Schulen sollten mehr technische Bildung vermitteln

Was verbirgt sich hinter dem Start-und Stop-Knopf? Britische und französische Jugendliche sind darauf besser vorbereitet als deutsche. Foto: dpa

In wenigen Jahren dürften allein in Deutschland 240.000 Ingenieure fehlen. Die Industrie sorgt sich um das Defizit der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) im deutschen Schulsystem. Mehr „Technikmündigkeit“ könnte die Einstellung zu neuen Technologien fördern und den Innovationsstandort Deutschland stärken, schreibt Bayer-Vorstand Wolfgang Plischke in einem Standpunkt für EURACTIV.de.

Der Autor
 

" /Prof. Dr. Wolfgang Plischke (61) ist seit 2006 im Vorstand der Bayer AG verantwortlich für Innovation, Technologie und Nachhaltigkeit. Plischke ist darüber hinaus Vizepräsident des European Chemical Industry Council (CEFIC) sowie Vorsitzender des “Research and Innovation” Programms der CEFIC. Nähere Informationen finden Sie hier.

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Technik prägt unser Leben: Ob bei der Arbeit oder beim Sport, im Haushalt oder auf Reisen, überall profitieren wir wie selbstverständlich von den neuesten Errungenschaften des technologischen Fortschritts. In Deutschland kommt hinzu, dass Technik nicht nur konsumiert, sondern auch führend mit entwickelt wird – vor allem darauf beruht unser Wohlstand. Und in Zukunft wird Technik noch wichtiger. Denn die anstehenden Herausforderungen – sei es die Ernährung der Weltbevölkerung, die Bekämpfung vieler Krankheiten oder der Schutz der Umwelt und des Klimas – werden ohne neue Technologien kaum zu bewältigen sein.

Nur punktuelle Fortschritte

In vielen Ländern findet die Bedeutung von Technik auch in den Lehrplänen der Schulen einen Niederschlag. Aber ausgerechnet am Technologiestandort Deutschland ist das nur in unzureichendem Maße der Fall. Denn trotz punktueller Fortschritte – wie etwa der Einführung des Fachs "Naturwissenschaft und Technik" in Baden-Württemberg – fehlt es hierzulande an einem systematischen, flächendeckenden Lehrangebot, das so etwas wie technische Allgemeinbildung vermitteln würde.

Bei den 12- bis 14-Jährigen macht Technik in Deutschland im Schnitt nur drei Prozent der Unterrichtszeit aus. In Frankreich sind es sechs, in England zwölf Prozent.

Dabei ist die Fähigkeit, Technik zu verstehen und zu nutzen und an der Diskussion über neue Technologien teilhaben zu können, für mündige Bürger heute ebenso wichtig wie ein solides Verständnis von Politik und Wirtschaft. Die aktuelle Debatte über die Energiewende ist hier nur ein Beispiel von vielen.

Mehr Technikmündigkeit statt Technikmüdigkeit

Mehr technisches Wissen kann auch dazu beitragen, das diffuse, häufig auf Vorurteilen beruhende Unbehagen abzubauen, das technologischen Innovationen bisweilen entgegengebracht wird – auch in Deutschland.

Mehr "Technikmündigkeit" könnte daher zu einer faktenbasierten Einstellung zu neuen Technologien beitragen und damit auch den Innovationsstandort Deutschland stärken.

Außerdem ermöglicht Technikunterricht den Schülern, technische Fähigkeiten zu entdecken und Freude daran zu entwickeln. Auf dieser Grundlage wäre zu erwarten, dass sich mehr junge Leute für einen technisch-naturwissenschaftlichen Berufsweg entscheiden.

So wäre auch dem viel diskutierten Fachkräftemangel ein Stück weit zu begegnen, der sich Prognosen zufolge in den kommenden Jahren verschärfen wird: Bis 2020 werden voraussichtlich rund 240.000 Ingenieure in Deutschland fehlen.

Die Wirtschaft unternimmt bereits große Anstrengungen, Kinder und Jugendliche für Naturwissenschaften und Technik zu begeistern. Bayer betreibt allein in Deutschland vier Schülerlabore, und die Bayer Science & Education Foundation unterstützt den naturwissenschaftlichen Unterricht im Umfeld der Bayer-Standorte mit jährlich rund 500.000 Euro.

Solche Initiativen leisten einen wertvollen Beitrag zur Minderung des Technikdefizits im deutschen Schulsystem, sie können aber einen flächendeckenden Ausbau des Technikunterrichts an den allgemeinbildenden Schulen nicht ersetzen. Hier ist die Politik gefordert.

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EURACTIV.de
EU-Projekt an tschechischen Schulen / Bildung: Wie Technik wieder "cool" wird (31. Mai 2010)

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