EU-geförderte Corona-App kann Stimmen und Husten erfassen

Aus Sicht der Kommission und der zuständigen Ministerien dürften Apps zur Ermittlung von Kontaktpersonen "für eine schrittweise Lockerung verschiedener nationaler Maßnahmen von großer Bedeutung sein". [EPA-EFE/DARREN ENGLAND]

Eine vor kurzem präsentierte Handy-App, die unter anderem mit EU-Geldern gefördert wurde, kann Atmung und Husten von Benutzern aufzeichnen, um so COVID-19-Fälle oder andere Krankheiten zu identifizieren.

Die Initiative, die von Forschenden der Universität Cambridge entwickelt wurde und teilweise vom Europäischen Forschungsrat über das Projekt EAR finanziert wird, zielt auf den Aufbau eines großen, aus einer Vielzahl von Quellen stammenden Datensatzes ab. Mit diesem sollen Algorithmen für maschinelles Lernen entwickelt werden, die dann bei der automatischen Erkennung von Krankheiten eingesetzt werden können.

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Die App soll demografische und medizinische Informationen der User sammeln, zusätzlich zu „Sprachstimmenproben, Atem- und Hustenproben über das Mikrofon des Handys“.

Wohl um möglichen Privatsphäre-Bedenken entgegenzuwirken, betont das beteiligte Forschungsteam, die App sammele lediglich „eine grobe Standortprobe“. Somit werde der exakte Standort eines Benutzers nicht konstant nachverfolgt, sondern nur einmalig erfasst, sobald der User die Software aktiviert.

Darüber hinaus werden die gesammelten Daten „auf den Servern der Universität gespeichert und ausschließlich zu Forschungszwecken verwendet“, beschwichtigt die Cambridge University.

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„Es gibt nur sehr wenige größere Datensätze von Atemgeräuschen. Um bessere Algorithmen für die Früherkennung zu entwickeln, benötigen wir daher so viele Proben von so vielen Teilnehmenden wie möglich,“ erklärt dazu Professorin Cecilia Mascolo vom Cambridge Department of Computer Science and Technology, dem leitenden Institut für die Entwicklung der App.

Sie fügt hinzu: „Selbst wenn wir nicht viele positive Coronavirus-Fälle erhalten sollten, könnten wir trotzdem mögliche Verbindungen in Bezug auf andere Krankheitsbilder finden.“

Mascolo hatte kürzlich im Magazin des Europäischen Forschungsrates erklärt, ihr Team entwickle Technologien, die Künstliche Intelligenz nutzen, um Anomalien in Geräuschen zu analysieren, die ihrerseits Indikatoren für Krankheiten sein könnten. Zu diesen Geräuschen zählen unter anderem „Herzschläge, Seufzer oder Stöhnen, Atmung und Stimme“.

Über das EU-Projekt EAR – das derartige Initiativen finanziert, die Audiodaten in der Krankheitsdiagnostik einsetzen (wollen) – wird die Forschung in diesem Bereich aktuell noch bis mindestens September 2024 gefördert.

Nach wie vor keine einheitlichen Apps

Die Einführung der neuen App geht neuen Ankündigungen voraus, mit denen die Europäische Kommission am heutigen Mittwoch einen erneuten Versuch starten will, die Verwendung von Coronavirus-Apps oder „Tracing-Apps“ in der gesamten Union zu harmonisieren.

Es wird erwartet, dass die Exekutive eine Reihe von Standards vorschlagen wird, die die Interoperabilität zwischen verschiedenen Apps ermögichen soll. Die Vorschläge werden in der breiter angelegten Strategie für Tourismus und Transport enthalten sein, die EURACTIV.com bereits einsehen konnte.

Eine Koordinierung der einzelnen Apps zur Ermittlung von Kontaktpersonen könnte in dieser Hinsicht das grenzüberschreitende Reisen in den anstehenden Sommerferien erleichtern.

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Im Gespräch mit Abgeordneten des Binnenmarktausschusses des EU-Parlaments vergangene Woche sagte die für Digitaltechnik zuständige Vizepräsidentin der EU, Margrethe Vestager, dass es der Union ohne den Einsatz von Apps zur Ermittlung von Kontaktpersonen überaus schwer fallen dürfte, sich wieder „in dem Maße zu öffnen, wie wir es wollen“.

Diese Ansicht teilen offenbar viele zuständige Ministerien in den EU-Staaten, die an der Einführung von Apps beteiligt sind.

EU-Ministerinnen und Minister für Telekommunikation haben sich inzwischen auf die allgemeine Sichtweise verständigt, „dass die Apps zur Ermittlung von Kontaktpersonen für eine schrittweise Lockerung verschiedener nationaler Maßnahmen, einschließlich der Öffnung der Grenzen, von großer Bedeutung sein werden“, heißt es in einer Mitteilung der kroatischen Ratspräsidentschaft.

[Bearbeitet von Sam Morgan und Tim Steins]

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