Europa – Im Saarland lebt die Vision weiter

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Einst umkämpft, heute Symbol europäischer Aussöhnung - die Saarregion. Foto: Andreas Agne / pixelio.de

Standpunkt von Hanno Thewes, Europa-Union SaarVor 50 Jahren wurde das Saarland wirtschaftlich in die Bundesrepublik eingegliedert. Hanno Thewes, Landesvorsitzender der Europa-Union Saar, erklärt für EURACTIV.de, wie am Ende eines Sonderweges das „europäischste aller Bundesländer“ entstand.

" /Das Saarland ist das europäischste aller Bundesländer. Diese Feststellung wird jeder nur unterstreichen, der das kleinste der Flächenländer besucht hat. Nirgendwo ist deutsch-französische und europäische Geschichte präsenter als hier. Die saarländische Ausrichtung nach Europa ist naheliegend: Die Grenze zu den Nachbarn nach Lothringen und Luxemburg ist das eine, die zentrale Lage zwischen den Ballungsräumen Frankfurt, Köln, Brüssel, Paris und Straßburg das andere. Aber es sind besonders die historisch-politische Fakten, die das Saarland einmalig in Europa machen. Daran erinnert man sich gerade in diesem Juli: am 6. Juli 1959 also vor 50 Jahren wurde das Saarland wirtschaftlich an die Bundesrepublik angegliedert.

‚Innerdeutsche Grenzen‘

Die politische Geburtsstunde als Bundesland war der 1. Januar 1957. Über anderthalb Jahre war das damals jüngste Bundesland noch Teil des französischen Zollraumes und hatte eine eigene Währung. Die wirtschaftliche Grenze verlief also innerhalb Deutschlands an der Grenze zu Rheinland-Pfalz. Erst mit dem Tag X am 6. Juli wurde die Grenze in Richtung Lothringen verschoben. Damit wurde auch eine kleine Währungsunion vorgenommen: als 1990 die D-Mark in der DDR eingeführt wurde, war das Kuriosum der saarländischen Geschichte plötzlich wieder von großem Interesse für die damalige Bonner Regierung, die nach historischen Blaupausen für die Währungsunion suchte.

Blutgetränkte Vergangenheit

Der saarländische Sonderweg endete also 1959. Um diese besondere historische Situation zu verstehen muss man weiter zurück blicken: Entstanden ist das Land nach dem ersten Weltkrieg, dessen blutgetränkter Verlauf an den Spicherer Höhen unweit von Saarbrücken noch heute an den Mahnmalen der Vergangenheit spürbar ist. 1919 wurde das so genannte "Saargebiet" aus dem damaligen deutschen Reich ausgegliedert und unter Verwaltung des Völkerbundes, der Vorläuferorganisation der UNO, gestellt. Ein ähnliches Schicksal dann nach dem zweiten Weltkrieg: Das Saarland wurde wirtschaftlich und außenpolitisch an Frankreich gekoppelt, hatte jedoch einen autonomen Status mit eigenem Parlament, eigener Regierung und eigener Verfassung. Diese setzte auf ein autonomes Saarland.

 Vision eines ‚europäischen Territoriums‘
an der Saar

In der politischen Landschaft nach dem zweiten Weltkrieg war dies von hoher weltpolitischer Brisanz. Nach der Teilung Deutschland wurde die Saarfrage zu einer Belastung für das deutsch-französische Verhältnis und gegenüber den anderen Westmächten. Hier konnte das kleine Land einen entscheidenden Beitrag zur deutsch-französischen Aussöhnung leisten. Im Vertrag von Luxemburg wurde zwischen den ehemaligen "Erzfeinden" eine versöhnliche Lösung für die "Saarfrage" gefunden: Das Saarland sollte ein "europäisches Statut" bekommen und somit das erste europäische Territorium im aufkeimenden geeinten Europa werden. Die Bevölkerung sollte 1955 über dieses Statut abstimmen. 

Ein Drittel für europäisches Statut

Doch die Zeit war für eine europäische Lösung  noch nicht reif: Mit der Ablehnung der damals geplanten Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) durch die französische Nationalversammlung fanden die europäischen Visionen ein vorläufiges Ende. Die Saarländer stimmten mit über 65 Prozent für die Eingliederung in die Bundesrepublik. Aber immerhin ein Drittel der Wähler stimmte für das europäische Statut. Eine beachtliche Zahl, wenn man bedenkt, dass die EWG erst später 1957 in Rom gegründet wurde und Europa langsam begann.

Enge Bande nach zwei Weltkriegen

Das Saarland war sich auch nach der Rückgliederung immer des speziellen europäischen Auftrages bewusst. Ende der 60er Jahren entstand die interregionale Zusammenarbeit im SaarLorLux-Raum, die von Frankreich gegründete Universität bildet seit eh und je einen ausgeprägten Europaschwerpunkt, in Saarbrücken gibt es eine französischen Handelskammer und deutsch-französische Schulen, hier haben französische Unternehmen wie Peugeot ihre Deutschlandzentrale. Saarbrücken ist auch Sitz des Generalsekretariats der deutsch-französischen Hochschule. Das erste eigenständige Europaministerium wurde vor 25 Jahren etabliert.

Keine Angst vor Europa

Die Zusammenarbeit über die Grenze nach Lothringen und Luxemburg ist heute eine Selbstverständlichkeit. Hier profitiert das Saarland von den Fortschritten der Europäischen Integration: Freie Grenzen dank Schengen (das an der saarländisch-luxemburgischen Mosel liegt) und die wirtschaftliche Volatilität dank einheitlicher Währung haben die Region voran gebracht. Angst vor Europa ist im Saarland kein Thema. Die Grenzöffnungen wurde hier positiv gesehen, weil endlich lästige Barrieren fielen.

Hoffnung auf starke Regionen

Keine Frage: Mit der endgültigen Rückgliederung 1959 ist der saarländische Sonderweg beendet worden. Das zehnte deutsche Bundesland hat sich voll in die Bundesrepublik integriert. Trotzdem bleibt das Saarland das europäischste aller Bundesländer auch in Zukunft. Die Saarländer hoffen auf eine Stärkung der Regionen in Europa. Wenn in Deutschland von Länderneugliederungen die Rede ist, dann denkt man im Saarland nicht nur in den Grenzen der Republik sondern blickt weiter: Warum nicht noch enger mit Lothringen und Luxemburg zusammenarbeiten? Die Vision einer europäischen Saar, sie lebt weiter.

Zur Person

Dr. Hanno Thewes ist Landesvorsitzender der Europa-Union Saar
und Präsident der Europäischen Bewegung Saarland.

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