Europäische Autobauer dürfen das Wettrennen um die Elektrifizierung nicht verlieren

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Strengere Standards für saubere Autos und Anreize für Elektrofahrzeuge (EV) werden europäischen Automobilherstellern helfen, auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig zu bleiben, meint Ashok Jhunjhunwala. [EPA/RAJAT GUPTA]

Wenn die EU ihre CO2-Emissionen wie versprochen reduzieren und ihre internationale Führungsrolle in der Klimapolitik behalten will, muss sie im Verkehrsbereich endlich Fakten schaffen. Dazu muss die EU den Übergang zu sauberer Mobilität beschleunigen, denn rund ein Fünftel aller europäischen Treibhausgasemissionen stammen aus dem Binnenverkehr. Und indem sie proaktiv dafür sorgt, dass Elektrofahrzeuge in die Exportproduktion und in die ausländische Fertigung aufgenommen werden, kann sie ihre klimapolitische Führungsrolle weiter ausbauen.

Strengere Umweltstandards für Autos sowie Anreize für Elektroantriebe tragen nicht nur dazu bei, den europäischen Beitrag zu dem Pariser Klimaabkommen in Reichweite zu bringen. Sie könnten den europäischen Autobauern auch dabei helfen, im Kontext der rasch voranschreitenden weltweiten Elektrifizierung ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Aktuell liegen die europäischen Marken beim Rennen um Elektrofahrzeuge für den Massenmarkt weit abgeschlagen hinter den asiatischen und amerikanischen Herstellern. Währenddessen erkennen die Menschen die Vorteile strombetriebener Fahrzeuge: So rechnen vier von zehn befragten europäischen Autofahrern damit, als nächstes ein Elektrofahrzeug zu kaufen.

Die Chancen im Nicht-EU-Ausland sind sogar noch größer, insbesondere in den sich rasch entwickelnden Ländern wie China und Indien. Obwohl aktuell nur rund 6.000 Elektrofahrzeuge auf den Straßen meiner indischen Heimat unterwegs sind, gab sich die indische Regierung in diesem Jahr ein ehrgeiziges Ziel: Bis 2030 sollen 30 Prozent aller verkauften Autos mit Strom fahren. Andere Stimmen in der Regierung befürworten sogar 100 Prozent. Außerdem führen mehrere Städte und Bundesstaaten eigene Strategien für Elektrofahrzeuge ein – und viele davon sind noch ehrgeiziger als der Plan der gesamtindischen Regierung. Die Stadt Delhi beispielsweise veröffentlichte vor Kurzem den Entwurf für eine Vorschrift, laut der innerhalb der nächsten fünf Jahre ein Viertel aller Neuzulassungen im Stadtgebiet Elektroautos sein sollen.

Indien ist der weltweit viertgrößte Automarkt – die gut vier Millionen im letzten Jahr verkauften Neuwagen stellen erstmals sogar Deutschland in den Schatten. Daher werden die landesweiten und regionalen Zielvorgaben mit hoher Sicherheit eine enorme Nachfrage nach Elektroautos zur Folge haben. Mehr noch: Sie werden dazu führen, dass vor Ort die entsprechende Infrastruktur geschaffen wird.

Auch im Fall von China gehen Analysten allein für dieses Jahr von über einer Million verkauften Elektrofahrzeugen aus. Die Schlagkraft der Strategien, die die EU in nächster Zeit beschließt, wird entscheidend sein, ob sich die europäischen Autobauer auf diesen neuen Märkten behaupten können. Erst letzte Woche schlug die Europäische Kommission eine Strategie zur Erreichung von Klimaneutralität bis zum Jahr 2050 vor. Darin wird auch unmissverständlich die Notwendigkeit betont, die Emissionen im Verkehrsbereich zu senken.

Zusätzlich sind kurzfristige Strategien und Anreize erforderlich, um die Automobilbranche aufzurütteln und die europäischen Hersteller dazu zu bringen, ihre Flotten sauberer zu gestalten. Derzeit wird über strengere Abgasnormen für Autos, Lieferwagen und Lastwagen diskutiert, und dies ist zweifellos ein dringend benötigter Schritt. Ein noch stärkeres Signal an die Hersteller wären allerdings Verkaufsziele für Elektrofahrzeuge, mit denen andere große Märkte eingeholt oder sogar übertroffen werden. Dafür macht sich – löblicherweise – derzeit das Europäische Parlament stark.

Aktuell ist die Präsenz europäischer Unternehmen auf dem indischen Automarkt winzig: Von ihnen stammen lediglich 4 Prozent der verkauften Autos. Europa wird weiterhin eine Nebenrolle einnehmen, wenn Marken wie Volkswagen, Renault und BMW keine emissionsfreien Modelle entwickeln und zu Preisen anbieten, die auch indische Käufer der Mittelschicht zahlen können. Die Elektromobilität bietet europäischen Unternehmen eine große Chance, sich als führende Anbieter auf einem Markt zu positionieren, auf dem sie bislang kaum eine Rolle spielen.

Neben traditionellen vierrädrigen Personenwagen bietet auch die Elektrifizierung anderer Verkehrsmittel enormes Potenzial. So erfreuen sich dreirädrige Rikschas in indischen Städten starker Beliebtheit: Die Verkaufszahlen stiegen im letzten Jahr um 24 Prozent. Auf den indischen Straßen rollen bereits rund 1,5 Millionen elektrische Rikschas – und jede von ihnen ersetzt einen Zweitakter, der Treibhausgase und Luftschadstoffe ausstoßen würde. Diese Motoren haben dazu geführt, dass sich zehn der weltweit am stärksten verschmutzten Städte in Indien befinden.

Doch obwohl das italienische Unternehmen Piaggio mit dem Verkauf von Rikschas in Indien auf dem zweiten Platz liegt, hat es den E-Rikscha-Boom vollständig versäumt und bietet auf dem indischen Markt immer noch keine elektrischen Modelle an.

Die rasante Verbreitung von E-Rikschas beweist, dass ein rascher Übergang zu sauberer Mobilität möglich ist, sofern die Bedingungen stimmen. Doch wenn diese elektrische Revolution in Indien auf den Autosektor übergreift, werden die europäischen Autobauer dann in den Startlöchern stehen? Die indischen Autohersteller Mahindra & Mahindra und Tata Motors arbeiten bereits an der Entwicklung erschwinglicher Elektroautos für den Massenmarkt, auf dem sie mit anderen zukunftsorientierten asiatischen Marken konkurrieren.

Letztendlich ist es für alle Menschen von Vorteil, wenn beim Bau und Verkauf von hochwertigen Elektrofahrzeugen aller Klassen Wettbewerb herrscht. Denn die schmutzige, gefährliche Luft unserer Städte wird erst dann sauberer werden, wenn wir keine Abgase und Feinstaube mehr aus unseren Auspuffrohren schleudern. Und auch mit Blick auf den Klimaschutz muss das Zeitalter des Verbrennungsmotos umgehend beendet werden.

In dieser Woche versammeln sich die Staats- und Regierungschefs der ganzen Welt in Polen bei der jährlichen UN-Klimakonferenz (COP 24). Dies bietet allen Ländern die Chance, sich zu einer ehrgeizigen Reduzierung der Emissionen aus dem Verkehrssektor zu verpflichten, damit sie ihre Versprechen aus dem Pariser Klimaabkommen einhalten können. Gleichzeitig gibt die Konferenz den Ländern die Möglichkeit, miteinander zu wetteifern – um noch strengere Ziele und um den Bau der dringend benötigten Elektroautos.

Ich bin stolz auf die Erfolge der indischen Autobauer bei der Elektrifizierung ihrer Flotten. Gleichzeitig wünsche ich mir aber, dass auf den Straßen von Neu-Delhi und Chennai auch Elektromodelle von europäischen Marken zu sehen sind. Die Europäische Union wird darunter leiden, wenn die dortigen Autohersteller nicht zu den Vorreitern der Elektro-Revolution gehören. Und da sich Treibhausgase auf das Klima der ganzen Erde auswirken, wird auch der Rest der Welt leiden, wenn sich Europa nicht in gleichem Maße an der Dekarbonisierung des Verkehrssektors beteiligt.

Der Autor

Ashok Jhunjhunwala ist Professor am Department of Electrical Engineering des indischen Institute of Technology. Davor leitete er die Planungskommission für Elektrofahrzeuge der indischen Regierung.

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