Wie es ist, kann es nicht bleiben: Ein Debattenbeitrag zur Zukunft Europas

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Der EU Wirtschafts- und Währungskommissar Pierre Moscovici beim Treffen der Finanzminister am 21. Juni in Luxemburg. [Alexandros Michailidis/ Shutterstock]

Nicht nur im Europäischen Parlament ist mit dem Auftritt des französischen Präsidenten Macron eine Debatte über die Zukunft der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWU) und damit der Zukunft Europas entbrannt. Diese Debatte ist überfällig. Denn in diesem Jahr jährt sich die Finanzkrise zum zehnten Mal.

Geredet wurde in dieser Zeit sehr viel. Wirklich geändert wurde wenig. Die Folgen aber sind für viele noch immer spürbar: Die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa liegt bei um die 30%, die Altersarmut in Gesamteuropa bei um die 20%, die Gefahr bei Jobverlust in Armut zu fallen, ist in der reichen Bundesrepublik Deutschland europaweit mittlerweile am Höchsten. Viele fühlen sich allein und im Stich gelassen und haben Angst. Nicht nur vor der unsicheren Zukunft, sondern auch davor, wie sie ihren Alltag und den kommenden Tag bewältigen sollen. Einige von ihnen legen ihre Hoffnung auf Veränderung in die Arme von Europagegnern, Europa- und Menschenfeinden. Auch deswegen ist diese Debatte um die Zukunft Europas so wichtig, denn viele der Sorgen und Probleme lassen sich nur gemeinsam und international lösen. Mit dem nötigen politischen Willen könnte eine anders ausgestaltete Wirtschafts- und Währungsunion auch dem gesellschaftlichen Zusammenhalt dienen.

Wer will was?

Derzeit streiten Frankreich, Deutschland und die Europäischen Kommission um die Deutungshoheit, wer die bessere Lösung für die Zukunft Europas habe. Die unterschiedlichen Positionen lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

Das Ziel der deutschen Regierung ist und bleibt die Durchsetzung von Austerität und Strukturreformen mit möglichst geringen Transferzahlungen und möglichst ohne Risikoteilung. Transfers werden in deutscher Lesart stets strikt mit der Umsetzung der Reformagenda verbunden. Die Durchsetzung und Kontrolle der Struktur- und Kürzungsprogramme sind nach den Kriterien des Stabilitäts- und Wachstumspakts möglichst politisch unabhängig durchzuführen. Das dient dem Ziel, mittels Austerität in der EWU eine Konvergenz der Lohnstückkosten auf das deutsche Niveau zu erzwingen. Doch Union und Sozialdemokratie weisen auch Unterschiede auf: So hat die SPD eine größere Bereitschaft zur Kompetenzabgabe und zu Transferzahlungen an Brüssel als die CDU. Im weiteren Verlauf der Verhandlungen ist deshalb davon auszugehen, dass insbesondere die CDU eine bremsende Rolle einnehmen wird.

Unterm Strich laufen die Vorschläge Macrons auf die Einführung einer Eurowirtschaftsregierung, die auch steuerpolitische Kompetenzen besitzt, hinaus.  Er fordert seinerseits einen Eurozonenfinanzminister, der ein eigenes Budget für die Eurozone verwaltet. Durch dieses Budget soll eine fiskalpolitische Steuerungsmöglichkeit in der EWU eingeführt werden, die unter anderem Handelsungleichgewichte abbauen und Konjunkturschocks abfedern kann. Der Finanzminister ist nach französischen Vorstellungen zunächst einem EU-Parlamentsausschuss, später einem Gremium mit nationalen und europäischen Abgeordneten rechenschaftspflichtig. Immerhin ein vorsichtiger Gedanke von Demokratisierung.

Über das EWU-Budget herrscht Uneinigkeit. Das EWU-Budget solle laut Macron eine eigene direkte Finanzierungsmöglichkeit haben, beispielsweise über eine eigene EWU-weite Steuer. Der französische Präsident fordert in den Verhandlungen ein Budget in Höhe von mehreren Prozentpunkten des  EWU-BIPs. Günther Oettinger, der deutsche EU-Kommissar für Haushalt und Personal, sieht hingegen schon 1 % als Herausforderung an. Aus Sicht der Bundesregierung ist eine Mittelvergabe an die Umsetzung von Reformen gebunden. Das Budget soll nicht dauerhaft zu Abmilderungen von Krisen und zur fiskalpolitischen Steuerung verwendet werden können. Dementsprechend werden langfristige Transfers abgelehnt. Vom Eurozonenfinanzminister erhofft sich die deutsche Regierung eine bessere Überwachung der Einhaltung von Sparauflagen gemäß dem Stabilitäts- und Wachstumspakt.

Den jüngsten Kommissionsvorschlag, das sogenannte Nikolauspaket, durchzieht weniger eine inhaltliche Positionierung in eine der Richtungen, sondern ein institutionelles Eigeninteresse. Danach soll der EWU-Finanzminister sowohl Präsident der Eurogruppe als auch Vizepräsident der Kommission sein, der EWU-Haushalt als eine Haushaltsposition im Haushalt der EU verwaltet werden und bei der Transformation des ESM in den EWF, soll der EWF in das Unionsrecht übertragen werden. All diese Maßnahmen würden die Rolle der Kommission gegenüber dem Rat stärken. Dass sich die Kommission durchsetzen kann, ist jedoch aufgrund des Widerstands aus den Nationalstaaten unwahrscheinlich. Ein Kompromiss zugunsten des Rats ist absehbar.

Wer bekommt was?

Alle drei Player eint ihre finanz-, fiskal- und wirtschaftspolitisch neoliberale Haltung: Die Mitgliedstaaten sollen sparen, möglichst breit gefächert privatisieren und Strukturreformen in den sozialen Sicherungssystemen umsetzen. Voraussetzung dafür ist die Einschränkung von gewerkschaftlichen und Arbeitnehmerinnenrechten, wie sie in Deutschland vor 15 Jahren durchgesetzt wurde und in Frankreich derzeit durch die Regierung Macron.

Mit einer solchen Herangehensweise kann vielleicht versucht werden, einen insolventen Riesen-Konzern zu retten, aber mit Sicherheit ist das kein Grundstein für ein soziales und friedliches Europa. Denn wozu Kommission, Deutschland und Frankreich schweigen, sind die enormen Exportüberschüsse Deutschlands und dem dadurch entstehenden Handelsungleichgewicht. Auch das Verbot von nötigen Investitionen wegen der schwarze Null, die Wetten der Banker auf fallende Unternehmenskurse, auf Schulden und auf Lebensmittel an den Warenterminbörsen, toxische Finanzprodukte und die „to big to fail“-Megabanken werden erst wieder Thema, wenn es zu spät ist. Kurzum: Die wirklich wichtigen volkswirtschaftlichen Probleme, vor denen die EWU steht, wollen die selbsternannten Gestalter Europas nicht angehen, und so werden weiterhin Stromabschaltungen zur Tagesordnung gehören, das Geld nicht für die Miete reichen und ein Erwerb mit Perspektive Zukunftsmusik bleiben.

Die Alternative

DIE LINKE fordert ein Ende der Kürzungs- und Spardoktrin. Wir benötigen stattdessen dringend öffentliche Investitionen in den sozial-ökologischen Umbau, in Schulen, Straßen, kulturelle Einrichtungen und in Bildung. Die europäischen Gesellschaften sollen Garant für den Zugang zu guter Bildung, Gesundheits- und Pflegeversorgung und zu menschenwürdigem Wohnen werden.

Wie können diese politischen Ziele erreicht werden? Zunächst benötigt die EZB demokratische Kontrolle. Die formelle Unabhängigkeit der EZB verhindert, dass demokratisch über die Geldpolitik entschieden werden kann, zugleich kann Geldpolitik nicht unpolitisch sein. Dies zeigte sich in der Politisierung der unkonventionellen Geldpolitik der EZB nach der Eurokrise. Noch deutlicher trat die EZB als Teil der Troika politisch auf und setzte das Spardiktat für Griechenland durch, indem die EZB Griechenland und seiner linken Regierung die Geldversorgung verwehrte.

Die Europäischen Verträge sind Ausdruck des vorherrschenden neoliberalen Zeitgeistes. Der Stabilitäts- und Wachstumspakt limitiert den fiskalpolitischen Handlungsspielraum der Nationalstaaten und Maßnahmen wie Rücküberführung von Unternehmen in die öffentliche Hand werden durch diese verboten. Diesen Regeln zufolge ist eine verschärfte Austerität die einzige Krisenlösung, die möglich erscheint. Stattdessen bedarf es ökonomischer Steuerung. So sind Ausnahmen im Stabilitäts- und Wachstumspakt für Defizitausgaben der öffentlichen Hand für Investitionen in die soziale und ökologische Infrastruktur zu schaffen (Goldene Investitionsregel). Selbst die Kommission spricht von einer Investitionslücke von 400 Milliarden € in der EU.

Strafabgaben für kontinuierliche Überschüsse wären ein adhoc-Schritt in die richtige Richtung. Ebenso ist ein tatsächlicher Schuldenschnitt für überschuldete Staaten in der EWU nötig.

In diesem Sinne muss sich (vor allem) die (deutsche) Linke zwei Tatsachen zum Herzen nehmen. Erstens: Die Beendigung des deutschen Lohndumpings hat höchste Priorität. In Deutschland sind die Löhne in Relation zur Produktivität viel zu gering. In den letzten 20 – 25 Jahren ist die Produktivität schneller gestiegen als die Reallöhne und es wurden massenhaft neue deregulierte Arbeitsverhältnisse geschaffen, die niedrigere Sozialabgaben für Unternehmen verursachen. In Deutschland müssen höhere Löhne und bessere soziale Sicherungssysteme erkämpft werden. Dies führt zu einer Stärkung der Binnennachfrage und reduziert die deutsche Exportabhängigkeit. Zweitens: Transferleistungen in der Eurozone sind demnach nur in Verbindung mit dem Abbau der Handelsungleichgewichte sinnvoll.  Ansonsten stabilisieren und zementieren die Transfers nur bestehende Abhängigkeiten in den Volkswirtschaften in der Peripherie der Eurozone.

Es ist notwendig, in Krisenzeiten öffentliche Investitionen zu tätigen. Der Erhalt der Gelder darf nicht an austeritäre Strukturreformen gebunden sein. Ein derart tätiger Fond ist sinnvollerweise mit einer Bankenlizenz auszustatten, damit diese Kredite direkt über die EZB bezogen und die teure Finanzierung über die Finanzmärkte umgangen werden kann. Anstatt also einen Europäischen Währungsfond zu schaffen, sollte geprüft werden, inwiefern die obigen Aufgaben auch von der Europäischen Investitionsbank getätigt werden könnten.

 

Über den Autor:

Martin Schirdewan (DIE LINKE) ist seit 2017 Europaabgeordneter in der EP-Linksfraktion GUE/NGL. Dort arbeitet er im Ausschuss für Wirtschaft und Währung (ECON) und beschäftigt sich darüber hinaus mit Fragen des Rechtsrucks in Europa und europäischen Gewerkschaftsbewegungen. Bis zu seinem Einzug ins Europaparlament war Schirdewan Leiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Brüssel, Madrid und Athen.

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