation BUND, das Unternehmen habe zugesagt, die künftigen Abbauprojekte umweltfreundlich und ohne schädliche Rückstände durchzuführen.

„Aufgrund der bisherigen Erfahrungen bezweifeln wir jedoch, dass diese Versprechen in der Praxis wirklich eingehalten werden können“, fügte sie hinzu.

Die Folgen des Kalibergbaus für die Umwelt in der Region haben bereits zu langjährigen Auseinandersetzungen zwischen den Produzenten und den Umweltschützer:innen geführt. Umweltgruppen werfen K+S insbesondere schädliche Praktiken bei der Abfallentsorgung vor.

Bereits im Herbst haben die Regierungen der betroffenen Länder eine Strategie zur Bekämpfung der Versalzung von Weser und Werra auf den Weg gebracht. Die Strategie verpflichtet K+S, bestimmte Umweltmaßnahmen einzuhalten und Schritte zu unternehmen, um die ökologischen Auswirkungen zu minimieren.

Umweltschützer argumentieren, dass das Ziel darin bestehen sollte, den Einsatz von Mineraldünger in der Landwirtschaft grundsätzlich einzustellen. Anstatt die heimische Kaliproduktion hochzufahren, um fehlende Importe aus Belarus auszugleichen, „ist die aktuelle Krise ein Anlass, die industrielle Landwirtschaft in Deutschland infrage zu stellen“, so die BUND-Sprecherin.

[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/ Alice Taylor]

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