Lehrer brauchen mehr digitale Kompetenz

Die Computerausstattung in Schulen variiert zwischen den Mitgliedsstaaten. Nachholbedarf besteht jedoch vor Allem bei der Ausbildung der digitalen Fachkräfte von morgen. Foto: Dieter Schütz / pixelio.de

Europas Lehrer müssen laut EU-Kommission besser im Umgang mit digitalen Medien geschult werden. Nur so könnten sie ihren Schülern die nötigen Kompetenzen für die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts vermitteln. Trotz Verbesserungen in den letzten Jahren herrscht bei der „digitalen Kompetenz“ eine große Kluft zwischen den Mitgliedsstaaten.

Europas Lehrer sind noch nicht fit genug, um ihre Schüler in Sachen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) ausreichend zu unterweisen. Zu diesem Ergebnis kommt die EU-Kommission nach Auswertung der dritten europaweiten IKT-Erhebung in Schulen.

Während sich die Anzahl der Computer in den Schulen seit 2006 verdoppelt hat, Einstellung und Motivation stimmen und die meisten Schulen mittlerweile über eine Internetanbindung verfügen, weisen die "digitalen Kompetenzen" noch ein sehr durchwachsenes Niveau auf. Zwischen den Mitgliedsstaaten gibt es zum Teil auch erhebliche Schwankungen bei IKT-Ausstattung und -Ausbildung

Neelie Kroes, für die Digitale Agenda zuständige EU-Kommissarin, erklärte: "IKT-Kompetenzen und ?Ausbildung müssen allen Schülern und Lehrkräften offenstehen, nicht nur einigen wenigen Privilegierten. Junge Menschen sollten von Anfang an in der Schule mit IKT in Kontakt kommen, und wir brauchen Lehrer, die mit der Materie so vertraut sind, dass sie diese Kompetenzen weitergeben können."

Die Studie wurde vom European Schoolnet und der Universität Lüttich im Schuljahr 2011-2012 in 31 europäischen Ländern durchgeführt. Die Ergebnisse aus Norwegen, der Türkei und Kroatien gingen nicht in die Durchschnitttsbewertung der EU27 ein.

Deutschland, die Niederlande, Island und das Vereinigte Königreich konnten in der Studie ebenfalls nicht berücksichtigt werden, da in diesen Ländern die Antwortquote zu niedrig ausgefallen war.

Unterschiede bei der Ausstattung zwischen den Mitgliedsstaaten

Wie in vielen anderen Bereichen auch, gibt es bei der digitalen Ausstattung von Schulen in Europa ein starkes Nord-Süd-Gefälle. Am besten ausgestattet sind die skandinavischen Länder, hier teilen sich im Schnitt drei bis sechs Schüler einen Computer. In Polen, Italien, Griechenland, Rumänien, Ungarn und der Slowakei fehlen häufig die benötigten Geräte. Hier müssten sich, statistisch gesehen, 12 bis 17 Schüler vor einem Rechner drängen. Positiv unter Südländern sticht Spanien, mit drei Schülern pro Computer hervor.

Im Schnitt 25 bis 35 Prozent der Schüler in den Klassen vier und acht besucht eine digital "gut ausgestattete" Schule mit neuen Geräten, einer schnellen Breitbandverbindung (>10 mbit/s) und einer hohen Konnektivität (eigene Website, Intranet, E-Mail für Schüler und Lehrer, interaktives Lernumfeld). Bei den 16-jährigen steigt der Schnitt auf immerhin 50 Prozent, jedoch habe ein Fünftel der Schüler in weiterführenden Schulen (Klasse elf) noch nie oder fast nie im Unterricht an einem Computer gearbeitet.

Insbesondere in den skandinavischen Ländern werden Tischcomputer zunehmend durch Laptops, Tablets und Netbooks ersetzt, die von zu Hause mitgebracht werden dürfen. In den meisten Ländern dominierten jedoch weiterhin die Stand-PCs.

Hohe IKT-Moral auch bei schlechter Ausstattung

Schullehrer und –Direktoren sehen ungenügende Ausstattung (insbesondere Laptops und interaktive Tafeln) als ein wichtiges Hindernis bei der vermehrten Nutzung von IKT in Schulen.

Mangelnde Ausstattung geht dennoch nicht unbedingt mit mangelndem Interesse gegenüber IKT einher. So würden Bulgarien, Zypern, Ungarn und die Slowakei zu den Ländern mit der intensivsten Computernutzung in ihren Schulen gehören, obwohl deren Ausrüstung verhältnismäßig schlecht ist.

Einstellung und Motivation zu IKT grundsätzlich positiv

Lehrer und Schulleitern stehen dem Einsatz von IKT in den Schulen im Allgemeinen positiv und zuversichtlich gegenüber. Sowohl Lernmotivation und –Erfolg als auch die Entwicklung von höherem und vernetztem Denken werden in engem Zusammenhang mit der IKT-Nutzung gesehen. Nahezu einstimmig wird IKT-gestütztes Lernen als notwendig erachtet, um die Schüler auf ein Leben im 21. Jahrhundert vorzubereiten. Schüler sehen im vermehrten Nutzen von IKT positive Effekte auf die Atmosphäre im Klassenraum und den Lernerfolg.  

Eine offiziell ausgeschriebene Schulpolitik, die IKT-basiertes Lernen zum Ziel hat, führt in den meisten Fällen tatsächlich zu vermehrter IKT-Nutzung im Unterricht.

IKT-Ausbildung durch "learning by doing"

Trotz der allgemein positiven Einstellung gegenüber den IKT, nutzen Lehrer diese größtenteils nur, um ihre Stunden vorzubereiten. Im Unterricht selber kommen digitale Lernmethoden im Schnitt nur einige Male im Monat zum Einsatz. Wesentlich häufiger nutzen Schüler dagegen Lernprogramme, Computersimulationen, Datenverarbeitungssoftware und Co für sich zu Hause. Dementsprechend findet viel informelles IKT-Lernen außerhalb des Klassenzimmers statt. Die Verfasser der Studie sehen einen Trend in Richtung spontanes, selbstbestimmtes Lernen.
 
Auch die Lehrer haben sich einen Großteil ihres IKT-Wissens selbstständig in der Freizeit angelernt. Entsprechende Schulungen sind selten vorgeschrieben und 70 Prozent aller Schüler in der EU werden von Lehrern ohne formelle IKT-Ausbildung unterrichtet. Sowohl bei Lehrern als auch bei Schülern steigen Kompetenz und Motivation bei der Nutzung von digitalen Medien mit zunehmender Anwendungsdauer. Die Autoren verweisen daher auch auf die dringende Wichtigkeit eines IKT-Zugangs bei den Schülern zu Hause.

Auch beim Thema IKT-Ausbildung und Schulung gibt es erhebliche Diskrepanzen zwischen den Mitgliedsstaaten. Allerdings ist in diesem Bereich kein erkennbares geographisches Gefälle, wie bei der Ausstattung, zu erkennen.

Empfehlungen der Kommission

Die Kommission fordert, dass auf eine Verringerung der Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten hingearbeitet wird. Insbesondere in eine einheitliche Lehrerausbildung sollte investiert werden. Auszeichnungen für Lehrer, die sich im IKT-Bereich besonders hervorgetan haben und die Schaffung von IKT-Koordinatorenstellen werden empfohlen. Ein ganzheitliches fachübergreifendes Konzept zur Förderung der  Informations-und Kommunikationstechnologien, dass auch die Förderung völlig neuer Unterrichtskonzepte beinhaltet, wird als nötig erachtet.
     
"Wir müssen mehr in die Entwicklung und Nutzung von IKT in den Schulen investieren. In Europa wird erst dann wieder ein nachhaltiges Wachstum einsetzen, wenn unsere Bildungssysteme hoch qualifizierte IKT-Fachleute und -Arbeitskräfte hervorbringen, die zur Innovation beitragen können und über Unternehmergeist verfügen", so Androulla Vassiliou, EU-Kommissarin für Bildung, Kultur, Mehrsprachigkeit und Jugend.

Kommission: "Radikales Umdenken notwendig"

Die Kommission glaubt, dass ein radikales Umdenken notwendig ist, um die Qualifikationen zu vermitteln, die heutzutage auf dem Arbeitsmarkt benötigt werden. Denn obwohl eine Jugendarbeitslosigkeit von über 20 Prozent vorherrscht, könnten über zwei Millionen Arbeitsstellen nicht besetzt werden.

In ihrer Strategie "Neue Denkansätze für die Bildung", die im November 2012 vorgestellt wurde, forderte die Kommission eine Fokussierung auf Querschnittskompetenzen. Neben Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen sollen vor Allem Unternehmergeist und eben IKT-Kompetenz gefördert werden.

"Wir können nur dann wettbewerbsfähig bleiben und die Chancen der wissensbasierten Wirtschaft nutzen, wenn wir Kindern und jungen Menschen die dafür notwendigen – auch bereichsübergreifenden – Kompetenzen an die Hand geben", so Vassiliou.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso rief im März 2013 IKT-Unternehmen zur Großen Koalition für digitale Arbeitsplätze auf: "Wenn es uns gelingt, gemeinsam eine Kehrtwende einzuleiten und die steigende Zahl an freien IKT-Arbeitsplätzen zu besetzen, wird sich dies auf die gesamte Wirtschaft auswirken. Wir möchten die Europäer in die Lage versetzen, die Arbeitsplätze zu besetzen, die die Impulse für die nächste IKT-Revolution geben werden."

Allensbach-Umfrage: Digitale Medien vor allem in Gymnasien genutzt

Deutschland konnte in der EU-Umfrage zwar nicht berücksichtigt werden, am 16. April stellte jedoch das Allensbach-Institut die Ergebnisse einer ähnlichen Umfrage vor. Die Studie wurde von der Deutschen Telekom Stiftung in Auftrag gegeben und kam zu ähnlichen Ergebnisse wie die EU-Umfrage kommt.

"Die Befragung zeigt, dass die Schulen in den letzten Jahren in der Mediennutzung enorm aufgeholt haben", so Klaus Kinkel, Vorsitzender der Stiftung und ehemaliger Bundesaußenminister. 

88 Prozent der Lehrer gaben an, digitale Medien "mehr oder weniger häufig" im Unterricht zu nutzen. Die Nutzung beschränkt sich jedoch weitgehend darauf, Filme und Präsentationen im Unterricht vorzuführen. Die Bearbeitung von Fachinhalten durch IKT oder die Erstellung eigener Filme, Hörspiele oder Podcasts bliebe die Ausnahme.

Knapp 70 Prozent der Schüler und der Lehrer sehen eine Verbesserung des Unterrichts durch IKT. 23 Prozent der Schüler geben jedoch an, den Umgang mit digitalen Medien außerhalb der Schule, z.B. durch Eltern, Freunde oder eigenständig,  gelernt zu haben. Die gewünschte Bedeutung von IKT im Unterricht hängt noch maßgeblich von der Kompetenz der Lehrkraft auf dem Gebiet ab. 

"Dies ist aber eine Generationenfrage: Je jünger die Lehrer sind, desto mehr ähnelt ihr Nutzungsverhalten dem ihrer Schüler, das heißt, sie können sie auch besser in ihrer Lebenswelt abholen", so Ekkehard Winter, Leiter der Telekom-Stiftung zum Befund.

Negative Erfahrungen mit IKT, zum Beispiel durch Cybermobbing, gaben 59 Prozent der Schüler an. In den seltensten Fällen kamen sie mit diesen Problemen jedoch zu einem Lehrer. Als weitere Negativaspekte von IKT sehen Lehrer und Schüler die zunehmende Abhängigkeit von Technik und die Überforderung einzelner Schüler.

Real- und Hauptschulen hinken in Sachen IKT den Gymnasien aber deutlich hinterher. Nur knapp 30 Prozent der Real -und Hauptschulen verfügten überhaupt über frei zugängliche PCs. Auch im Unterricht käme der IKT-Nutzung nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Dies sei bedauerlich, da "diese Schulen in der Regel auf Ausbildungsberufe vorbereiten, in denen PC und Internet ständig in Gebrauch sind", heißt es auf der Homepage der Telekom-Stiftung. 

ak  

Links

EU-Kommission:  IKT in der Schule – Unterricht für viele Kinder nicht bedarfsgerecht Lehrer brauchen bessere Schulung und Unterstützung (19. April 2013)

EU-Kommission: Survey of schools: ICT in Education

EU-Kommission: Neue Denkansätze für die Bildung (20. November 2012)

EU-Kommission: Europäische Kommission startet Große Koalition für digitale Arbeitsplätze (4. März 2013)

Deutsche Telekom-Stiftung: Allensbach-Umfrage: Digitale Medien an deutschen Schulen angekommen (16. April 2013)

Zum Thema auf EURACTIV.de

MINT: Schicksalsfrage für Europa (21. April 2013)

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