Katainen: Mit Innovationen und KI gegen den Klimawandel

Jyrki Katainen ist Vizepräsident der Europäischen Kommission und zuständig für Beschäftigung, Wachstum, Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit. [Photo: EPA-EFE/STEPHANIE LECOCQ]

In Brüssel finden diese Woche die EU Industry Days 2019 statt, eine Reihe von Konferenzen, die sich mit den wichtigsten Zukunftsherausforderungen für die Industrie befassen. Aus diesem Anlass sprach EURACTIV mit Kommissionsvizepräsident Jyrki Katainen, um herauszufinden, welche Fortschritte die europäische Industrie seit 2014 gemacht hat.

Jyrki Katainen ist Vizepräsident der Europäischen Kommission und zuständig für Beschäftigung, Wachstum, Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit. Zuvor war er Ministerpräsident von Finnland.

Er sprach mit Samuel Stolton von EURACTIV.

Wie bewerten Sie die industriepolitische Strategie der aktuellen EU-Kommission? Sehen Sie die europäische Industrie in einer besseren Verfassung als 2014?

Natürlich muss die harte Arbeit, die wir geleistet haben, auch in Zukunft fortgesetzt werden. Ich würde aber sagen, dass die Industrie der EU jetzt besser da steht, denn die Investitionen ziehen wieder an. Dies hat es uns ermöglicht, unsere Industriesektoren zu stärken und unser Ansehen auf der Weltbühne zu verbessern.

Ohne unseren robusten Industriesektor hätten wir beispielsweise das jüngste Freihandelsabkommen zwischen der EU und Japan nicht unterzeichnen können. Das war für uns eine große Errungenschaft.

Das ist ja alles schön und gut, aber ist es nicht so, dass das Investitionsniveau immer noch unter dem Niveau vor der Krise liegt?

Das stimmt, wir liegen immer noch etwas unter dem Niveau vor der Krise, aber wir bewegen uns in die richtige Richtung.

Die EU steht sowohl auf europäischer als auch auf internationaler Ebene unter politischem, geopolitischem und wirtschaftlichem Druck. Dies birgt die Gefahr, dass Investitionen und Innovationen in Europa untergraben werden. Sind Sie besorgt darüber, was das für die Zukunft der Wettbewerbsfähigkeit Europas bedeutet? Und: Auf welche Stärken sollte die EU ihre Strategie stützen?

Natürlich ist dies eine schwierige Phase für Europa, aber auch eine Zeit großer Chancen. Wir haben so viele Dinge, über und auf die wir uns freuen können.

Für die EU werden die beiden größten Wachstumstreiber in den kommenden Jahren das Paket für die Kreislaufwirtschaft und die Arbeit, die wir im Bereich der Künstlichen Intelligenz leisten, sein. Mit unseren Zielen für die Kreislaufwirtschaft werden wir uns als globale Kraft bei der Verfolgung der Ziele einer nachhaltigen Entwicklung profilieren.

Darüber hinaus fördern wir in unserem europäischen Ansatz für Künstliche Intelligenz die Einführung dieser Technologien sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor mit geeigneten Investitionsrahmen, wobei wir auch die notwendigen ethischen und rechtlichen Überlegungen berücksichtigen. Diese müssen an vorderster Front der Politik stehen, wenn der Beginn des KI-Zeitalters immer näher rückt.

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Ihr eigenes Land, Finnland, hat kürzlich eine Strategie gestartet, um ein Prozent seiner Bevölkerung in den Grundlagen der Künstlichen Intelligenz auszubilden. Könnte dies ein Zukunftsmodell für Forschungs-, Entwicklungs- und Ausbildungsprogramme in der gesamten EU sein?

Das könnte tatsächlich ein Modell sein bzw. werden. Die Universität Helsinki hat einen für alle offenen Kurs namens „Elements of AI“ gestartet. Daneben hat das Ministerium für Wirtschaft und Arbeit eine spezielle Gruppe für die nationale KI-Strategie eingerichtet. Das Land will also wirklich in das Verständnis der Menschen für diese Technologie investieren.

Die „KI-Alphabetisierung“ ist wichtig, weil sie die Produktivität steigert und die Art und Weise, wie wir Geschäfte machen, verändert. Damit werden die Menschen auf dem Arbeitsmarkt widerstands- und leistungsfähiger. Darüber hinaus kann die KI positive Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen und den Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen haben. Wir müssen darauf achten, dass niemand zurückgelassen wird. Bildung ist in dieser Hinsicht sehr wichtig.

Wie können Sie sicherstellen, dass die neun Milliarden Euro, die für ein „digitales Europa“ ausgegeben werden sollen, tatsächlich in Projekte fließen, die es den EU-Bürgern ermöglichen, auf dem digitalen Arbeitsmarkt mobiler zu sein?

Ein Teil der Ausgaben wird in digitale Infrastrukturinvestitionen fließen. Die Kommission möchte sicherstellen, dass ein Teil des Haushalts in die Verbesserung der digitalen Fähigkeiten der europäischen Arbeitskräfte investiert wird.

Hochqualifizierte Technikexperten in den Bereichen Analytik, Cybersicherheit und KI gehören schon heute zu den gefragtesten Arbeitskräften in der gesamten Region. Unsere Mitgliedsstaaten können aber aktuell nicht genügend Fachkräfte zur Verfügung stellen. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, ist es sehr wichtig, Menschen aus- und fortzubilden.

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Ein kürzlich veröffentlichtes Strategiepapier des einflussreichen EU-Handelsverbandes Orgalim befürwortet „intensive Interaktion“, um technologische Entwicklungen voranzutreiben und auf gesellschaftliche Bedürfnisse (insbesondere Klimawandel und demografische Entwicklungen) zu reagieren. Was halten Sie von dieser Vision? Ist dies ein guter Weg, um die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu verbessern?

Sicherlich. Wir können Klimafragen nicht ohne technologische Entwicklungen angehen. Innovationen sind notwendig. Innovation ist wichtig für soziale Gerechtigkeit und Umweltziele. Und die Technologie steht im Mittelpunkt unseres Handelns.

Angesichts der wirtschaftlichen Ungleichgewichte zwischen den EU-Mitgliedstaaten steht die EU vor mehreren Herausforderungen, insbesondere – aber nicht ausschließlich – beim Zugang zu Arbeitsplätzen. Wie kann eine künftige Kommission sicherstellen, dass die Bürger in den weniger robusten Wirtschaftsräumen einen guten Zugang zu Arbeitsplätzen sowie das Vertrauen haben, dass die Technologieindustrie der EU global besteht?

Ich denke, wir sollten die Menschen vor Ort, in den Fabriken, fragen. Ich habe versucht, Investitionen zu fördern. Das macht den Menschen Mut und hoffentlich steigert sich das allgemeine Vertrauen und die Zuversicht der Gesellschaft.

Ein Bereich, in dem wir meiner Meinung nach große Fortschritte gemacht haben, ist die Verbesserung des allgemeinen Bewusstseins für Umweltfragen. Darüber wird heute viel mehr nachgedacht als früher. Die Kreislaufwirtschaft hat das Vertrauen der Menschen gestärkt, dass  unser Wirtschaftswachstum auch nachhaltig sein kann.

Natürlich sind die Menschen auf dem gesamten Kontinent besorgt, dass dieses Wachstum negative Auswirkungen auf die menschliche Zivilisation haben könnte. Mit den innovativen Ansätzen der EU für die Industrie und kreativeren Produktionsweisen können wir den Menschen aber zeigen, dass Wirtschaftswachstum langfristig nachhaltig sein kann.

Bearbeitet von Sam Morgan und Tim Steins

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