MiFID 2: Anlageberatung in Europa wird neu definiert

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Die EU-Kommission will das bisher auf Provisionen basierende Vergütungsmodell in der Anlageberatung von Banken kippen. Die Branche hält die Vorteile der Alternativen für fraglich. © Rainer Sturm / PIXELIO

Analyse von DB ResearchDie EU-Kommission hat Ende Oktober Vorschläge für eine Überarbeitung der Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (MiFID) vorgelegt. Damit soll auch der Anlegerschutz gestärkt werden. Sophie Ahlswede, Analystin bei Deutsche Bank Research, erläutert, weshalb die Bankbranche die Vorschläge ablehnt.

Zur Autorin

Sophie Ahlswede ist Analystin bei Deutsche Bank Research und betreut dort das Thema Integration der EU-Retailbanking-Märkte. Der Original-Beitrag erschien hier.


40 Prozent des gesamten Vermögens der Haushalte in der Eurozone steckt in Finanzvermögen in Form von Einlagen und Anlageprodukten – immerhin gut 19 Billionen Euro. Ein Richtlinienvorschlag der Europäischen Kommission ("MiFID 2") wird diesen Markt verändern: In Zukunft sollen Banken Verbraucher darüber informieren, ob sie eine unabhängige oder abhängige Beratung anbieten.

Im Fall der unabhängigen Beratung soll die Annahme von Provisionen verboten werden. Provisionen sind jedoch in den meisten Mitgliedstaaten das gängige Vergütungsmodell in der Anlageberatung von Banken. Unabhängig von dieser praktischen Seite ist fraglich, ob dem Verbraucher mit dem Label "unabhängig" nicht mehr versprochen wird, als der einzelne Berater halten kann.

61 Prozent der Anleger lassen sich vor einer Vermögensanlage beraten, wie eine kürzlich erschienene Umfrage von Fidelity in 14 EU-Ländern herausfand. Die meisten Anleger (68 Prozent) gehen dafür zu ihrer Bank. Wie Umfragen belegen, vermuten viele Anleger, dass ihr Anlageberater dabei nicht nur in ihrem Interesse agiert, sondern auch in seinem eigenen Interesse bestimmte Produkte empfiehlt. Die Vermutung resultiert nicht zuletzt aus der heute üblichen Form der Darstellung von Gebühren für die Beratung, die sich meist in Form von Prozent-Angaben in Produktinformationsblättern und Verträgen finden.

Die latente Unzufriedenheit darüber führt jedoch die überwiegende Mehrzahl der Anleger nicht zu dem Schluss, anstelle der traditionellen Bankberatung einen Honorarberater aufzusuchen. Ein Honorarberater bietet lediglich die Beratung an, aber verkauft keine Produkte. Im Gegenteil: Nur 7 Prozent der Anleger geben an, auf jeden Fall bereit zu sein, für Beratung direkt zu bezahlen. 37 Prozent können sich dies immerhin vorstellen. Aktuell lassen sich lediglich 9 Prozent der Anleger von einem unabhängigen Berater beraten.

Knackpunkt der Provisionsvergütung

Die Vergütung von Anlageberatern in Banken besteht in der Regel aus mehreren Teilen: dem Kunden werden einmalige (z.B. Ausgabeaufschlag) und laufende (z.B. Verwaltungsgebühr) Kosten berechnet; zusätzlich bzw. teilweise auch aus dem vom Kunden bezahlten Ausgabeaufschlag erhält der Berater vom Produkthersteller eine sogenannte "Kick-back"-Zahlung für seine Vertriebsleistung. Hinzu kommen können zusätzliche Boni o.ä. durch den Arbeitgeber des Anlageberaters, je nachdem welche Produkte der Berater in welchem Umfang verkauft.

Der Anleger hat dabei Kenntnis über die von ihm direkt gezahlten Gebühren, jedoch in der Regel nicht über die Höhe der weiteren Vergütungsströme. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) fand kürzlich in einer Untersuchung heraus, dass Banken in etwa 46 Prozent der Fälle eine Auskunft über diese indirekten Gebühren verweigerten. Obwohl die Untersuchung nicht repräsentativ war, wird deutlich, dass hier Nachholbedarf bezüglich der Transparenz besteht. Das Problem: Ohne ergänzende andere Kontrollmaßnahmen und Anreize kann das Provisionsvergütungsmodell dafür sorgen, dass ein Berater dem Kunden eher ein Produkt empfiehlt, für das der Berater eine hohe Provision bekommt, als ein Produkt mit niedrigerer Provision, das für den gegebenen Kunden vielleicht geeigneter wäre. Solche ergänzenden Kontrollmechanismen und Anreize können beispielsweise darin bestehen, dass ein Teil der Beratervergütung von Kennzahlen für den nachhaltigen Kundennutzen abhängig gemacht wird, so z.B. Kundenzufriedenheitsbefragungen oder die mittelfristige Wertentwicklung des Portfolios.

Andere Interessenskonflikte

Ein der Provisionsvergütung vergleichbarer Interessenskonflikt besteht bei der unabhängigen Honorarberatung nicht – dafür aber andere: Bei einer Entlohnung auf Stundenbasis beispielsweise könnte ein Interesse des Beraters bestehen, sich mehr Zeit zu nehmen. Bei einer Entlohnung auf Basis des Depotvolumens könnte ein Interesse des Beraters bestehen, relativ mehr Zeit für größere Depotvolumen aufzuwenden als für kleinere. Auf den Punkt gebracht schafft ein Honorarsystem Anreize, reichere Kunden länger zu beraten bzw. nur reiche Kunden zu beraten. Verkürzt ausgedrückt: Während ein Provisionssystem dafür sorgen kann, dass der Beratene nicht die richtige Beratung erhält, kann ein Honorarsystem dafür sorgen, dass erst gar keine Beratung angeboten wird.

Leistungsgebundene Vergütung

In beiden Modellen gäbe es keinen vergütungsinduzierten Interessenskonflikt, wenn die Vergütung zu einem substanziellen Anteil leistungsgebunden wäre, d.h. der Berater einen Anteil am Gewinn der Anlage verteilt über die Haltedauer erhielte. Da der Berater gewisse Fixkosten hat, scheint eine 100-prozentige leistungsgebundene Vergütung aber nicht empfehlenswert. Eine allein leistungsgebundene Entlohnung könnte dazu führen, dass der Berater einen Anreiz hat, risikoreichere (und damit in der Regel renditeträchtigere) Anlagen zu empfehlen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, bei der Bewertung der konkreten Anwendung von Vergütungsmodellen nicht archetypische Modelle zu betrachten, sondern deren Einbettung  in die gesamten Anreiz-, Kontroll- und Vergütungssysteme eines Finanzdienstleisters zu bewerten.

Unterschiedliche Regulierungsansätze

Die Unzufriedenheit vieler Anleger hat unter dem Eindruck der Finanzkrise in vielen Ländern eine öffentliche Diskussion ausgelöst – ungeachtet der Tatsache, dass die Unzufriedenheit offenkundig nicht als so groß empfunden wird, dass die Kunden deswegen aktiv ihre Nachfrage nach Beratung ändern. In Großbritannien hat die Diskussion des Themas bereits dazu geführt, dass Provisionen zwischen "Produkthersteller" und Berater ab 2013 verboten sind. Berater können dort in Zukunft nur noch vom Anleger ihre Vergütung erhalten. Dadurch soll der Interessenskonflikt, der aus der Vergütung resultiert, vermieden werden.

Auch in Deutschland gibt es Überlegungen in diese Richtung: das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) hat bereits "Eckpunkte" für eine Regelung der Honorarberatung veröffentlicht. Ziel ist auch hier, dass in Zukunft allein der Kunde den Berater bezahlt. Hinsichtlich Provisionen wird dabei kein absolutes Verbot angedacht, sondern eine "Provisionsdurchleitung". Dafür werden zwei Varianten erwogen: Entweder der Produktanbieter weist zusätzlich zu den "Vermittlerpreisen" auch Nettopreise aus oder Berater werden verpflichtet, etwaige Provisionen an den Kunden durchzuleiten. Letztere Variante dürfte die weniger einschneidende und gleichzeitig eine effiziente Maßnahme sein.

Die Europäische Kommission hat hinsichtlich der Vergütung von Beratern ebenfalls Vorschläge in ihrer Überarbeitung der Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente ("MiFID2") gemacht. Danach darf sich nur unabhängiger Berater nennen, wer keine Provisionen von Dritten annimmt. Gleichzeitig muss der unabhängige Berater "eine genügende Anzahl von am Markt verfügbaren Finanzinstrumenten" bewerten. Das Verbot der Annahme von Vergütung durch Dritte gilt auch für Portfoliomanager. Damit wählt die Kommission eine striktere Lösung als die bisherigen Überlegungen des BMELV.

Ferner muss der Anleger bei dem Verkauf einer Kombination von Produkten (sog. "cross-selling") darüber informiert werden, ob die Produkte auch separat gekauft werden können. Dabei müssen die Kosten zu jedem Produkt einzeln aufgeführt werden.

Konsequenzen

Problematisch bei der Kategorisierung in "unabhängig" und "abhängig" könnte die Erwartungshaltung bzw. die Wahrnehmung aus Kundensicht werden. "Unabhängige Beratung" klingt zunächst gut. Aufgrund des Gesetzes oder sonstiger Umstände ergibt sich jedoch nicht, dass unabhängige Beratung auch eine qualitativ bessere Beratung für den Kunden sein muss.

Eine qualitativ hochwertige Beratung hängt ganz wesentlich mit zwei Faktoren zusammen:

1. Ob bei der Beratung die Anlageziele, finanziellen Umstände und Risikobereitschaft des Kunden adäquat berücksichtigt werden und

2. Ob der Kunde durch gewisse Grundkenntnisse bezüglich Finanzinstrumenten in der Lage ist zu beurteilen, ob der Berater dies auch tut.

Ob ein unabhängiger Berater besser berät als ein abhängiger, wurde bislang nicht ausreichend empirisch untersucht. Die Eliminierung eines Interessenskonflikts (Falschberatung aufgrund von Vergütungsanreizen) wird möglicherweise lediglich durch einen anderen ersetzt (schlechte oder gar keine Beratung).

Für den Kunden ist es im Ergebnis unerheblich, ob er nicht gut beraten wird, weil sein Berater einen Vergütungsanreiz von dritter Seite hat oder weil er sich nicht genügend Zeit für ihn nimmt (oder ihn gar nicht erst berät). Eine einseitige Fixierung auf vergütungsinduzierte Interessenkonflikte wird deshalb noch keine bessere Anlageberatung für Verbraucher schaffen. Für ein umfassendes Bild müssen andere Anreize und Kontrollmechanismen und die großen Unterschiede innerhalb der Gruppe der Verbrauchern mit beachtet werden. Die Grundkenntnisse der Verbraucher hinsichtlich Finanzprodukten sind sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die Qualitätsmessung von Anlageberatung ist insgesamt schwierig – das BMELV hat hierzu eine Studie in Auftrag gegeben, die in Kürze veröffentlicht werden soll.

Für Banken und Finanzprodukthersteller ergibt sich durch die zu erwartende europäische Gesetzgebung eine erhebliche Veränderung ihres Geschäftsmodells hinsichtlich des Vertriebs und der Beratung von Anlageprodukten. Die politischen Entscheidungsträger sollten bei der Regulierung im Auge behalten, dass nicht einfach nur ein Interessenkonflikt durch einen anderen ersetzt wird. Mögliche Ansatzpunkte wären:

1. Anforderungen an die Vergütungsart (für alle Berater), d.h. mehr leistungsgebundene Vergütung. Dabei darf das Risiko der Anlage nicht außer Acht gelassen werden. Leistung müsste anhand eines risikoadjustierten Indikators gemessen werden.

2. Anforderungen an die Mitgliedstaaten, finanzielle Bildung verstärkt zum Gegenstand von Schul-, Aus- und Weiterbildung zu machen.

Für Anleger wird sich vorerst wenig ändern – bis MiFID 2 den europäischen Gesetzgebungsprozess durchlaufen hat und dann in nationale Gesetze umgesetzt wird, werden sicher noch mehr als zwei Jahre vergehen. Die Ankündigung allein könnte jedoch bereits zu einer Vorwegnahme einzelner Regelungen durch Banken führen.

Sophie Ahlswede, DB Research

Links

Dokumente der Kommission

Neue Vorschriften für effizientere, widerstandsfähigere und transparentere Finanzmärkte in Europa (20. Oktober 2011)

Richtlinie über Wertpapier­dienstleistungen – Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (MiFID)

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN