Geoghegan-Quinn: „Horizon 2020 fördert Exzellenz“

Für Spitzenforscher muss man erstklassige Bedingungen schaffen. Neben "Horizon 2020" soll auch der europäische Strukturfonds dafür herhalten, findet die EU-Forschungskommissarin Máire Geoghegan-Quinn im Interview. Foto: EC

EU-Forschungskommissarin im InterviewEU-Forschungskommissarin Máire Geoghegan-Quinn muss das künftige Forschungsrahmenprogramm auf Erfolg trimmen. Doch Hürden lauern nicht nur beim Geld. Auch das Verhältnis zwischen Wissenschaftlern verschiedener Länder muss kooperativer werden.

Deutschland profitiert sehr stark von der EU-Forschungsförderung. In die neuen Mitgliedsstaaten fließt dagegen wenig Geld. Haben wir im Forschungsbereich ein Europa der zwei Geschwindigkeiten?

GEOGHEGAN-QUINN: Erstens, ich akzeptiere niemals die Idee eines Europa der zwei Geschwindigkeiten. Zweitens, ja, Deutschland ist ein Gewinner, weil es eine Forschung hat, die sich im höchsten Exzellenzbereich bewegt. Bei der Ausarbeitung des neuen Programms für Forschung und Innovation Horizon 2020 war immer klar, dass Geld nach Exzellenz vergeben wird.

Gleichzeitig weiß ich aus Debatten mit den Forschungsministern der neuen Mitgliedsstaaten, dass diese der Meinung sind, dass sie niemals Exzellenz erreichen können, wenn dafür nicht die Voraussetzungen geschaffen und gefördert werden. Doch eine wachsende Partizipation und überall steigende Exzellenz können wir mit Horizon 2020 allein nicht erreichen. Die Schaffung von wichtigen Grundvoraussetzungen muss auch durch den europäischen Strukturfonds geschehen.

Die Forschung soll vom EU-Strukturfonds profitieren, wie soll das gehen?

GEOGHEGAN-QUINN: Fördergeld aus dem Budget von Horizon 2020 wird ausschließlich auf Basis von Exzellenz vergeben. Der Strukturfonds dagegen hat die Kapazität, um Forschungsgebäude, Forschungsinfrastruktur und Ausstattung in kleineren Mitgliedsstaaten zu finanzieren. Spitzenforscher gehen überall in Europa hin, vorausgesetzt, ihnen werden erstklassige Bedingungen geboten.

Es geht also nicht um ein Europa der zwei Geschwindigkeiten, sondern um eine Ausweitung der Teilhabe am Forschungsrahmenprogramm.

Was brauchen die neuen Mitgliedsstaaten dafür am dringendsten?

GEOGHEGAN-QUINN: Nun, viele von ihnen haben exzellente Forscher. Aber viele sind in andere europäische Staaten oder in die USA gegangen. Nun kommt es darauf an, die Spitzenkräfte, die noch da sind, im Land zu halten, und andere, die ins Ausland gegangen sind, wieder zurückzugewinnen. Und der einzige Weg, um das zu schaffen, ist die Bereitstellung von absolut hochwertigen Laboren, Universitäten und so weiter.

Mehr Kooperation zwischen reichen und neuen EU-Staaten

Gleichzeitig drängen Sie auf mehr Kooperationen zwischen den reichen und den neuen EU-Staaten. Was sollte Deutschland tun?

GEOGHEGAN-QUINN: Mitgliedsländer wie Deutschland, in denen es sehr gut läuft, sollten sich stärker einbringen, um die schwächeren EU-Länder zur Teilnahme an Horizon 2020 zu ermutigen. Die neuen Mitgliedsstaaten wollen Unterstützung. Aber sie werden nicht mit dem Bettelkorb kommen und sagen ‚Helft uns!‘. Sie wollen, dass ihnen Unterstützung und Kooperationsmöglichkeiten angeboten werden, weil alle Beteiligten davon profitieren. Und tatsächlich denke ich, dass eine Zusammenarbeit mit Partnern aus kleineren EU-Ländern auch für einzelne Forscher, Institute und Hochschulen aus Ländern wie Deutschland bereichernd sein kann, weil sie auch von Mitgliedsstaaten lernen können, die noch nicht so viel Erfolg gehabt haben. Diese bringen oft neue Perspektiven und viel Talent mit ein.

Was genau kann dabei der einzelne Forscher tun?

GEOGHEGAN-QUINN: Zum Beispiel können sie sich mit Wissenschaftlern anderer Länder zusammentun und in einem Konsortium zusammenarbeiten. Wenn dieses Konsortium dann konkret einen Antrag auf Forschungsförderung stellt, werden alle Partner einen sehr genauen Blick auf die Institute des jeweils anderen werfen und wechselseitig viel voneinander erfahren. Ich denke, dass diese Art von Integration, Teilhabe und Einbezogensein sehr viel wert ist.

Kommission kann nur versuchen, zu überzeugen

Wo sind mehr Kooperationen nötig: zwischen einzelnen Wissenschaftlern, ganzen Hochschulen oder den Forschungsabteilungen von Unternehmen?

GEOGHEGAN-QUINN: In allen drei Bereichen. Mit Blick auf den Hochschulbereich hat EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou im Herbst deutlich gemacht, welche Art von Modernisierung Europas Hochschulen benötigen. Aber die EU-Kommission kann nur versuchen, zu überzeugen und bestimmte Themen voranzubringen. Die Verantwortung für Bildungspolitik liegt bei den einzelnen Ländern. Natürlich wird Bildung in Naturwissenschaften, Technologie, Ingenieurwesen und Mathematik immer wichtiger, insbesondere wenn wir einen Blick auf den wachsenden Wettbewerb werfen, der nicht nur aus den USA, sondern auch aus Brasilien, Russland und China kommt.

Nicht jede einzelne Universität kann in jedem Fachbereich exzellent sein. Aber mit Kooperationen kann man vorhandene Stärken bündeln. Und ebenso klar ist es, dass Universitäten nicht länger isoliert von der Industrie arbeiten können.

Was genau heißt das?

GEOGHEGAN-QUINN: Wenn wir eine innovative und wettbewerbsfähige Wirtschaft in Europa wollen, dann müssen Hochschulen enge Verbindungen mit der Industrie eingehen. Sie müssen dazu nicht ihre Autonomie aufgeben. Aber sie brauchen enge Bindungen an kleine und mittlere Unternehmen. Dafür gibt es Verbünde, Ausgründungen und ähnliches. Umgekehrt haben innovative Unternehmen oft nicht die Kapazitäten, im eigenen Haus zu forschen. Hochschulen und Forschungsinstitute sind der beste Ort, wohin sie das auslagern können.

"Es wird noch einige Zeit dauern"

Horizon 2020 soll ein Budget von rund 80 Milliarden Euro haben. Doch wie wird sich die aktuelle Eurokrise auswirken?

GEOGHEGAN-QUINN: Mit dem Budgetvorschlag hat die EU-Kommission eine strategische Entscheidung getroffen, dass in Forschung, Bildung und Innovation mehr investiert werden muss. Wir haben damit auch ein ganz klares Signal gesetzt, was wir glauben, was die Mitgliedsstaaten tun müssen. Nun wird es noch einige Zeit dauern,  bis dieser Vorschlag durch das EU-Parlament und den Ministerrat gegangen ist.

Sind die 80 Milliarden Euro sicher?

GEOGHEGAN-QUINN: Wir hoffen, dass die Minister der Mitgliedsländer und alle anderen Beteiligten erkennen werden, warum dieses Budget so wertvoll ist. Ich persönlich hätte sogar ein noch höheres Budget bevorzugt. Das Europäische Parlament hätte ebenso gern ein höheres Budget dafür gehabt. In den kommenden Monaten wird also über den Horizon-2020-Haushalt in den Mitgliedsstaaten selbst und zwischen den beteiligten Ministern noch viel diskutiert werden. Ich hoffe wirklich, dass wir dann einen substanziellen Haushalt für Forschung und Innovation bekommen können. Doch dafür brauchen wir auch Unterstützung und Fürsprecher aus der Industrie und den beteiligten Ministerien.

Abbau administrativer Schranken

Frau Geoghegan-Quinn, als Sie EU-Kommissarin wurden, haben Sie angekündigt, für Bürokratieabbau in der Forschungsförderung zu sorgen. Was hat sich seitdem getan?

GEOGHEGAN-QUINN: In der EU-Kommission haben wir bereits grundlegende Entscheidungen getroffen, die für Vereinfachung und mehr Flexibilität nötig sind. So können etwa Bewerber für das Forschungsrahmenprogramm, anders als zuvor, ihren Antrag nach ihren eigenen Rechnungslegungsregeln einreichen. Nun diskutieren wir zusammen mit dem Europäischen Parlament über eine weitere Revision der Finanzregularien, die eine noch weitergehende Vereinfachung bringen sollen und die uns in Zukunft deutlich voran bringen werden.

Trotzdem verzichten nach wie vor viele Forscher aus Hochschulen, Instituten oder innovativen Firmen wegen des enormen Aufwands darauf, einen Antrag auf EU-Forschungsförderung zu stellen.

GEOGHEGAN-QUINN: Ja, denn Forscher wollen in ihren Laboren arbeiten und nicht einen großen Anteil ihrer Arbeitszeit mit dem Ausfüllen von Formularen verbringen. Deshalb ist der Abbau administrativer Schranken der beste Weg, sie zur Teilnahme am EU-Forschungsrahmenprogramm zu ermutigen. Gleichzeitig müssen sich aber alle bewusst sein, dass wir hier mit dem Geld der Steuerzahler arbeiten. Das heißt, wir müssen zwei Aspekte miteinander vereinbaren: einerseits Kontrolle. Aber andererseits müssen wir den Forschern mehr und mehr Vertrauen entgegenbringen. Und das tun wir mit der Vereinfachung der Antragsregeln.

Die Fragen stellte duz-Redakteurin Christine Xuân Müller.

duz ist die Unabhängige Deutsche Universitätszeitung mit Sitz in Berlin. Das Interview erscheint im duz-Magazin 1/2012 und wurde EURACTIV.de vorab zur Verfügung gestellt.

Links 

Zum Thema auf EURACTIV.de:

EU-Forschungspolitik: "Vereinfachung, nicht Gleichmacherei" (14. Dezember 2011)

“Neue Vision für die europäische Forschung und Innovation” (30. November 2011)



 

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