Der Brexit-Schock: Wohin treibt Europa und was wird aus der Globalisierung?

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Nach Brexit muss der Schock an den Märkteverarbeitet werden [Foto: dpa]

Das Unerwartete ist eingetreten: Entgegen den Erwartungen der Märkte haben die Briten für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union gestimmt. Nun gilt es, diesen Schock an den Märkten zu verarbeiten.

Nach den ersten panikartigen Reaktionen an den Aktien- und Devisenmärkten dürfte es schnell zu einer Stabilisierung kommen. Das aber hängt heute und in den nächsten Tagen davon ab, wie die Politik in Großbritannien und in der Europäischen Union reagiert. Es wird ökonomisch und politisch kurzfristig provisorische Lösungen geben. Aber ohne jeden Zweifel werden die geopolitischen, weltwirtschaftlichen Verwerfungen groß sein und ernste Fragen von historischem Ausmaß aufwerfen. Großbritannien selbst steht womöglich vor der Auflösung. England könnte Schottland und Nordirland an die EU verlieren.

Aber natürlich stellt sich vor allem die Frage über die Zukunft Europas. In einigen Jahrzehnten wird man verstehen, was heute passiert ist. Sollte die EU daran zerbrechen, haben die Briten vielleicht nur als Erste die Entwicklung verstanden. Was tatsächlich passieren wird, hat aber nichts mit historischem Fatalismus zu tun, sondern mit dem Gestaltungswillen und der Verantwortung der Politik. Es geht um die Lösung sehr fundamentaler Probleme der institutionellen Ausgestaltung Europas und eines Ordnungsrahmens für die Globalisierung.

Die immanenten Konflikte und Widersprüche zwischen globalen Märkten, nationaler Souveränität und demokratischer Legitimation müssen dringend beantwortet und gelöst werden, um die historisch hohen Kosten von Re-Nationalisierung, Fragmentierung und Protektionismus zu verhindern. Deren Beantwortung ist die Aufgabe der Politik in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren. Bloße politische Rhetorik aus Brüssel wird nicht ausreichen.

Die Aufgabe ist viel größer. Die Welt, zumal Europa befindet sich im Übergang in eine neue Ordnung. Unklar ist, welche das sein wird. Die daraus folgende Unsicherheit ist paradigmatisch und gefährlich. Es ist wohl an der Zeit, den politischen und institutionellen Entwicklungspfad zu entscheiden: Wollen wir Vereinigte Staaten von Europa oder ein Europa der Vaterländer. Die Konsequenzen sind sehr unterschiedliche. Ein Herumlavieren ist ab sofort keine Strategie mehr, weil mit dem heutigen Tag die Fliehkräfte deutlich zugenommen haben. Es stehen historisch wichtige Zeiten an.

Prof. Dr. Henning Vöpel ist Direktor und Geschäftsführer des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). Er ist außerdem Professor für Volkswirtschaftslehre an der HSBA Hamburg School of Business Administration. Seine Forschungsschwerpunkte sind Konjunkturanalyse, Geld – und Währungspolitik, Finanzmärkte und Sportökonomik.

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