Es sieht nicht gut aus für den Wirtschaftsstandort Europa: Es wird zu wenig in Forschung und Entwicklung investiert, es gibt zu wenige Fachkräfte und die Energiepreise sind zu teuer. Das erklärten gegenüber EURACTIV.de führende Manager des Halbleiterproduzenten Globalfoundries, der seine Produktionsstätte in Dresden allerdings kräftig ausbauen wird.
Die Hightech-Branche boomt weltweit, denn ohne die Halbleiter funktioniert fast nichts: kein Smartphone, kein Tablet-PC und auch keine Spielkonsole. Davon profitiert auch der als Silicon Saxony bezeichnete Mikro- und Nanoelektronikstandort in Sachsen. Der Halbleiterhersteller Globalfoundries will die Produktion in seinem Dresdner Werk kräftig ausbauen und hat dafür bereits zwei Milliarden US-Dollar verplant, sagte Werksleiter Rutger Wijburg, als er Journalisten am Freitag (15. Juni) durch die Produktionsstätte führte. Das Dresdner Werk wurde 2008 vom US-Chiphersteller AMD und der Investmentgesellschaft ATIC aus Abu Dhabi gebaut und gehört inzwischen zu 100 Prozent den arabischen Investoren.
Europas Standortnachteile
Trotz dieser positiven Nachricht aus Sachsen könnte Europas Hightech-Branche im globalen Standortwettbewerb das Nachsehen haben, erklärte Wijburg gegenüber EURACTIV.de. "Europa ist dabei zurückzufallen", sagte Wijburg. In Europa werde heute weniger in die Halbleiterbranche investiert als noch vor 10 bis 20 Jahren. Das könnte einige Hightech-Unternehmen dazu bewegen, nach Asien abzuwandern, was wiederum dramatisch Folgeeffekte für das gesamte "Ökosystem" hätte, also die Zulieferer und die Endkunden.
Neben den zu geringen Investitionen sorgt sich die Branche auch um den prognostizierten Fachkräftemangel. Ein dritter Minuspunkt seien die hohen Energiekosten in Europa und insbesondere in Deutschland. Im Dresdner Werk entfielen bereits jetzt zehn Prozent der Produktionskosten auf die Energiekosten. Wenn diese Kosten im Zuge der Energiewende weiter steigen, könnten weitere Abwanderungen folgen, warnte Wijburg.
Europas Standortvorteile
Den Standortnachteilen Europas stehen weiterhin viele Standortvorteile gegenüber. Dazu zählen laut Wijburg das minimale geographische Risiko, ein sehr gutes Rechtssystem und eine stark ausgeprägte ingenieurwissenschaftliche Tradition.
Im Vergleich zu Asien gebe es in Europa kaum das Risiko, dass neu aufgebaute Produktionsstätten durch Erdbeben oder Tsunamis in Schutt und Asche gelegt werden, oder eben erst entwickelte Technologien gestohlen und von der Konkurrenz weiterverwendet werden. Zudem bestehe in Europa weiterhin ein hohes Angebot an gut ausgebildeten Arbeitskräften. Dieses Potenzial müsse durch bessere Rahmenbedingungen ausgeschöpft werden, so Wijburg.
Europas Technologieförderung
Die Politik in Deutschland und der EU solle mehr in die Mikro-und Nanoelektronik, in erneuerbare Energien und die Life Sciences investieren, um auf dem internationalen Markt konkurrenzfähig zu bleiben, sagte Globalfoundries Design Director Gerd Teepe gegenüber EURACTIV.de. Die EU habe ihr 2002 gesetztes Ziel, die Gesamtausgaben für Forschung und Entwicklung auf drei Prozent des BIP anzuheben bisher nicht erreicht.
Und auch wenn Deutschland mit 2,82 Prozent diesem Ziel bereits recht nahe kommt, müsse das Land als führender Industriestandort hier deutlich ambitionierter werden, so Teepe weiter. Wenig Verständnis hat der Design Director, dass weiterhin zu viele EU-Gelder in die Landwirtschaft und die Metall-und Schwerindustrie gepumpt würden, anstatt in innovative Industrien zu investieren, um Europas Zukunft zu sichern.
Europas Rahmenbedingungen
Damit der Standort Europa langfristig attraktiv bleibt, sollte Europa in seine Bildung investieren. So sollten Hochschulen gefördert werden, damit es auch in Zukunft genügend Fachkräfte gibt. Eine Frühförderung in der Grundschule und der Sekundarstufe I sei ebenfalls angebracht, um das Interesse von jungen Leuten für die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) zu wecken. Globalfoundries habe deswegen im Raum Dresden bereits mehrere Schulprogramme durchgeführt.
Während die forschungsintensive Mikroelektronikbranche in Europa etwa 15 Prozent ihrer Investitionsausgaben in die Forschung stecke, liege dieser Anteil, laut Bericht der EU-Kommission, in den USA bei fast 40 Prozent. Es sei zwar nicht Aufgabe der Politik, die Forschung mit staatlichen Geldern zu finanzieren, doch müsse sie bessere Anreizstrukturen schaffen, so der Globalfoundries-Manager Wijburg. Er zählte dazu "einheitliche Vorgaben" seitens der EU beispielsweise für Unterstützungen bei der Projektentwicklung und der Ansiedlungspolitik von Unternehmen.
Globalfoundries schöpft die staatlichen Anreize und Subventionen für strukturschwache Regionen bereits voll aus: Für das derzeit am Standort Dresden laufende Investitionsprogramm in Höhe von zwei Milliarden US-Dollar hatte die die EU-Kommission im Jahr 2011 deutsche Investitionshilfe in Höhe von 219 Millionen Euro genehmigt. Als Grund für diese höchstmögliche Förderung gab die Kommission den "außergewöhnlich niedrigen Lebensstandard" und die "erhebliche Unterbeschäftigung" in der Region an.
Andreas Klinger
Links
EU-Kommission: Forschungs-und Entwicklungsausgaben in Prozent des BIP
EU-Kommission: Staatliche Beihilfen: Beschlüsse zu regionalen Investitionshilfen
EU-Kommission: The 2011 Industrial R&D Investment Scoreboard

