Kultur und Krise

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"Wirtschaft und Politik befinden sich in der Krise – die Kultur jedoch ganz sicher nicht", erklären der Kulturminister Dänemarks und die EU-Kommissarin für Bildung, Kultur, Mehrsprachigkeit und Jugend. Foto: dpa

Standpunkt von Uffe Elbæk und Androulla VassiliouWarum uns Kultur und Kunst einen Weg aus der Krise zeigen können, erklären Uffe Elbæk, Kulturminister Dänemarks, und Androulla Vassiliou, EU-Kommissarin für Bildung, Kultur, Mehrsprachigkeit und Jugend in einem Standpunkt auf EURACTIV.

Wenn sich auch die Schwere der derzeitigen Krise nicht verleugnen lässt, so gibt es in Europa doch ganz eindeutig zahlreiche Gründe für Optimismus und Hoffnung. Als Europäer sollten wir den kulturellen Sektor nun als Reservoir für Hoffnung, Ideen und neues wirtschaftliches Wachstum wahrnehmen, das uns aus der Krise führen kann.

Erfolg und Lebensqualität im künftigen Europa sind nur so gut wie die Ideen, die wir für sein Wachstum entwickeln. Wir alle müssen Fähigkeiten ausbauen, über die Kunstschaffende bereits verfügen – aus weniger mehr zu machen und frische neue Perspektiven sowie aufregende innovative Verbindungen zu erkunden. Kunst ist viel mehr als nur ein schmückendes Beiwerk. Sie ist auch eine Denkart und steht für ein innovatives Arbeiten mit der Realität, das uns alle zur besseren Nutzung unseres Potenzials inspirieren kann.

Wirtschaft und Politik befinden sich in der Krise – die Kultur jedoch ganz sicher nicht. Europäische Städte gehören derzeit zu den kreativsten und dynamischsten der Welt. Metropolen wie London, Mailand, Paris, Amsterdam, Berlin und Kopenhagen sind wichtige kreative Zentren, in denen Hunderttausende in kreativen Wirtschaftsbranchen wie Film, Musik und Kunst, aber auch Computerspiele, Design und Mode arbeiten.  Durch eine breitere Einbeziehung der Kultur in Stadtplanung, Sozialpolitik und Unternehmensentwicklung können wir wirtschaftlich nachhaltigere, attraktivere und lebenswertere Städte schaffen.

In Kopenhagen ist die Kultur- und Kreativwirtschaft laut einer jüngst vom dänischen Think-tank FORA durchgeführten Erhebung die größte Branche der Stadt und bietet mindestens 70 000 Menschen Beschäftigung entweder direkt an kreativen Arbeitsplätzen oder in Wirtschaftszweigen wie dem Modeeinzelhandel, die von den Innovationen der Kultur- und Kreativwirtschaft profitieren. Im Jahr 2008 waren 21 Prozent der Unternehmensneugründungen in Dänemark auf die kreative Wertschöpfung ausgerichtet. In der Europäischen Union entfallen auf die Kultur- und Kreativwirtschaft mindestens 3,3 Prozent der Wirtschaftsleistung und je nach Messverfahren sogar bis zu 4,5 Prozent. Darüber hinaus verzeichnet die Kultur- und Kreativwirtschaft auch ein schnelleres Beschäftigungswachstum als andere Branchen: 3,5 Prozent jährlich im Verhältnis zu einem Beschäftigungswachstum von insgesamt 1 Prozent.

Förderprogramm "Kreatives Europa"

Der Vorschlag der Europäischen Kommission für ein neues Förderprogramm – "Kreatives Europa" – zielt ausdrücklich darauf ab, Kunst- und Kulturschaffende in ganz Europa zu unterstützen. Wir fordern alle Politiker auf, sich für Initiativen einzusetzen, mit denen die Kunst aus ihrem Ghetto geholt werden kann und Kunst sowie kreatives Schaffen und kulturelle Aktivität Einbeziehung in die breite Gesellschaft finden. Wir stehen in der Tat vor zwei Aufgaben: Zum einen müssen wir die Gesellschaft dazu ermutigen, von den Kunstschaffenden und kreativen Innovatoren zu lernen, und zum anderen sollten Künstlerinnen und Künstler dabei unterstützt werden, bei der Verbreitung ihrer Arbeiten und Ideen unternehmerische Praktiken zu nutzen.

Wir müssen wahrhaftige und dauerhafte Verbindungen zwischen der Kunstgemeinschaft, der Kultur- und Kreativwirtschaft und anderen Sektoren, wie Bildung, Handel, Produktion und Forschung, aber auch Außenpolitik und Entwicklungsarbeit schaffen. Allein durch die Anregung neuer Verknüpfungen ist schon viel zu gewinnen, und mit dieser Strategie kann ein immenses Wachstum erzielt werden, ohne dass größere Finanzinvestitionen nötig wären.

Die Kunstschaffenden und kreativen Innovatoren sind ihrerseits gefordert, sich des eigenen Potenzials bewusst zu werden und ihre Autorität zu behaupten. Sie müssen noch einmal die Bühne betreten und in der Geschichte der Gesellschaft über sich selbst die Hauptrolle spielen. Wir Politiker müssen unsere Fähigkeit verbessern, den Kunstschaffenden zuzuhören und ihre Sprache zu lernen, aber auch ihnen sollte es besser gelingen, den Rest der Gesellschaft anzusprechen.

Perspektiven und Hoffnung vermitteln

Uns geht es nicht darum, die Kunstschaffenden dazu zu überreden, ihre künstlerische Integrität dem Wachstum zu opfern. Im Gegenteil, für uns ist es wichtig, dass sie genau damit weitermachen, was sie bereits jetzt tun – als Kunstschaffende haben sie die außerordentliche Befähigung, auf das Chaos der Welt zu blicken und Perspektiven und Hoffnung zu vermitteln.

Wir müssen die Krise zwar als solche annehmen, uns aber auch bewusst werden, was sie außerdem noch sein kann: eine hervorragende Gelegenheit, unsere europäische Gemeinschaft neu auszurichten und uns auf eine noch nicht dagewesene, bessere Weise neu zu erfinden. Wir konnten bereits beobachten, wie junge Künstlerinnen und Künstler im arabischen Frühling 2011 eine entscheidende Rolle spielten. Die nächste Generation europäischer Künstlerinnen und Künstler trägt zwar eine große Verantwortung, ihr bietet sich gleichzeitig aber auch eine große Chance – sie sollte sie nutzen und Mut zeigen! Frei nach Hillary Clinton:  "Verschwenden Sie niemals eine Krise – selbst wenn es eine schlechte ist."

Anmerkung: Am 27. und 28. Februar wird der Kulturminister Dänemarks im Rahmen des dänischen EU-Vorsitzes die europäische Taskforce "Team Culture 2012" einsetzen. Zwölf kreative Denker und denkende Kreative werden ein Manifest zur Rolle von Kunst und Kultur in Krisenzeiten verfassen und anschließend Europa auf der Suche nach dynamischen Beispielen aus dem Kulturbereich bereisen. Die Ergebnisse dieser Reise sollen auf einer groß angelegten Follow-up-Konferenz vorgestellt werden, die im Juni europäische Entscheidungsträger in Brüssel zusammenbringen wird.

Eine ausführliche Fassung dieses Artikels finden Sie Leitet Herunterladen der Datei einhier.

Links

EURACTIV Brüssel: Why culture and the arts can show us a way out of the crisis (23. Februar 2012)

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