Das EU-Parlament hat weitere 650 Millionen Euro für den Kernfusionsreaktor ITER genehmigt. Eine „dramatische Fehlinvestition in eine atomare Risikotechnologie“, sagt die grüne EU-Abgeordnete Helga Trüpel.
Die Abgeordneten des Europäischen Parlament haben am Freitag über eine weitere Aufstockung der Mittel für den Kernfusionsreaktor ITER (International Thermonuclear Experimental Reactor) entschieden. Allein im Jahr 2012 sollen demnach weitere 650 Millionen Euro in das Großprojekt fließen. Die Abstimmung besiegelt ein bereits im Dezember zwischen Rat und Parlament ausgehandeltes Übereinkommen.
Im südfranzösischen Cadarache wollen Wissenschaftler ab 2020 in dem Fusionsreaktor die Sonne imitieren und damit für die Zukunft eine sichere, umweltfreundliche und unerschöpfliche Energiequelle schaffen. ITER-Projektpartner sind die EU als Hauptfinanzier sowie die USA, Russland, China, Japan, Indien und Südkorea. Für den Bau wurden ursprünglich fünf Milliarden Euro eingeplant. Inzwischen belaufen sich die geschätzten Kosten auf 16 Milliarden Euro (EURACTIV.de vom 3. Januar 2012).
Die Grünen kritisieren das Kernfusionsprojekt als "völlige Fehlinvestition". Helga Trüpel, haushaltspolitische Sprecherin der Grünen/EFA, erklärte: "Wir halten die zusätzlichen 650 Millionen Euro für eine dramatische Fehlinvestition in eine atomare Risikotechnologie, die im Fusionsprozess radioaktives Tritium verwendet und die wir daher grundsätzlich ablehnen." Es sei außerdem nach wie vor "mehr als fraglich", ob der Reaktor die in ihn gesetzten Hoffnungen je wird erfüllen können. "Angesichts von Haushaltsdisziplin und Sparanstrengungen allenthalben empfinde ich diese leichtfertige Vergabe von Millionenmitteln nach dem Prinzip Hoffnung als höchst problematisch", so Trüpel.
Für die Energiewende sei der Reaktor bedeutungslos, da die Kernfusionsenergie "auch im besten Fall" erst weit nach dem Jahr 2050 einen Beitrag zur Energieversorgung leisten könne. "Es ist dramatisch, dass die Ausgaben für den ITER auf Kosten wichtiger Investitionen in grüne Energienträger und zukunftsorientierte Forschungsfelder gehen. Statt weiter Geld in das Milliardengrab ITER zu pumpen, sollten wir endlich die nötigen Investitionen in eine neue nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit für Europa leisten", forderte die grüne Europaabgeordnete.
Für die Jahre 2012-2013 wird der zusätzliche Finanzbedarf des ITER-Programms in Höhe von 1,3 Milliarden Euro über die Umleitung ungenutzter EU-Mittel sichergestellt. Unklar ist allerdings, wie es 2014 weitergehen soll. Die dänische Ratspräsidentschaft will die Verhandlungen über den mehrjährigen Finanzrahmen 2014 bis 2020 voranbringen, eine Einigung wird aber frühestens Ende 2012 unter zyprischer Ratspräsidentschaft erwartet.
dto
Links
Dokumente
ITER: Internetseite
Polnische Ratspräsidentschaft: Zusätzliche Mittel für das ITER-Projekt (14. Dezember 2011)
EU-Kommission: Horizon 2020 Website
EU-Kommission: Horizont 2020: Europäische Kommission schlägt vor, zur Ankurbelung von Wachstum und Beschäftigung 80 Mrd. EUR in Forschung und Innovation zu investieren (30. November 2011)
EU-Kommission: Mitteilung – "ITER: aktueller Stand und Zukunftsperspektiven." (4. Mai 2010)
Mehr zum Thema auf EURACTIV.de
Streit um ITER gefährdet Horizon 2020 (3. Januar 2012)

