Agrarökologie: Hindernis und Notwendigkeit für die Ernährungssouveränität

Der Krieg in der Ukraine hat jedoch für eine völlige Neuordnung der Lebensmittelversorgung gesorgt, und die Abhängigkeit der europäischen Länder von russisch-ukrainischen Rohstoffen und Energieträgern hat die Prioritäten verlagert. Jetzt muss die europäische Unabhängigkeit, die wiederum die Ernährungssicherheit gewährleistet, die Oberhand gewinnen [Smileus]

Dieser Artikel ist Teil des special reports Ernährungssouveränität im Zeichen des Ukrainekriegs

Der Krieg in der Ukraine scheint Europas Umweltambitionen für die Landwirtschaft zumindest vorübergehend und teilweise beiseite geschoben zu haben. Dies könnte jedoch zu Herausforderungen auf dem Weg zu mehr Ernährungssouveränität führen.

Die Europäische Kommission hatte zunächst am Mittwoch, dem 16. März, die Bewirtschaftung von Brachland genehmigt und die Gesetzestexte zur Reduzierung von Pestiziden verschoben. Am vergangenen Donnerstag (24. März) stimmten die Abgeordneten des Europäischen Parlaments zudem über eine Dringlichkeitsentschließung ab, die in die gleiche Richtung geht: Es sei jetzt an der Zeit, die Produktion anzukurbeln, um die Ernährungssicherheit Europas zu gewährleisten.

„Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind rücksichtslos. Es ist dramatisch! Die Gefahr von Hungerrevolten ist noch lange nicht vorbei“, schrieb der Europaabgeordnete Benoît Biteau (Grüne/EFA) nach der Abstimmung im Parlament auf Twitter. Er und seine Partei prangerten die „Instrumentalisierung des Krieges in der Ukraine“ dafür an, der Farm-to-Fork-Strategie ein Ende zu setzen.

Die Kommission hatte die Farm-to-Fork-Strategie im Jahr 2020 vorgeschlagen, und das Europäische Parlament stimmte am darauffolgenden Jahr dafür. Im Hinblick auf die Landwirtschaft zielt der Green Deal darauf ab, den Einsatz von Pestiziden um die Hälfte, den Einsatz von Düngemitteln um 20 Prozent und den Verkauf von antimikrobiellen Mitteln für Nutztiere um 50 Prozent zu senken. Außerdem soll der Ökolandbau bis 2030 ein Viertel der Anbauflächen einnehmen.

Diese ehrgeizigen Ziele spiegeln die zahlreichen Warnungen über die Auswirkungen landwirtschaftlicher Aktivitäten auf die Umwelt wider, sei es in Bezug auf die Böden, die Artenvielfalt in der Natur oder die Auswirkungen von Pestiziden. Nach Angaben des Weltklimarats (IPCC) entfällt ein Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen auf die Lebensmittelindustrie.

Der Krieg in der Ukraine hat jedoch für eine völlige Neuordnung der Lebensmittelversorgung gesorgt, und die Abhängigkeit der europäischen Länder von russisch-ukrainischen Rohstoffen und Energieträgern hat die Prioritäten verlagert. Jetzt muss die europäische Unabhängigkeit, die wiederum die Ernährungssicherheit gewährleistet, die Oberhand gewinnen. Während sich alle einig sind, dass dies notwendig ist, herrscht Uneinigkeit über die Mittel, um dieses Ziel zu erreichen.

Farm-to-Fork: ein Rückgang der Produktion? 

Nach Ansicht der Europäischen Kommission, insbesondere Agrarkommissar Janusz Wojciechowski, der konservativen Europaabgeordneten und der Bauernverbände (wie der FNSEA) könne Europa seine Ernährungssouveränität durch eine Steigerung der Produktion wiederherstellen.

Diese Idee, die seit Beginn des Konflikts mit Nachdruck vertreten worden ist, wurde bereits lange vor der russischen Invasion verteidigt.

Im Jahr 2021 erklärte Anne Sander (EVP), dass die Farm-to-Fork-Strategie drohe, „unsere Ernährungsautonomie und die Zukunft unserer Landwirt:innen zu opfern.“

Nach einer Simulation der Gemeinsamen Forschungsstelle (JRC), dem wissenschaftlichen Dienst der Kommission, würde die Strategie zu einer Reduzierung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse um 10 bis 15 Prozent bei Getreide, Ölsaaten, Rind- und Schweinefleisch führen.

Diese Zahlen wurden vom Ausschuss der berufsständischen landwirtschaftlichen Organisationen in der Europäischen Union (COPA-Cogeca), von der französischen Regierung und sogar von den rechten Präsidentschaftskandidaten in Frankreich angeführt.

Für letztere würde dieser Produktionsrückgang zu einem Anstieg der Importe führen, die auf Kosten der europäischen Landwirt:innen und ihrer Souveränität die einzige Möglichkeit darstellen würden, die Nachfrage der Union zu decken.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums werden die „Prediger der Lebensmittelapokalypse“ für die Behauptung kritisiert, dass die Farm-to-Fork-Strategie die Erträge verringern würde.

„Das ist absolut falsch! Wenn Sie erfolgreiche landwirtschaftliche Produktionsmethoden in der Agrarökologie anwenden, können Sie mindestens genauso viel produzieren“, erklärte der Europaabgeordnete Benoît Biteau während eines von den Grünen/EFA-Abgeordneten organisierten Webinars am vergangenen Mittwoch (22. März).

Ihm zufolge berücksichtigt dieser „sehr partielle und voreingenommene Ansatz der Strategie“ nicht die positiven Wechselwirkungen zwischen Ertrag und biologischer Vielfalt, die die Grundlage der Agrarökologie bilden.

Flächen von ökologischem Interesse wie beispielsweise Brachland, das man ohne Pestizide ruhen lässt, bilden Rückzugsgebiete für die Artenvielfalt. Sie verbessern die Bodenfruchtbarkeit, sammeln viel Wasser und bieten viele langfristige Vorteile für die Landwirtschaft und die Umwelt.

Die in der neuen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) verankerte Verpflichtung, brachliegende Flächen zu erhalten – mindestens vier Prozent für Großbetriebe -, nun angesichts der Krise vorübergehend aufzugeben, ist für die Befürworter der Agrarökologie völlig absurd.

Dies gilt umso mehr, als die Produktivitätssteigerung sehr gering wäre. „Dies entspricht 2 Prozent der französischen Ackerfläche, das heißt einem maximalen Produktionspotenzial von 2,6 Millionen Tonnen Weizen (wahrscheinlich viel weniger, denn die betroffenen Flächen sind weder besonders ertragreich noch leicht zu bewirtschaften). Das liegt weit unter dem notwendigen Produktionsniveau“, erklärte der grüne Europaabgeordnete in einer Pressemitteilung.

Über die Produktivität hinaus ist es ein systemischer Wandel, den die Farm-to-Fork-Strategie herbeiführen will“, betont Biteau. „Ein globaler Ansatz, der auch eine Änderung der Essgewohnheiten, eine Reduzierung der Abfälle und eine Verringerung der Abhängigkeit von Düngemitteln, die mit Gas hergestellt werden, erfordert.“

60 Prozent des Getreides für Tierfutter, nur 20 Prozent für Lebensmittel

Der Einsatz synthetischer Betriebsmittel (Düngemittel, Pestizide), die hauptsächlich importiert werden und deren Herstellung energieaufwändig ist, sowie ausländischer Rohstoffe wie Kali stellt unsere Souveränität in Frage.

Deshalb will Europa mit der Farm-to-Fork-Strategie den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden schrittweise reduzieren und den ökologischen Landbau fördern, der viel weniger landwirtschaftliche Betriebsmittel benötigt.

Allerdings müssen die verbindlichen Rechtstexte, die die Kommission vorlegen soll, noch eingereicht werden. Diese Vorschläge werden wahrscheinlich erst im Sommer präsentiert, was einen Rückschlag für die agrarökologischen Ambitionen darstellt.

Der Europaabgeordnete Jérémy Décercle (Renew Europe), der mit dem Standpunkt der FNSEA weitgehend übereinstimmt, ist anderer Meinung und hält diese Ziele ohnehin für zu restriktiv. „Wir wollen 25 Prozent Bio, aber wie sollen wir das erreichen? Österreich hat bereits 25 Prozent. Aber in einigen Ländern liegen wir nur bei 2 oder 3 Prozent“.

Das Gleiche gilt für die Ambitionen, Pestizide zu reduzieren: „Diese Ziele sind nicht präzise genug. Zuallererst sollten Folgen- und Machbarkeitsstudien durchgeführt werden. Wovon reden wir? Und wie gelangen wir dorthin? Was sind die Alternativen?“, sagte er.

Für den Europaabgeordneten bedeutet nachhaltige Souveränität in erster Linie, dass in Europa viel oder mehr produziert werden muss. „Nicht durch Verbote, sondern durch Innovation und Investitionen in die Forschung. Nur so können wir unsere Souveränität sichern und gleichzeitig Umweltaspekte berücksichtigen.“

Ihm zufolge bestehe eine Lösung für die Zukunft in den berühmten neuen Gentechniken, einer Genom-Editierungstechnik für Pflanzen. Die Produktion neuer, an die Ressourcen angepasster Sorten – etwa mit geringerem Wasserverbrauch – wäre ein Weg zu einer profitablen, produktiven und viel saubereren Landwirtschaft.

Für Umweltschützer:innen, die sich gegen Genom-Editierung aussprechen und sie als „neue GVO“ bezeichnen, sei das industrielle Agrarmodell nicht mit der Unabhängigkeit zu vereinbaren und würde unsere Ernährungssicherheit untergraben.

Laut dem deutschen Europaabgeordneten Martin Häusling (Grüne/EFA) werden 60 Prozent des produzierten Getreides als Tierfutter und nur 20 Prozent für die eigentliche Lebensmittelproduktion verwendet. Der Rest dient der Herstellung von Biokraftstoffen.

Für ihn und seine Kollegen ist das absurd angesichts der drohenden Weizenknappheit in Europa und sogar auf der ganzen Welt. „Die Menschen müssen Brot essen. Mit Fleisch werden wir die Welt nicht ernähren können“, sagte Häusling.

Die Farm-to-Fork-Strategie zielt darauf ab, dem Horten von Getreide durch Tierzuchtbetriebe ein Ende zu setzen. Durch die Umsetzung von „Maßnahmen zur Reduzierung des übermäßigen Fleischkonsums“ sollen die Länder drastisch ihren Bedarf an Getreide und ihre Abhängigkeit von pflanzlichen Proteinen verringern.

Die Kommission bemüht sich, dafür zu sorgen, „dass die Gesamtproduktivität der EU-Landwirtschaft bei der Umsetzung der notwendigen Umstellungen, die in der Farm-to-Fork-Strategie und in der Strategie zur Erhaltung der biologischen Vielfalt definiert sind, nicht beeinträchtigt wird“. Aber die derzeitige Dynamik geht einher mit einer Abkehr von den agrarökologischen Ambitionen der EU – zumindest im Moment.

Für Häusling wird die Landwirtschaft mit der Ablehnung der Farm-to-Fork-Strategie und der Verlangsamung der Pestizidgesetzgebung „die Nahrungsmittelkrise weiter verschärfen und daher nicht in der Lage sein, die Klima- und Biodiversitätsziele zu erreichen.“

[Bearbeitet von Alice Taylor]

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