Cecilia Malmström: Warum profitieren Frauen weniger?

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström. [European Commission]

Ursula von der Leyen wird die erste weibliche Chefin der Europäischen Kommission. Darüber hinaus wird es ihr mit zwölf weiteren Frauen und 14 Männern (höchstwahrscheinlich) gelingen, zum ersten Mal Geschlechterparität in der EU-Exekutive zu erreichen. Frauen spielen auf EU-politischer Ebene auf Augenhöhe; in Bereichen wie Wirtschaft und Handel ist dies aber nach wie vor anders, schreibt Cecilia Malmström.

Cecilia Malmström ist Wirtschaftskommissarin in der scheidenden EU-Kommission von Jean-Claude Juncker. Davor war sie EU-Kommissarin für Innenpolitik.

Die designierte Präsidentin Ursula von der Leyen wird die erste weibliche Kommissionspräsidentin sein. Darüber hinaus ist es ihr gelungen, das erste geschlechtergerechte EU-Führungsteam zu bilden. Frauen sind wieder auf der EU-Agenda.

Das ist ein wichtiger Schritt nach vorne; aber wir dürfen jetzt nicht nachlassen. Jedes Mitglied der neuen EU-Führung muss sich gut überlegen, wie sie zur Weiterführung dieses Prozesses beitragen können.

Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass internationaler Handel Wohlstand bringt. Es ist ebenso bekannt, dass die Gewinne aus dem Handel nicht immer gleichmäßig verteilt sind.

In den letzten Jahren hat die EU Abkommen mit einigen der größten Volkswirtschaften der Welt abgeschlossen. Seit 2014 sind Abkommen mit 15 Ländern in Kraft getreten, darunter Japan, Kanada und viele mehr. Unternehmen und ihre Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der EU profitieren davon, Teil des heute größten Handelsnetzes der Welt zu sein.

Dennoch scheint es, dass einige mehr profitieren als andere.

Nach unseren Forschungsergebnissen sind rund 36 Millionen Arbeitsplätze in Europa an die EU-Exporte geknüpft. Aber von diesen 36 Millionen Arbeitnehmenden sind nur 37 Prozent Frauen. Warum?

EU-Studien zeigen auch, dass Männer bei Jobs im Zusammenhang mit Exporten in der Regel durchschnittlich 17 Prozent mehr verdienen. Bei Frauen sinkt diese „Lohnprämie“ bei exportorientierten Tätigkeiten jedoch auf 13 Prozent. Es zahlt sich für Frauen also immer noch aus, im Bereich Handel zu arbeiten – aber weniger als für Männer. Warum?

Mit diesen Daten im Hinterkopf werde ich heute [30. September 2019] die zweite internationale Konferenz der EU über Handel und Geschlechterfragen mit dem Titel „Trade for Her“ ausrichten. Wir werden uns diesen und weiteren Fragen widmen und dafür internationale Expertinnen und Experten, Regierungen, Geschäftsleute und Nichtregierungsorganisationen zusammenbringen, um zu diskutieren, warum Frauen nicht in solchem Maße vom internationalen Handel profitieren wie Männer, und was wir tun können, um diesen „Gap“ zu schließen.

Dieses Thema geht natürlich weit über die Grenzen der EU hinaus: Frauen in Entwicklungsländern stehen vor ganz anderen Herausforderungen als Frauen in Europa. Unsere Arbeit muss eine globale Perspektive haben. Deshalb haben wir Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der ganzen Welt eingeladen.

Es gibt auch eine klare wirtschaftliche Begründung für die Stärkung der Rolle von Frauen in der Wirtschaft: Laut einem Bericht von McKinsey könnte ein solches Empowerment bis 2025 bis zu 28 Billionen US-Dollar zum globalen BIP beitragen. Frauen Zugang zu den Dingen zu verschaffen, die sie für eine Geschäftstätigkeit benötigen – Land, Kapital, Chancen – fördert das Wirtschaftswachstum.

Und nicht nur das: Laut OECD und anderen Sachverständigen neigen Frauen dazu, mehr in ihre [lokalen] Gemeinschaften zu investieren – in Dinge wie die Ernährung und Bildung ihrer Kinder.

Seit der letzten Konferenz im Jahr 2017 haben wir nicht Däumchen gedreht: Die EU hat Grundlagen dafür geschaffen, wie eine fortschrittliche Handels- und Geschlechterpolitik aussehen könnte. Priorität Nummer eins war es zunächst, relevante Daten zu erhalten. Neben den oben genannten Zahlen werden wir heute einen neuen Bericht unserer Partner vom International Trade Centre (ITC) vorstellen.

Dieser ITC-Bericht hebt unter anderem hervor, dass Frauen eher in kleineren Unternehmen arbeiten als Männer. Kleinere Unternehmen benötigen mehr Unterstützung beim Zugang zu ausländischen Märkten, weil sie oftmals nicht über die Ressourcen verfügen, um den komplizierten Verwaltungsaufwand zu bewältigen.

Unser kürzlich abgeschlossenes Abkommen mit Japan hat diese Bürokratie enorm vereinfacht und enthält einen ganzen Abschnitt, der sich damit befasst, kleinen und mittleren Unternehmen dabei zu helfen, das Beste aus ihren Möglichkeiten zu machen. Wir haben inzwischen spezielle KMU-Kapitel in alle unsere Handelsabkommen aufgenommen.

Darüber hinaus betrachten wir Gender-Fragen in allen von uns durchgeführten Folgenabschätzungen, und wir haben in unsere jüngsten bilateralen Abkommen verbindliche Verpflichtungen zur Gleichstellung der Geschlechter aufgenommen.

Auf internationaler Ebene haben wir in der Welthandelsorganisation die Erklärung über Handel und wirtschaftliche Stärkung von Frauen unterzeichnet. Insgesamt 121 Mitglieder haben sich darin verpflichtet, alles zu tun, um die Beteiligung von Frauen am internationalen Handel zu erhöhen.

All dies ist ein guter Start, aber es muss noch mehr getan werden.

Wir sind nicht so naiv, zu glauben, dass wir auf unserer heutigen Konferenz alle Lösungen finden werden. Der internationale Handel ist ein Teil eines größeren Puzzles. In Zukunft muss sich die Arbeit auf eine ganze Reihe von Faktoren konzentrieren, darunter Bildung, Zugang zu Finanzen und auch soziale Einstellung bezüglich Frauen, um nur einige zu nennen.

Warum haben so viele von uns eine ausgewogene Kommission gefordert? Es war nicht nur um der Sache willen. Es liegt auch darin begründet, dass Frauen die Hälfte der Gesellschaft ausmachen. Und es gibt eine Menge Talente, die übersehen oder ignoriert werden.

Wenn bei den Anhörungen [der designierten Kommissionsmitglieder durch das EU-Parlament, Anm. d. Übers.] in dieser Woche alles gut geht, wird die neue Präsidentin über zwölf talentierte weibliche Kommissarinnen verfügen. Damit bildet die Kommission die Gesellschaft im Allgemeinen besser ab, und ich bin fest davon überzeugt, dass sie auch zu einer besseren Entscheidungsfindung führen wird, was für uns alle gut ist.

Das gleiche Prinzip gilt für die Weltwirtschaft. Es sind nicht nur Frauen, die Chancen verpassen, sondern wir alle. Der internationale Handel kann und muss ein Teil der Lösung sein.

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