Biotech-Industrie: „Überreguliertes“ Europa ist unattraktiv für Investoren

Die EU ist in vielerlei Hinsicht zu fragmentiert, um Investoren aus der Life-Science-Branche anzulocken, meinen Industrievertreter. [Shutterstock]

Fragmentiert, vielsprachig und überreguliert: Europa ist für Investoren aus der Life-Science-Industrie nicht sonderlich attraktiv. Und mit dem Brexit könnte sich dies noch „verschlimmern“, warnen Industrievertreter.

Obwohl ihr Markt viel größer als der der Vereinigten Staaten ist und die Europäische Union reicher als China ist, ist Europa noch immer wenig attraktiv für Investoren, sagten Branchenexperten während einer nicht-öffentlichen Diskussion im Rahmen der diesjährigen Biotech-Woche in Brüssel.

Die diesjährige Auflage der Biotech Week, die als die wichtigste Biotechnologie-Veranstaltung der Welt gilt, konzentrierte sich auf die Verbindung zwischen Biotechnologie und den Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung (SDGs). Die Veranstaltung fand vom 24. bis 30. September auf vier Kontinenten statt.

Ziel der Organisatoren war es, die Biotech-Industrie als Motor für die Weiterentwicklung von SDG Nummer drei (Gesundheit und Wohlbefinden) hervorzuheben. Die Biotechnologie sei ein Eckpfeiler der Wettbewerbsfähigkeit Europas in Bezug auf Forschung, Innovation und industrielles Wachstum. Außerdem wirke sie sich positive auf die Zahl der Arbeitsplätze und die Gründung neuer Unternehmen aus.

Kommission will Forschung und Innovation vorantreiben

Wenn die Staats- und Regierungschefs der EU heute im bulgarischen Sofia zusammenkommen, will die Kommission neue Vorschläge zur Förderung von Forschung und Entwicklung vorlegen.

Doch die Industrie scheint in Europa zu schwächeln: Heute kommen alle am schnellsten wachsenden Unternehmen der weltweiten Top 50 in der Life-Science-Industrie aus den USA oder aus Japan. Jedes Jahr bringen die USA mehr als 60 Prozent der neuen Medikamente auf den Markt, verglichen mit lediglich 15 bzw. 10 Prozent aus Europa und Japan.

In Sprachenvielfalt geeint

„United in Diversity“ („In Vielfalt geeint“) wird stolz als das Motto der Europäischen Union verwendet. Aber wenn es darum geht, neue Investoren in der Biotech-Industrie für Europa zu gewinnen, wird eben diese Vielfalt als massives Hindernis angesehen: Sprache sei eine natürliche Barriere, die alles teurer mache, fasste einer der Teilnehmer kurz und knapp zusammen.

Die Fragmentierung Europas erstreckt sich aber auch auf Steuersysteme, Forschungsgelder und Investitionen.

Innerhalb Europas geht das meiste Kapital in die größten Märkte: Deutschland, Großbritannien und Frankreich ziehen 51 Prozent aller ausländischen Direktinvestitionen an. Derweil konzentrieren sich bestimmte steuerliche Anreize manchmal nur auf bestimmte Regionen innerhalb eines Staates – was wiederum landesweite Investitionsstrategien erschwert.

Die Harmonisierung sei zwar der beste Weg, um dieser Fragmentierung zu begegnen, aber nicht der einzige, hieß es in der Debatte. Weitere wichtige Lösungen wären die Intensivierung der Zusammenarbeit und der Aufbau eines akademischen Netzwerks, um mehr Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenzubringen.

Hier bietet die digitale Revolution eine große Chance: Sie könnte eine bessere Kommunikation zwischen den europäischen Ländern und eine stärker vernetzte Forschungsinfrastruktur ermöglichen.

Forschung und Bildung: „Verlorenes Jahrzehnt” vermeiden

Kluge Ausgaben und ein Fokus auf zukunftsorientierte Prioritäten wie Entwicklung und Bildung werden ein Schlüssel zu mehr Arbeitsplätzen sein.

Politische Instabilität als zusätzliches Risiko

Zwar werden Fragmentierung und Überregulierung von Seiten der Industrie immer noch als die größten „Schwächen“ Europas angesehen; inzwischen ist aber auch die politische (In-)Stabilität zu einem neuen Risiko geworden. Insbesondere durch den Brexit entsteht ein neues, großes Fragezeichen. Die Unsicherheit über den Ausgang der Verhandlungen gefährdet aktuell ein stabiles Umfeld für Investoren sowohl im Vereinigten Königreich als auch in der EU.

Nach dem Austritt wird Großbritannien zusammen mit der Schweiz, Russland und Norwegen an der Spitze der europäischen Medikamentenentwickler außerhalb der EU stehen. Die Union verliert dadurch die stärkste Pipeline für neue Medikamente in Europa.

Doch nicht alle Beobachtungen zur EU sind negativ. So gibt es einige ermutigende Ergebnisse, wenn man sich Indikatoren wie den Prozentsatz der Investitionen im Verhältnis zum BIP oder die Investitionen pro Kopf ansieht. Branchenexperten warnten während des Treffens vergangene Woche aber, dies könnte auch zu Fehlinterpretationen der Situation in Europa führen.

„Der einzige Indikator, der für Investoren am Ende zählt, ist die Höhe der Ausgaben,“ so der Gesundheitspolitikberater Stefan Gijssels, der die Ergebnisse einer von Johnson & Johnson in Auftrag gegebenen Studie vorstellte.

Die öffentlichen Forschungsinvestitionen im Gesundheitswesen sind in den USA fast dreimal so hoch wie die der EU (umgerechnet 27,1 Milliarden Euro gegenüber 11,7 Milliarden Euro). Allein die Johns Hopkins University hat ein Forschungsbudget von 2 Milliarden Euro, während die „innovativste“ europäische Universität, die Katholische Universität Löwen in Belgien, über ein Forschungsbudget von lediglich 454 Millionen Euro verfügt.

Öffentliche Zukunftsinvestitionen statt EFSI 2.0

Daran, dass es in der EU mehr Investitionen braucht, besteht kein Zweifel. Einerseits um die Dauerkrise zu überwinden und die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs zu bringen, andererseits um den dringend erforderlichen sozial-ökologischen Umbau zu finanzieren.

Mehr “American Business Spirit” in Europa?

Der Mangel an Folgeinvestitionen in die Finanzierung von EU-Forschungsprojekten sei ebenfalls ein Bereich, in dem Europa sich verbessern könnte, zeigte sich ein Teilnehmer an der Debatte überzeugt: „Wenn Europa beschließen würde, die Forschung zu einer bestimmten Krankheit, z.B. Darmkrebs, drei Jahre lang in den Vordergrund zu stellen […] dann gehen am Ende des Zeitraums irgendwann die Mittel aus oder werden nicht mehr bereitgestellt; aber das bedeutet ja nicht, dass dann auch die Krankheit ausgerottet ist.“

Grundsätzlich werde die Qualität der Forschung in Europa weiterhin hoch geschätzt, es bedürfe aber weiterer Anstrengungen, um die Forschung in konkrete Maßnahmen umzumünzen, die Investoren anlocken könnten.

In diesem Zusammenhang wurde einmal mehr der „Mangel an Unternehmenskultur“ in Europa hervorgehoben. Ein Teilnehmer erklärte in einer Diskussion über Biotech-Startups: „In Europa darf man nicht versagen – während man in den USA aus seinen Fehlern lernen und von vorne anfangen kann.“

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